Einer von zwei sehr lustigen Momenten im Dokumentarfilm über Neo Rauch ist der, in dem es gar nicht um Kunst geht. "Was fühlst du, wenn jemand eine Million Dollar für ein Bild von dir zahlt?", fragt die Regisseurin Nicola Graef in dem einigermaßen merkwürdig betitelten Künstlerporträt Neo Rauch – Gefährten und Begleiter. Neo Rauch überlegt ein bisschen und antwortet: "Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen." Und das ist natürlich die einzig richtige Antwort auf diese Frage, jedenfalls, wenn sie an den Künstler gerichtet ist.

Der vergangene Freitagabend in Berlin, Kino International, Karl-Marx-Allee 33. Wir befinden uns mitten im Premierenabend des riesig angekündigten Dokumentarfilms über den Leipziger Maler Neo Rauch, der jetzt in die Kinos kommt. Merkwürdigerweise ist dies ein Abend, an dem es sehr viel ums Geld geht und ein bisschen wenig um Kunst. Aber von vorn.

Nicola Graef begleitete den sehr scheuen und sehr weltberühmten Maler Neo Rauch zwischen 2013 und 2016. Rauchs Kunst soll ja nicht weniger als das Aushängeschild dessen sein, was Ostdeutsche fühlen, nein, was die Deutschen fühlen, hört man. Nach dem Film, so ist es angekündigt, soll es Büffetchen geben, eine Band soll spielen. In der Filmzusammenfassung kann man lesen: Der Film solle "grundieren, entwerfen, verwerfen und immer wieder die Distanz suchen. So ließe sich auch das dramaturgische Konzept dieses Porträts beschreiben."

Veranstaltungen sind wie Stimmungsringe, man kann gut sehen, wie es der jeweiligen Branche gerade geht. Setzen wir uns also den Detektivhut auf und schauen. Neo Rauch ist da, natürlich, im sehr gut sitzenden Anzug, neben ihm seine Gattin, die Malerin Rosa Loy. Judy Lybke dagegen erspähen wir nicht – jenen Galeristen, der mit Neo Rauchs Bildern quasi ebenfalls reich und berühmt wurde. In einem Interview mit der ZEIT hatte er auf die Frage, was in 100 Jahren mehr wert sein werde, ein Bild von Neo oder das Schloss Babelsberg, geantwortet: "Das Bild von Neo Rauch. So ein Schloss musst du renovieren. Ein Bild nicht unbedingt. Das kostet kein Geld, das frisst keinen Strom – und wenn es von einem Künstler stammt, der geschichtlich relevant und qualitativ gut war, dann ist es bestimmt mehr wert als ein Schloss. Ein Neo Rauch ist was für die Ewigkeit."

So ungefähr muss man sich jetzt die Atmosphäre im Kino International vorstellen. Business-Talk, alle schauen geschäftsmäßig viel aufs Handy. Die Atmosphäre, tatsächlich, ein bisschen zwischen Sparkassenempfang und Betriebsweihnachtsfeier.

Aber noch mal fünf Schritte zurück. Neo Rauch lebt und arbeitet bis heute in Leipzig. Genauer gesagt, lebt er in Markkleeberg bei Leipzig. In den neunziger Jahren wirkten ostdeutsche Künstler auf den Rest der Welt so exotisch, dass diese den Aufbruch nutzen konnten wie im Grunde keine Branche sonst. Die Leipziger Schule wurde zum Befreiungsschlag der bildenden Kunst. Die kam jetzt aus Leipzig; wurde in Tokio und New York gezeigt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das Künstlerporträt nun also, Neo Rauch – Gefährten und Begleiter, klingt zwar zuerst nach Teil 17 von Herr der Ringe, soll aber das Schaffen des scheuen Künstlers zeigen und, klar, dessen Wegbereiter und -begleiter, die, um es gleich zu sagen, allem Anschein nach im Wesentlichen aus Käufern, Sammlern und Galeristen bestehen. In dem Film sagen sie allesamt die üblichen Kunstsätze, im wahrsten Sinn des Wortes. Man hätte sich das vorher nicht besser ausmalen können.

Der Künstler wirkt im Film sympathisch und angenehm ironisch. Viele Leute um ihn herum jedoch reden so, dass sich ihre Vermessung des Rauchschen Werks immer ein wenig zu sehr anhört, als rede jemand über die Entwicklung der Snapchat-Aktie. Man weiß wirklich nicht: Ist es eine Parodie oder die Imitation eines Künstlerporträts, das wir hier zu sehen bekommen?