Michiko Ogawa sitzt in einem schallisolierten Raum. Sie ist es, die hier den Ton angibt, die als eine der wenigen japanischen Frauen ganz oben angekommen ist. "Das war, wie auf einen Berg zu steigen. Man läuft und läuft, und wenn man sich umdreht, merkt man plötzlich, wie hoch man ist." Mitte der 1980er Jahre begann sie beim japanischen Elektronikkonzern Panasonic zu arbeiten, seit Ende 2015 ist die 54-jährige Direktorin der Video- und Audio-Sparte, zu der auch Technics gehört, jenes Unternehmen, das für seine Lautsprecher und Plattenspieler berühmt ist. Die Chefposten japanischer Unternehmen sind zu 90 Prozent von Männern besetzt. Ogawa ist eine Ausnahme. Auch die 50 Ingenieure, die sie als Chefin führt, sind allesamt Männer.

Ogawa, elegantes Kostüm, dezentes Make-up, sitzt in der Mitte des schallisolierten Raumes, die vierspurige Straße draußen vorm Werksgelände in Osaka, die nahegelegene Bahnstrecke, all das hört man hier drinnen nicht, schließlich wird Musik gespielt. Bei Panasonic geht es darum, einen möglichst guten Klang zu verkaufen und damit möglichst viel Geld zu verdienen. Ogawa kommt regelmäßig in den Raum, dann setzt sie sich vor eine Musikanlage, die wie ein Altar vor der nackten Wand steht. Sobald die ersten Töne erklingen, beginnen Ogawas Füße im Takt der Musik zu wippen. Rhythmus und Klang, das wird sich im Laufe des Gesprächs herausstellen, ist Ogawas Lebensthema – und es hat sie so weit nach oben gebracht.

Bei der Gleichberechtigung liegt Japan auf Rang 111 von 144 Ländern

Wer an der Spitze von Firmen steht, die Unterhaltungselektronik verkaufen, hat oft einen sehr guten Abschluss in Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaft und eine Elite-Uni im Lebenslauf. Auch Ogawa hat an einer der besten Universitäten Japans studiert, aber viel wichtiger ist, dass sie Musikerin ist. Man kann hören, wie sie Klavier spielt und singt, dafür muss man auf YouTube nur ihren Namen eingeben. 14 Alben hat sie veröffentlicht, ein absolutes Gehör soll sie haben. "Manchmal können unsere Ingenieure den Unterschied zwischen zwei Tönen nicht messen, aber ich kann ihn spüren", sagt Ogawa, im weichen Dialekt, der in Osaka verbreitet ist. Dass sie etwas von Musik versteht, ist einer der Gründe, weshalb die Mitarbeiter von Panasonic sie als Chefin akzeptieren.

Die Kombination von Frau und Führungsrolle ist in Japan selten. Im Rahmen des Wirtschaftsprogramms Abenomics hatte der japanische Premierminister Shinzo Abe 2013 zur "womenomics" aufgerufen. Der Plan: Bis 2020 sollen 30 Prozent der leitenden Positionen in Politik und Wirtschaft mit Frauen besetzt sein. Bislang klappt das nicht. Dem aktuellen Global Gender Gap Report zufolge, herausgegeben vom Weltwirtschaftsforum, liegt Japan auf Platz 111 von 144 Ländern. Deutschland belegt den 13. Platz. "Die hoch entwickelte digitale Technologie ist für Frauen eine verschlossene Welt", sagt Ogawa über ihre Branche. "Ich fühle mich verantwortlich dafür, das zu ändern und mehr Frauen zu fördern." In ihrer eigenen Abteilung aber klappt das nicht. Ingenieurinnen seien selten, so eine Panasonic-Sprecherin.

Bei Michiko Ogawa war es ein Kinderlied, das ihren Weg nach oben ebnen sollte: Als sie noch im Bauch der Mutter war, sang diese regelmäßig ein Lied, akai kutsu heißt es, "Rubinrote Schuhe". Es ist ein trauriges Lied, eine Frau in roten Schuhen folgt einem Fremden in die Ferne. Als Ogawa auf der Welt war und dieses Lied hörte, sei es ihr sofort vertraut gewesen, erzählt sie. Die Frage, warum das so ist, sollte sie bis ins Studium begleiten.

