Sex zieht, aber dass es gleich so viel Sex sein muss? Das Publikum im prall gefüllten Wiener Ateliertheater ist hörbar überfordert vom keineswegs jugendfreien Treiben auf der Leinwand. In Stuhlreihe 14 kichern Mittvierzigerinnen wie peinlich berührte Teenager. Vier Kurzfilme werden an diesem Abend gezeigt. Porno war bei der Werkschau der Wiener Regisseurin Adrineh Simonian zwar angekündigt worden, aber der Zusatz vom Porno mit "neuem, ästhetischen und feministischen Zugang" werde oft missverstanden. "Viele glauben, wir zeigen Blümchen- oder Lesbensex", sagt Simonian nach der Vorstellung und stellt gleich mit aller Vehemenz klar: "Aber es ist Porno!"

Seit Anfang vergangenen Jahres vertreibt Adrineh Simonian, 44 Jahre alt, geboren in Teheran, aufgewachsen in Wien, mit ihrer Produktionsfirma Arthouse Vienna Pornofilme, die keine frauenfeindliche Masturbationsvorlage sein sollen. Simonian spricht lieber von Sexualstudien, mit denen sie Pornografie neu definieren möchte: Wie entsteht Erregung? Was macht der Körper? Wie erleben Frauen ihre Lust? Interesse für die cineastische Auseinandersetzung mit solchen Fragen gibt es, das zeigt nicht nur der volle Saal im Ateliertheater. Adrineh Simonian ist als Regisseurin und Produzentin in kürzester Zeit zu einer Marke geworden, über die in der Süddeutschen Zeitung geschrieben und die ins TV-Studio von Willkommen Österreich eingeladen wird. Das liegt auch an der Geschichte der erfolgreichen Quereinsteigerin ins Film- und Sexfach: Noch vor zweieinhalb Jahren stand die heutige Pornografin auf der Opernbühne.

"Ich war kein politischer Mensch", sagt Simonian und drückt die Zigarette in einem der Aschenbecher aus, die auf dem massiven Küchentisch ihrer Altbauwohnung im ersten Wiener Bezirk stehen. "Ich habe mich als Künstlerin definiert." Jetzt ist das Gegenteil der Fall, jetzt sieht sie ihre Arbeit auch als politisches Statement: Erst die Pornografie habe Adrineh Simonian zum Feminismus gebracht.

Wenn Simonian, eine ausdrucksstarke Frau mit großen, dunklen Augen und schwarzem Haar, das dicht über die Schultern fällt, spricht, kommt die Sängerin in ihr durch. Jede Silbe wird präzise akzentuiert und ergibt einen plastischen Singsang. Fünfzehn Jahre lang war die Mezzosopranistin an der Wiener Volksoper engagiert, und sie hätte weiter von der Bühne die klassischen Werke schmettern können. "Aber mir war immer klar, dass ich nicht bis zur Pension singen werde", sagt sie. Das habe einen "anatomischen Grund": Ihre Stimme ist im Koloratur- und im lyrischen Mezzosopranfach geblieben, sie hat sich nicht zum Dramatischen hin verändert. Ab Mitte Vierzig heißt das: Die interessanten Rollen gehen aus. "Ich könnte anfangen, die komischen Alten zu singen, und hätte ein einfaches Leben. Aber dann fehlt die Herausforderung, das Kreative bleibt auf der Strecke."

Was danach kommen würde, war lange offen. Vor zwei Jahren, erzählt sie, saß sie in der Volksopern-Kantine. Nebenan eine Gruppe von Chorleuten, das Gespräch kam auf Pornos, die Männer fanden das gut, die Frauen empörten und ekelten sich. Simonian kannte selbst die typischen Mainstreampornos und fragte sich plötzlich: Ist das alles? Rein, raus, Ejakulation? Frauen, die herhalten müssen, damit sich Männer aufgeilen? Gibt es nichts, das Menschen wie ich würden sehen wollen?

Im Internet stieß sie auf eine weltweit wachsende Nische: Pornoregisseurinnen der "sex positive"-Bewegung, Filme mit mal mehr, mal weniger künstlerischem oder feministischen Anspruch, Filme, in denen Frauen Lust ausleben. Erklären kann Simonian nicht, warum, aber das Thema ließ sie nicht mehr los. Sie las und sah sich immer tiefer in die Welt der zur Schau gestellten Sexualität ein, beschäftigte sich mit Feminismus, lernte den jungen Kulturwissenschaftler Patrick Catuz kennen, der sich mit feministischer Pornografie befasst und später ihr Co-Produzent wird.

"Mit Feminismus hatte ich davor eher ein Problem", sagt Adrineh Simonian. Das, was sie aus den achtziger Jahren kannte, Vertreterinnen wie Alice Schwarzer, die Pornografie per se als Vergewaltigung ablehnen, hatte sie nie wirklich interessiert. Erst jetzt, als sie diesen anderen, sexpositiven Feminismus kennenlernte, freundete sie sich damit an.