Gespenstergeschichten sind für einen Prosa-Autor heikles Gelände. Zum Gespenst nämlich gehört es, dass alles, was ihm passieren konnte, schon vor langer Zeit passiert ist; und wenn es umgeht und spukt, dann tut es nichts anderes, als diese alten Geschichten, qualvoll für sich und für andere, immer wiederzukäuen – darum eben ist es unerlöst. So können Gespenstergeschichten zwar einen gewissen Gruselfaktor haben, aber Spannung gewiss nicht und schon gar keine Pointe. Das Gespenst ist da: Das muss als Story und Pointe reichen.

Rudolph Herzog hat deshalb gut daran getan, sein Buch Truggestalten nicht als Roman, sondern als eine Serie von sieben Einzelerzählungen anzulegen. Und wenn er dabei Unerschrockenheit beweist, dann nicht, weil er keine Angst vor Geistern hat, sondern weil er sie alle ausgerechnet in Berlin ansiedelt, der rotzigen Metropole, die jeden Gedanken an so etwas Romantisches und Altertümliches wie einen Spuk weit von sich zu weisen scheint. Dabei hat diese Stadt wahrlich genug Dreck am Stecken und Leichen im Keller, verfügt also über jenen historischen Rohstoff, der Gespenster auszubrüten pflegt wie ein Misthaufen Maden.

Rudolph Herzog, Jahrgang 1973, Sohn des Filmregisseurs Werner Herzog, ist von Haus aus Dokumentarfilmer. Truggestalten ist sein erstes belletristisches Werk. Diese Erzählungen, so verschieden ihr Personal ansonsten ist, laufen sämtlich nach dem gleichen Muster ab: Moderne Zeitgenossen, von ihrem Alltag voll in Anspruch genommen, denen nie im Leben ein Geist in den Sinn käme, erleben mit einem Mal Dinge, die sie sich rational nicht erklären können. Diese Unstimmigkeiten funktionieren wie winzige Risse in der Realität, durch die ein anderes Wesen sich den Zutritt ins Hier und Jetzt bahnt, um nach und nach an Präsenz zu gewinnen.

Der Logistikmanager Christopher, der seine Mitarbeiter als pussies und underperformer zur Schnecke macht, kehrt abends nach Hause zurück, um festzustellen, dass seine Tochter sich vor der alten Frau fürchtet, die an ihrem Bett sitzt und näht. Er macht das Licht an – natürlich sitzt da keine alte Frau. Aber dann hat die Tochter irgendein Objekt verschluckt, das sich, als es auf natürlichem Wege wieder auftaucht, als ein alter Knopf erweist. Und die Tochter erkennt auf einem alten Foto besagte Frau wieder. Hier, in diesen Räumen, die jetzt Christopher und seine Familie bewohnen, ist sie, wie sich herausstellt, gestorben; denn hier befand sich einst ein Idioten-Asyl, dessen Bewohnerin sie war.

Der Grieche Dimitri will mit der Berlitz-Methode sein Deutsch verbessern, er tut sich mit der seltsam alterslosen Lotte zusammen, die ihm selbst gebackenes Brot mitbringt, ein sogar für alternative Maßstäbe ganz ungenießbares Stück Gebäck, und ihm erklärt, wie sie es aus Eicheln hergestellt hat. Immer spricht sie vom Hungerwinter 1946, wo es aber die Kohle-Partys gab, zu denen jeder ein Brikett mitbringen musste. Man heizte sich dabei auch selbst ein, indem man tanzte, dass die Fetzen flogen! Lotte trifft sich mit Dimitri auf dem Friedhof, und als sie eine verreckte Ratte sieht, stürzt sie sich mit allen Anzeichen von Appetit auf den Kadaver.

Die künstlerisch ambitionierte Amerikanerin Kelly mietet sich in der Harzer Straße ein, direkt am alten Grenzübergang, und findet in ihrer Wohnung Blutlachen. Sie geht ihnen nach bis in den Keller, und da liegt, hinter einem kreisrunden Loch in der Ziegelwand, ein schwer verletzter junger Mann ... Genau an dieser Stelle hatte es fünfzig Jahre zuvor, in einem selbst gegrabenen Fluchttunnel, einen Mauertoten gegeben. Die Leiche im Keller ist hier mehr als eine Metapher, sie ist Motiv geworden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Es liegt im Wesen dieser Geschichten, dass man sie am liebsten vom Anfang bis ungefähr zur Mitte liest. Herzog versteht es sehr gut, knapp ein Milieu und dessen Figuren zu umreißen, und so ist man neugierig, wie sie auf das Inkommensurable reagieren. Hier unterscheiden sie sich nämlich durchaus voneinander; einige kriegen Angst, andere verdrängen, solange es geht, in wieder anderen weckt es den Forschertrieb. Aber sobald das Gespenst als sozusagen hartes Faktum feststeht, hat es, das liegt in seiner Natur, nichts Neues zu bieten. Dass von den Truggestalten keine Drohung ausgeht, dass sie sich damit begnügen, schlicht vorhanden zu sein (höchstens lassen sie sich als Aufhucker gern ein Stück tragen oder quetschen als Poltergeist Finger in der Tür ein), unterscheidet Herzogs Buch vom Genre des Horrors und schneidet es von dessen dramaturgischen Möglichkeiten ab.

Wenn man es trotzdem nicht als Enttäuschung empfindet, dann liegt das nicht an den Toten oder Untoten, sondern an den Schlaglichtern, die von ihnen auf die Lebenden fallen. Dass ein Berliner Szenekünstler oder Bioschwabe sich mit Geistern herumschlagen muss, hat an sich schon einen leicht komischen Aspekt. Es scheint gar nicht um sie zu gehen: Das erlaubt als Mittel der Darstellung die Miniatur, die perspektivische Verkürzung. "Caro war Performancekünstlerin und bereitete eine Kunst-Aktion vor, für die sie sich mit Teer beschmiert in einen Haufen Gänsefedern stürzen würde. Sie hatte in Polen eine Quelle für Daunen aufgetan, war sich aber nicht sicher, ob die Tiere gequält worden waren, damit man an ihr Federkleid käme."

Caro wird sich schließlich zum Zweck der Selbstteerung und -federung in einen Haufen Styroporschnipsel stürzen. Ob es im Fall des Styropors nicht ebenfalls ethisch-ökologische Einwände gäbe, braucht nicht mehr thematisiert zu werden.

Rudolph Herzog: Truggestalten. Galiani Verlag, Berlin 2017; 256 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €