Unser Autor Michael Allmaier hat sich durch die Privatbibliotheken von drei Professoren gewühlt – und viel über ihre Besitzer erfahren.

Bücher kann man lesen, Büchereien auch. Sie wachsen mit der Wissbegier ihrer Besitzer, formen sich nach deren Gewohnheiten, wandern eines Tages weiter als geistiges, wenn auch materielles Vermächtnis. Seit den Anfängen des Buchdrucks waren der Gelehrte und seine Bibliothek eine untrennbare Symbiose. Sie bildete den Rückhalt – und das Schaufenster seiner Bildung. Denn natürlich ist Eitelkeit im Spiel, wenn ein Mensch die Zeugnisse seiner Belesenheit um sich drapiert wie ein Sportsmann seine Trophäen.

Du bist, was du liest. Das galt über Jahrhunderte. Bis jetzt.

Im digitalen Zeitalter kann sich der Gelehrte seines Achtungserfolgs nicht mehr sicher sein. Selbst Literaturwissenschaftler arbeiten heute meist am Rechner. Millionen von Werken sind schon online und schneller auf dem Bildschirm, als man sie aus dem Regal gefischt hätte. Niemand braucht mehr gedruckte Bücher, um zu lernen oder zu lehren.

Schopenhauer sah in den endlosen Reihen sich biegender Bretter noch "das papierne Gedächtnis der Menschheit". Wer allerdings mit dem Internet aufgewachsen ist, für den sind diese Papierberge eher das Ergebnis einer Sammelleidenschaft, die den Besitzer als Messie enttarnt.

Und so tut sich ein Graben auf an deutschen Universitäten. Hier die Professoren, die ihre Grundlagen noch durch Papier erworben haben – mit Bänden aus der Fernleihe und mühsam zusammenkopierten Konvoluten, mit vollgekritzelten Reclam-Heften und absurd teuren Nachschlagewerken. Dort die Studenten, die auf diese Art niemals gelesen haben und die auch nie auf die Idee kommen werden, ihre Wohnungen mit Tonnen von bedrucktem Papier zu verstopfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Ein Jammer für ihre Besucher! Denn eine Büchersammlung verrät vieles über ihren Besitzer. Was ihn beschäftigt. Woher er kommt. Wie er seine Welt ordnet. Wer er ist. Und wer er gerne wäre. Die eigene Doktorarbeit steckt zwischen Schiller und Shakespeare? Der alte Diercke-Schulatlas hat noch nicht ausgedient? Und das Büchlein da in der zweiten Reihe – ist das etwa Fifty Shades of Grey?

Und so besitzt die Welt der Privatbibliotheken ihren ganz eigenen Reiz. Ihm wollen wir nachspüren – bevor auch noch das letzte Bücherregal durch einen Bildschirm ersetzt wird.

Drei deutsche Professoren konnten wir überreden, uns in ihrer Büchersammlung herumschnüffeln zu lassen. Jeder von ihnen ist ein namhafter und eloquenter Vertreter seines Fachs. Doch diesmal dürfen sie nur unsere Nachfragen beantworten. Ansonsten sollen ihre Bücher für sie sprechen.

Die Kommunikationsforscherin Friederike Schultz stapelt auf

Was in der Bibliothek von Friederike Schultz auffällt: Besonders gespenstisch – das Weihnachtsbuch aus dem Jahr 1943 mit einem irren Neujahrsgruß des »Führers«, der Gott anruft. • Ganz unten liegt Wallraffs »Ganz unten«, was immerhin komisch ist. • Adorno, Anders et cetera: In der »kulturpessimistischen Ecke« sind die Werke sogar sortiert. • Auf einem Turm, über Günter Grass, hat Schultz ein Babybild von sich platziert. Eine Verbeugung vor der gesammelten Weisheit oder eine Aufforderung, damit zu spielen? © Jan Philip Welchering für DIE ZEIT

Friederike Schultz, 37, ist es gewohnt, dass Kollegen sie "als Außerirdische betrachten". Bibliophilie kennt man als eine Grille älterer Männer. Eine junge Professorin im Fach Kommunikationswissenschaften erforscht so etwas vielleicht, aber doch aus sicherer Distanz, quasi vom Bildschirm aus. Wer ihre Wohnung in Berlin-Mitte betritt, erlebt das Gegenteil. Bücherstapel sogar ums Bett, wie Zinnen einer Burg. Noch viel mehr Stapel nebenan im Studierzimmer mit dem antiken Schreibtisch. Der höchste besteht aus 84 Bänden und ist knappe eineinhalb Meter hoch. Was man vermisst, sind Regale.

Sie sei viel unterwegs, sagt die Forscherin, die in Kopenhagen lehrt; da lohne es kaum, Schrauben in die Wand zu dübeln, geschweige denn die Sisyphusarbeit des Sortierens in Angriff zu nehmen. Wo immer Bücher stehen, ist zu Hause, ist Fixierung – vielleicht nicht das, was jemand sucht, der die "Dynamisierung der Kommunikation" zu seinem Thema gemacht hat. Warum also die Bücher nicht am Boden aufreihen?

Vertikalbibliotheken werden gern mit unsteten Charakteren in Verbindung gebracht. Leuten, die ein Buch anfangen, dann noch eins, weil sie denken, es sei besser, dann ein drittes, weil das zweite doch nicht so gut und das erste schon verschütt ist ... Friederike Schultz ist nicht so ein Typ. Sie liest um die zwanzig Werke parallel, mit dem Anspruch, sie auch zu beenden. "Das ist sonst gemein, denke ich immer. Der Autor hat sich ja Mühe gegeben."

Ein mutiges Credo, wenn man sieht, dass Schultz wenig Kanonisches, kaum Belletristik und viel Obskures anhäuft: die Gartenlaube im Original, Werke von völkischen Wirrköpfen aus den zwanziger und dreißiger Jahren ...

Sie glaubt daran, dass in solchen Schriften mehr Zeittypisches steckt als in jenen, die von selbst überdauern. Ganz fremd scheint ihr das Messietum allerdings nicht zu sein. Neben mancher Rarität finden sich auch Broschüren von der Bundeszentrale für politische Bildung, Liebesschmonzetten, Sofies Welt oder Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Weggeworfen wird nicht.

Und so schnell Schultz auch liest – oft mehr als ein Buch pro Tag –, ihr Bestand wächst noch schneller. Fast jede Woche kauft sie en gros in den Straßenantiquariaten am Kupfergraben. "Die kennen mich schon und rufen mir nach oder senden Nachrichten am frühen Morgen, wenn sie etwas Besonderes reinbekommen haben." Bei diesem Zustrom zeigt das Konzept der Vertikalbibliothek seine Stärke. Anders als im egalitären Nebeneinander der Regalbestände bewirken die Stapel eine ständige Gewichtung. Sie müsse kaum suchen, sagt Schultz; "was wichtig ist, findet immer nach oben". Alles Übrige sedimentiert, bis es so tief unter den Büchern darüber begraben liegt, dass man es nur noch unter Mühen freilegen kann.

Oben liegen, oder stehen sogar, ihre wichtigsten Quellen – von den Schriften des bewunderten Ernst Cassirer bis zu umstrittenen Werken wie Feuchtwangers Jud Süß. Nach unten hin wird es bei Schultz trivialer. Pech haben nur die schweren Wälzer, die allein von den Gesetzen der Statik ins Fundament gezwungen werden. Zum Glück kippt ab und an mal einer der Türme, und die Dinge ordnen sich neu.

Friederike Schultz liebt Bücher, auch solche, deren Inhalt ihr widerstrebt. Sie findet Menschen langweilig, die keine haben, und schüttelt den Kopf über Studenten, die "nicht in die Quellen reingehen, wenn sie zitieren", platter gesagt: die nicht lesen.

Man merkt aber schnell, dass ihre Bibliophilie nichts Unterwürfiges hat. Wenn Schultz sagt: "Bücher leben", dann heißt das auch, dass sie Spuren in ihnen hinterlässt. Sie macht mit Absicht Eselsohren, malt bisweilen ganze Landschaften hinein. "Mir sollte man kein Buch leihen", meint sie. Vielleicht ja doch. Immerhin weiß man dann, dass es ein kleiner Stein in einem großen Bauwerk wird. Oder der, der es einstürzen lässt.

Der Texttheoretiker Stephan Porombka fasst seine Bücher gern an

Was in Stephan Porombkas Bibliothek auffällt: Kleiner Kommentar zur Tragik buchgewordener Gedanken – ein aufgespießter Schmetterling als Allegorie für bewahrte, aber tote Schönheit. • Das Regal ist eine Spezialanfertigung ohne Seitenbretter. Das Auge findet keinen Halt. Soll es auch nicht. • Irgendwo muss sie sein, die vor Jahren versteckte Erotik-DVD. Die Kinder werden sie eines Tages beim Ausmisten finden. • Anglistik liegt ihm nicht so: »Pu der Bär« neben Virginia Woolf © Jan Philip Welchering für DIE ZEIT

Die Lesestube in Porombkas Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg ist ein wilder Assoziationsraum: eine Goethe-Skulptur, eine Discokugel, auf dem Schreibtisch steht ein gepierctes Reclam-Heft. Das bricht die Strenge der vier Wände, einer praktisch lückenlosen Palisade aus Büchern. Manche sind dabei quer vor die anderen gestellt wie Eyecatcher im Plattenladen.