Mit drei beginnt sie, Klavier zu spielen. Abends legt ihr Vater Platten auf, sie hört Duke Ellington, Erroll Garner, Art Tatum – Jazz, eine Männerdomäne –, Künstler, die sie nachzuspielen versucht und heute als Idole bezeichnet. Oft sitzt sie nun am Klavier im Wohnzimmer, immer aufrecht, auch mal eine weiße Schleife im dunklen Haar, neben dem Klavier eine Vase mit rosa Nelken. Musikerin wird sie trotzdem nicht, erst einmal zumindest. An der renommierten Keio-Universität in Tokio beginnt sie, Medizinelektronik zu studieren. Sie will verstehen, was das Lied mit den rubinroten Schuhen in ihr ausgelöst hat. Was Menschen fühlen, wenn sie Musik hören. Wie sich Rhythmen auf den Organismus auswirken. Welche Töne Wohlbefinden auslösen. Wenn sie nicht im Labor ist, spielt sie Klavier und singt in einer Jazzband.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

1986, direkt nach der Uni, geht sie ins Forschungslabor von Panasonic, jener Elektronikfirma, die damals noch Matsushita Electric Industrial Company heißt. Es ist das Jahr, in dem in Japan das erste Gesetz zur Gleichstellung von Männern und Frauen erlassen wird. Ein Gesetz, das wenig strikte Vorgaben und viele vage Empfehlungen gibt. Zumindest aber bewirkte es, dass Frauen nun nicht mehr entlassen werden durften, wenn sie heirateten.

Um ihr Gehör weiter zu schulen, hört Ogawa jeden Tag vor der Arbeit anderthalb Stunden lang Musik. Im Labor entwickelt sie Lautsprecher. Sie erforscht, wie sich das tiefe Klangspektrum besser wiedergeben lässt. Denn es sind vor allem tiefe Töne, die beim Menschen Wohlempfinden auslösen, auch weil Babys tiefe Töne bereits im Mutterleib wahrnehmen. Diese Töne will Ogawa auch zu Hause abspielbar machen, so gut wie möglich. Nicht verwunderlich, dass sie MP3 hasst, jenes Format, das Audiodaten so komprimiert, dass Laien den Qualitätsverlust kaum hören, geschulte Ohren wie die von Ogawa aber sehr wohl. "Das ist das Schlimmste, was man bei Tonträgern machen kann", sagt sie.

Sie will jungen Frauen ein Vorbild sein

15 Jahre bleibt Ogawa im Forschungslabor. Sie entwickelt Modelle, die Standards setzen: den AFP 1000 zum Beispiel, einen ultradünnen Lautsprecher, der unter anderem in der Wiener Staatsoper eingesetzt wird. Ein anderes Modell, SST-1, steht heute in der Dauerausstellung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York, es sieht aus wie ein zusammengefaltetes Horn. Der Klang des Schweizer Alphorns hatte Ogawa dazu inspiriert, die ungewöhnliche Form entwarf sie mithilfe von Computersimulationen.

2010 verkündete Panasonic, die Produktion der Marke Technics einzustellen. Auch weil immer mehr Menschen MP3s hörten, statt sich Geräte und Tonträger in hoher Klangqualität zu kaufen. Vier Jahre später ebbte dieser Trend ab, und das Unternehmen beschloss: Technics sollte zurückkehren – mit Michiko Ogawa als Chefin. Rück-blickend sagt sie, sie sei damals zu ihrem "Lebenstraum" zurückgekehrt: guten Klang zu vermitteln. Für die Pressevorführung auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin setzte sich Ogawa an den Flügel. Eine Minute lang spielte sie eine Eigenkomposition, während auf der großen Leinwand hinter ihr ein Imagefilm lief. Als sie fertig war, sagte der Moderator "Wow!", und dann: "Ladies and gentlemen, die berühmte Michiko Ogawa, eine bekannte japanische Jazzpianistin."

