DIE ZEIT: Herr Klein, hat Frau Stanat die deutsche Schule schlechter gemacht?

Hans Peter Klein: Wieso?

ZEIT: Frau Stanat steht dem Institut vor, das über Bildungsstandards und Leistungstests eine bestimmte Pädagogik in die Schulen bringt, von der Sie als Didaktiker sagen, sie richte großen Schaden an.

Klein: Persönlich will ich niemandem irgendetwas vorwerfen. Fest steht jedoch, dass wir seit Beginn der nuller Jahre, also nach dem ersten Pisa-Schock, eine radikale Umstellung im deutschen Schulsystem erlebt haben. Um das Niveau zu vereinheitlichen, wurden bestimmte Kompetenzen festgelegt, welche alle Schüler je nach Fach und Klassenstufe beherrschen sollten.

ZEIT: So etwas gab es doch immer schon, nur hat man es vielleicht nicht Kompetenz genannt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Klein: Das haben viele Lehrer anfangs auch gesagt. Stück für Stück wurde jedoch deutlich, dass die Fachinhalte in diesem Kompetenzkonzept weit weniger als früher eine Rolle spielen. Vielmehr geht es nun darum, dass die Schüler mit vorgegebenen Texten, Grafiken und Tabellen umgehen können, deren Inhalte beliebig austauschbar sind. Es geht also nicht mehr um die Sache selbst, sondern nur noch darum, inwieweit sie uns von Nutzen sein kann.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Klein: Wir haben uns die Abituraufgaben verschiedener Bundesländer angeschaut. Auf den ersten Blick wirken sie recht anspruchsvoll, mit einer Menge Text und vielen Grafiken. Bei genauerem Hinsehen stellt man jedoch fest, dass ein wichtiger Teil der Prüfung darin besteht, zu reproduzieren, was im Aufgabentext bereits steht. Das heißt, auch wer nichts weiß, kann sie bestehen.

ZEIT: Frau Stanat, da scheint etwas ziemlich schiefgelaufen zu sein mit der Kompetenzorientierung.

Petra Stanat: In der Argumentation von Herrn Klein geht vieles durcheinander und wird zu einem düsteren Bild vermengt, das zeigen soll: In der Schule wird alles immer schlimmer, und schuld daran ist die Kompetenzorientierung.

ZEIT: Dann klären Sie uns auf: Was soll die Kompetenzorientierung?

Stanat: Kern des Konzeptes ist das verständnisvolle Lernen. Dabei geht es erst einmal um Fachkenntnisse. In Mathematik zum Beispiel: Wie lautet der Satz des Pythagoras? Die Schüler müssen jedoch auch etwas damit anfangen können. Sie müssen in der Lage sein, mithilfe ihrer fachlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten Probleme aus der realen Welt in die Welt der Mathematik zu übertragen und dort zu lösen.

ZEIT: Das ist doch nicht neu.

Stanat: Stimmt. Aus der Schulforschung wissen wir jedoch, dass im Mathematikunterricht noch zu sehr das Rechnen im Mittelpunkt steht. Die Lehrkräfte erklären zum Beispiel den Satz des Pythagoras und lassen die Klasse dann mehrfach damit rechnen, legen aber zu wenig Wert darauf, dass sie die mathematischen Zusammenhänge verstehen und zur Lösung von Problemen anwenden können. Solche Aspekte will die Kompetenzorientierung stärken.

Klein: Den Satz des Pythagoras sollte man dabei aber immer noch lernen.

Stanat: Selbstverständlich. Kompetenz ohne Fachwissen, sagte mal ein Mathematikdidaktiker, ist wie Stricken ohne Wolle.

Klein: Der Trend in den Lehrplänen läuft aber auf das Gegenteil hinaus. In den meisten Kerncurricula der Bundesländer ist das "Fachwissen" durch "Umgang mit Fachwissen" ersetzt worden.

ZEIT: Wo ist der Unterschied?

Klein: Ein Beispiel: Ich habe Neuntklässler Abituraufgaben in Biologie lösen lassen. Früher hätte keiner von ihnen die Prüfung bestanden. Schließlich kannten sie den Stoff aus der Oberstufe noch gar nicht. Fast alle Schüler bestanden die Klausur. Dazu mussten sie nur die Aufgabentexte aufmerksam lesen. Fachwissen war gar nicht nötig.

Stanat: Schlechte Abituraufgaben hat es immer gegeben, das hat mit Kompetenzorientierung nichts zu tun. Ich halte mich lieber an empirische Ergebnisse, die zeigen, was Schüler wissen und können.

ZEIT: Und zwar?

"Die Abbruchquoten sind erschreckend hoch"

Stanat: Nehmen Sie das Fach Englisch. Hier hat sich der Unterricht verändert. Heute legen Lehrkräfte mehr Wert darauf, dass Schüler sich in der Fremdsprache tatsächlich ausdrücken können. Denn was nützt es, wenn sie zwar die Formen des past perfect beherrschen, sich aber nicht unterhalten können. Und tatsächlich hat sich das Lese- und Hörverstehen der Schüler über die Jahre deutlich verbessert.

Klein: Ich bezweifle, dass die besseren Englischkenntnisse Ergebnis der Kompetenzorientierung sind. Das dürfte andere Gründe haben, etwa dass das Englische eine größere Rolle im Alltag spielt oder dass mehr Schüler im Ausland waren.