Doch Stephan Porombka, 49, stellt seine Bücher nicht nur aus. Wenn man eines aus dem Regal fischt, sieht es meist gelesen, teils sogar zerlesen aus. 1989 von Rainald Goetz ist voll mit Zeitungsausschnitten und Verweisen; heute nennt man so etwas Links.

Diese Bibliothek, das wird auf den ersten Blick klar, gehört einem Mann, der Texte nicht nur konsumiert. Er arbeitet mit ihnen. Tatsächlich ist Porombka Texttheoretiker und experimenteller Schreiber. Wie der besessene Büchersammler Umberto Eco glaubt der Professor daran, dass man schon durch das Berühren der Bücher etwas daraus in sich aufnimmt.

Der zweite Blick. Die Bibliothek besteht fast vollständig aus Taschenbüchern. Ein proletarischer Gegenentwurf zu den nie berührten, ledergebundenen Folianten der Bildungsbürger. "Ich komme aus keinem Bücherhaushalt", erklärt Porombka. "Was Sie hier sehen, ist die megaloman kopierte Wand meiner ersten Deutschlehrerin." Er kaufte und kaufte, manche Bücher sogar doppelt, immer weiter. "Bis der Raum zu war" – und er selbst erleichtert. Die fehlende Bildung, dieses Trauma der Herkunft, erstickt unter einem Bücherberg.

"Bücher sind keine Kulturgüter mehr"

Doch das ist erst der Anfang. Menschen sind vielschichtig. Das sagt uns die Erfahrung. Bei Stephan Porombka sind wir uns dessen sogar sicher. Daher geht die Entdeckungsreise weiter, von der Quantität der dargebotenen Werke zu Auswahl und Struktur.

An der Auswahl erahnt man den linksliberalen Endvierziger (Arno Schmidt, Klaus Theweleit, Georg Lukács, viel Haffmans und rororo), an der Ordnung den Germanisten, der nach Epochen sortiert. Auf den neueren Romanen lastet das Erbe der Jahrhunderte. Ganz oben: der Parzival und die Autobiografie von Dieter Bohlen.

Das immerwährende Ordnen ist für Porombka ein Akt der Thesenbildung. "Man sagt: Dies gehört zusammen, das ist wichtig, und nimmt ein Buch aus der Reihe. Dadurch stehen zwei andere nebeneinander, und man fragt sich, welche Verbindung wohl zwischen ihnen besteht."

Was der Professor nicht sagt: Die Verbindung zwischen Bohlen und Parzival, dieser Bruch, ist auch ein Signal. "Seht her, ich bin keiner dieser angestaubten Professoren, die in der Vergangenheit leben, ich bin ganz vorne mit dabei." Was die Ordnung der Bücher andeutet, bestätigt ein Blick auf das Twitterprofil des Stephan Porombka. Hier ist ein Virtuose der modernen Kommunikation am Werk. Einer, der Hoch- und Popkultur verbindet und daraus Neues erschafft. Parzival und Bohlen eben.

Stephan Porombka weiß aber auch, dass die Büchersammlung manchen Studenten eher amüsiert als beeindruckt. Der Professor gibt hin und wieder Seminare in seiner Bibliothek. Seine Erkenntnis: "Bücher sind keine Kulturgüter mehr. Wir erleben gerade den Übergang, und bald sind sie verschwunden."

Porombka gibt sich dabei abgeklärt. Bibliophilie ist ihm zu spießig. Unter den Menschen, die Heidegger-Begriffe wie "Zuhandenheit" verwenden, ist er mutmaßlich der einzige mit Tattoos. Aber man muss nur fragen, ob er sich denn schon mal von einem Buch getrennt hat. Dann kommt für eine Sekunde etwas Uncooles in seine Stimme: "Sie meinen: weggeworfen? Nein!"