Jahrzehntelang war Technics vor allem für ein Produkt bekannt, den Plattenspieler der Serie SL-1200 (siehe Kasten). Seine Rückkehr aber war ungewiss. "Ich wusste nicht, ob der Plattenspieler wirklich wieder Teil der Produktserie werden sollte", erzählt Ogawa. Doch weil die Menschen wieder mehr Schallplatten kaufen und Geräte brauchen, die sich formschön in Altbauwohnungen mit Stuckdecken und Stringregalen einfügen, präsentierte Ogawa 2016 schließlich einen Nachfolger.

Plattenspieler, Lautsprecher, Verstärker: Michiko Ogawa ist nicht nur eine von sehr wenigen Frauen in Führungspositionen, sie muss auch noch Produkte verkaufen, die vornehmlich von Männern gekauft werden. "Frauen lieben Musik", sagt Ogawa, "aber Geld geben sie lieber für Kleidung und Schmuck aus, nicht für eine gute Anlage." Also hat sie eine Hi-Fi-Anlage entwickelt, die an eine Schmuckschatulle erinnert: den Deckel aus Glas muss man beiseiteschieben, erst dann lässt sich die CD einlegen. Die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott, eine schöne und berlineske Endzwanzigerin, ist Markenbotschafterin des Produkts.

"Wenn ich nicht zufrieden bin, kann das Hören und Debattieren Stunden dauern"

Bei Technics gibt es ein "Klangkomitee", eine Abteilung, die einzig dafür da ist, neue Geräte zu prüfen. Ogawa ist für die Freigabe zuständig. Dann sitzt sie mit zehn Ingenieuren in dem schallisolierten Raum, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen geschlossen. Meist legt sie Tschaikowskis sechste Sinfonie oder Beethovens fünftes Klavierkonzert auf, beide, sagt sie, eigneten sich besonders gut, um die Klangqualität eines Geräts zu bewerten. "Wenn ich nicht zufrieden bin, kann das Hören und Debattieren Stunden dauern." Ogawa war es auch, die entschied, dass die Toningenieure den Berliner Philharmonikern zuhören sollten. Sie glaubt, dass man Klang nur dann gut reproduzieren kann, wenn man das tatsächliche Musizieren kennt, wenn man begreift, wie er entsteht.

In Japan hören Frauen meist mit dem Arbeiten auf, wenn sie heiraten oder Kinder bekommen. "Musik ist ein wichtiger Partner, ohne den ich nicht leben kann", sagt Ogawa. Sie ist aber auch mit einem Mann verheiratet, Kinder hat sie keine, mehr will sie dazu nicht sagen. Lieber redet sie darüber, wie wichtig es ihr sei, junge Frauen zu ermutigen, Karriere zu machen. Ogawa spricht nicht so, wie Japanerinnen normalerweise sprechen: Ihre Stimme klingt fester, durchsetzungsstärker, ein Kontrast zu ihrem feinen Auftreten. Sie trägt meist Kostüme, keine Hosen, zu Konzerten auch mal rückenfrei.

Fürs Musikmachen bleiben Ogawa nun nur noch die Wochenenden. Vor Konzerten übt sie morgens zwischen fünf und sechs Uhr und nach der Arbeit, gegen Mitternacht. Im Haus der Mutter steht ein Flügel, an den setzt sie sich dann.

Ihren Ingenieuren sagt sie immer, wenn ein Mensch seine HiFi-Anlage einschalte, müsse er die Energie des Musikers spüren. Sie weiß, dass das nicht eins zu eins funktioniert: "Versucht, diese Lücke zu schließen, so gut es geht." Sie will nicht Technik, sondern Gefühle verkaufen. Da passt es, dass jedem Plattenspieler, der das Werk verlässt, ein Handbuch beiliegt. Und dass sie jedes dieser Bücher signiert. Auf der letzten Seite, schwungvoll und fein, mit Füller.