Bernie Gunther hat Geschichte. Machen will er schon lange keine mehr. Aber er muss. Mitmachen. Bernhard "Bernie" Gunther ist der ambivalente, chandlereske Held einer inzwischen auf zehn Bände angewachsenen Serie des schottischen Autors Philip Kerr. Ende der achtziger Jahre wollte Kerr herausbekommen, "wie das, was geschah, passieren konnte", und erfand zu diesem Zweck einen Polizisten im NS-Berlin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

1936, in seinem ersten Fall Feuer in Berlin, schlägt Bernie Gunther sich als Privatdetektiv durch, jetzt, im zehnten Band der Serie, wir schreiben das Jahr 1944, hat er die Morde der Sowjets an polnischen Soldaten in Katyn untersucht, war als SD-Hauptmann Zeuge der Ermordung Heydrichs und der "Vergeltungsmassaker" der SS in Böhmen und hofft nun auf einen bequemeren Posten ausgerechnet im Amt für Kriegsverbrechen. Doch nichts da: Goebbels hat an dem respektfreien Kriminalisten, dessen Personalakte eine Sammlung subversiver Bemerkungen enthält und keine Angabe zur Parteimitgliedschaft, einen Narren gefressen.

Goebbels hat sich außerdem in den Ufa-Star Dalia Dresner verknallt. Er möchte die Blondine als Hauptdarstellerin einer Siebenkäs-Verfilmung gewinnen, doch diese will zuvor mit seiner Hilfe herausfinden, wo ihr kroatischer Erzeuger abgeblieben ist. Für Goebbels ein Problem, fürchtet er doch, von seinen filmfeindlichen SS-Kumpels der Tändelei mit einer Slawin bezichtigt zu werden. Nicht aber für den verdeckt operierenden Ermittler Gunther. Der sich auch – nach einer Erstbegegnung mit der sich nackend sonnenden Dalia und einer Zweitbegegnung in ihrem Bett – ausreichend hingerissen fühlt, um alles für die Schöne zu tun. Und so begibt sich Gunther in die Unterabteilung der NS-Hölle, die die Ustascha in Kroatien errichtet hat. Dort leitet Dalias Vater, ein abtrünniger Priester, das einzige nicht von Deutschen betriebene Vernichtungslager des NS-Systems, Jasenovac. Seinen Vorgarten schmückt ein Zaun aus abgeschlagenen Köpfen, zum besten Sliwowitz präsentiert er Bernie das Spezialmesser, mit dem er hundert Serben getötet hat.

Massenmord ist ein Stoff, dem der klassische Whodunit-Krimi Agatha Christiescher Prägung nicht gewachsen ist. Kerr höhnt deshalb mit der Stimme seines belesenen Helden: "Ich hätte zu gerne den Ermittler gesehen, dem es gelänge, sämtliche deutschen Verdächtigen in einer Bibliothek zu versammeln und ihnen zu erklären, wer schuldig war und wer nicht." Bernie ist es jedenfalls nicht. Sein Konzept, wenigstens persönlich anständig bleiben zu wollen, kann er nicht durchhalten: Auch er muss ein paar Morde begehen, um diese Geschichte aus dem Rückblick eines Überlebenden erzählen zu können.

Philip Kerr: Operation Zagreb. Aus dem Englischen von Axel Merz; Wunderlich Verlag, Berlin 2017; 512 S., 22,95 €, als E-Book 19,99 €