Einmal fraßen sich Ratten durch die Bibliothek des Juristen Christoph Möllers

Was in Christoph Möllers’ Bibliothek auffällt: An einer Stelle ist oben das Regal leer – »da komme ich nicht dran«. • Möllers verliert gern Dinge in Büchern, nicht nur flache. In einem findet sich ein Füller. • Ein prominenter Platz ist reserviert für eigene Werke. Hang zur Selbstreferenzialität? • Atemlos assoziativ: Aus einem Kierkegaard-Buch fällt ein Zettel mit Apotheken-Aufdruck: »Gingivitol gegen Krankheiten im Mund- und Rachenraum«. Darauf gekritzelt steht »Casanova« © Jan Philip Welchering für DIE ZEIT

Ein Apartment im Kreuzberger Naunyn-Kiez in Berlin ist für einen Staatsrechtler kein erwartbares Quartier. Die meisten Nachbarn würden bezweifeln, dass der Staat überhaupt mal recht hat. Wer hier einzieht, grenzt sich ab vom Klischee des Juristen. Und tatsächlich hat man kaum die zwei Bildbände von der Couch geräumt (Fassbinder auf Velázquez), als Christoph Möllers, 48, auch schon höchst eloquent über die Schwächen seines Berufsstandes herzieht. Man könnte jedes Wort mitschreiben, wenn man nur schnell genug wäre.

Seine private Bücherei bestätigt diesen Eindruck: alles Erdenkliche von der Lichtenberg-Werksausgabe bis zur Bogart-Biografie. Nur kaum ein juristisches Fachbuch. "Ich habe nicht ertragen, wie die aussehen: billig. Dabei sind sie auch noch sauteuer."

Wer so spricht, könnte man meinen, hat ein lauschiges Lesezimmer. Intim, das ist es tatsächlich, aber auch etwas intimidierend. Ein schmal geschnittener Raum, der kleinste der ganzen Wohnung. Die Bücherwand drängt von rechts auf das kleine Sofa zu. Der Schreibtisch, der sie noch bremsen könnte, ist schon längst nicht mehr benutzbar, von Stapeln zugedeckt. Hier, sagt Christoph Möllers, kommen ihm seine Ideen.

Das Horzon-Regal mit seinen rechteckigen Fächern verrät das Bedürfnis nach Struktur. Punktuell erkennt man diese auch, alphabetisch oder thematisch. Auf Kant in der Mitte folgt Kierkegaard; dann bricht es wieder ab. Das hat auch sein Gutes, findet Christoph Möllers: "Ein Problem der Digitalisierung ist doch, dass sie wenig Raum für Zufall in der Suchbewegung lässt."

Erstaunlich, hier und da klaffen Lücken im Regal. Der Professor glaubt nicht an die Macht der Masse. Bücher, sagt er, seien für ihn Nutzgegenstände, mehr nicht. Dafür spricht die Menge an Taschenbüchern. Die sind ja meist das Erste, was man von einem Schriftsteller liest. Dann ist man begeistert, kauft die Gesamtausgabe und lässt sie verstauben. Verräumt dann irgendwann einen Band und ärgert sich jedes Mal, wenn man es bemerkt.

Ja, er will das alles lesen, soweit nicht schon geschehen. Und zwar bis zur letzten Seite – "ich habe sonst Angst, das Beste zu versäumen". Man kann sich davon überzeugen: Viele der Bücher sind von vorne bis hinten mit Anstreichungen übersät, am Ende kommt meist eine ganze Seite mit Resümees und Querverweisen. Auch dazu hat Möllers ein Bonmot parat: "Lesen heißt, ein Buch darauf vorbereiten, dass man es benutzt." Besonders gern fischt er nach knackigen Zitaten. Die machen sich gut in Vorträgen.

Bücher wegwerfen? Selbstverständlich. Was ausgedient hat, fliegt raus. Und was ist mit dem da, weit unten im Regal? Günther Anders: Lieben gestern – Notizen zur Geschichte des Fühlens. Ein Selbstbefragungswerk aus den betroffenen achtziger Jahren. "Ach, das. Habe ich nie gelesen, es ist nur ein vertrauter Anblick, seit ich 16 war."

So abgebrüht, wie er sich gibt, ist der Leibniz-Preisträger von 2016 dann doch nicht. Dass sein Vater Germanist war, erzählt Christoph Möllers mit Stolz. Auch dass er immer ein Buch dabeihat, "schon im Wehrdienst damals, im Tornister". Als er habilitierte, in Heidelberg, raubte eine Rattenplage im Keller ihm den Großteil seiner Bücher. Ein paar vermisst er immer noch. Das ist schon heute sein guter Vorsatz für die Zeit nach der recht fernen Emeritierung: Die Lücken im Regal werden geschlossen.