Stanat: Und auf diesen Bedeutungszuwachs der kommunikativen Fähigkeiten hat der Unterricht reagiert. Das finde ich vorbildlich.

Klein: Da ist Englisch die Ausnahme. Klar ist, dass zum Beispiel die Mathekenntnisse der Schulabgänger über die Jahre schlechter geworden sind ...

Stanat: ... woher wissen Sie das?

Klein: Weil das meine Kollegen an der Uni seit Jahren beobachten, in allen Disziplinen, in denen man Mathematik braucht. Dort müssen Brückenkurse eingerichtet werden. Dennoch sind die Abbruchquoten erschreckend hoch. Für das Fach Chemie kann ich Ähnliches sagen. Bei meinen Biologiestudenten fehlt es einem beträchtlichen Teil an basalen Chemiekenntnissen. Wir müssen sie auch hier mit Vorkursen erst einmal studierfähig machen.

Stanat: War das früher wirklich anders? Die Abbruchquoten an den Universitäten sind in den meisten Fächern tatsächlich nicht kleiner geworden, aber auch nicht größer – obwohl der Anteil der Schüler, die ein Studium aufnehmen, gestiegen ist.

Klein: Sie bestreiten also, dass sich die Anforderungen heute im Abitur nivelliert haben?

Stanat: Nicht unbedingt, ich sehe dafür bislang nur keine Belege. Von einem Naturwissenschaftler wie Ihnen erwarte ich schon etwas systematischere Empirie, als sich einzelne Aufgaben anzusehen und damit auf das bundesdeutsche Abiturniveau zu schließen.

Klein: Ich war ja auch mal Lehrer. Hätte ich dem Ministerium damals eine heutige Abituraufgabe in Biologie aus Hamburg, NRW, Bremen oder Berlin vorgeschlagen, hätten die mich zum Amtsarzt geschickt. Mittlerweile haben wir achtzig Abituraufgaben im Fach Biologie auf ihr fachliches Niveau hin untersucht. Es war nicht einfach, die zu bekommen.

ZEIT: Inwiefern?

Klein: Anfangs haben sich alle Bundesländer gesträubt, sie herauszugeben. Es besteht wohl die Angst, dass wir herausfinden, dass das fachliche Niveau weit niedriger ist als früher. Eine Ausnahme war Mecklenburg-Vorpommern. Tatsächlich haben die Aufgaben dort einen hohen fachlichen Anspruch. Da muss man schon in der ersten Frage eine Zelle beschreiben und die Funktionen der Bestandteile erklären.

Stanat: Das ist für Sie eine gute Aufgabe?

Klein: Der Schüler muss zeigen, dass er das grundlegende Fachwissen beherrscht.

Stanat: Für mich wird da erst einmal auswendig gelerntes Wissen reproduziert.

Klein: Ich sage Ihnen etwas zum Auswendiglernen. Im Biologiestudium müssen die Bachelor-Studenten das gesamte Spektrum des Faches pauken.

Stanat: In der Schule soll man dann also am besten nur grundlegende Fakten pauken?

Klein: Natürlich nicht. Das Verstehen der Sache ist das zentrale Anliegen des Unterrichts.

Stanat: Und genau das ist ein zentrales Ziel der Kompetenzorientierung.

Klein: Aber nur theoretisch, in der Praxis heißt es dann: Fakten sind nicht mehr wichtig, Schüler sollen das Lernen lernen, Lehrer sind nur noch Coaches.

Stanat: Aber, Herr Klein, da sind wir uns doch völlig einig, dass das irrige Konzepte sind.

Klein: Na, das freut mich. Vielleicht können wir diese Einigkeit auch auf die Kompetenzorientierung an den Hochschulen übertragen. Schon jetzt heißt es in einem Gutachten dazu, dass sich auch die Hochschulen von einer umfassenden Vermittlung des Stoffes verabschieden müssen.

Stanat: Was heißt denn für Sie umfassend? Wissensvermittlung – vor allem in der Schule – war doch immer schon exemplarisch. Nicht nur weil es unmöglich ist, den gesamten Wissensbestand eines Faches zu vermitteln, auch weil es sich immer weiterentwickelt.

Klein: Aber Grundlegendes ändert sich so schnell nicht, und genau daran hapert es. Es gibt zurzeit ja eine Diskussion über die Noteninflation. Immer mehr Abiturienten schließen die Schule mit einem Einser-Abitur ab. Diese Abiturienten bereiten uns keine Sorgen. Die Problemfälle sind diejenigen, die mit einem Dreier-Schnitt an die Uni kommen und früher durchs Abitur gerauscht wären.

"Sehr unterschiedliche Abiturnoten"

Stanat: Sie sprechen die Bildungsexpansion an. In der Tat sollte man meinen, dass mit wachsender Zahl der Abiturienten das Anspruchsniveau sinkt. Es gibt aber keinen Zusammenhang zwischen der Gymnasialquote und der durchschnittlichen Leistung. In Sachsen zum Beispiel ist beides hoch.

Klein: Weil es in den ostdeutschen Schulen noch immer einen hohen Leistungsanspruch gibt.

Stanat: Ich sehe bei den Abiturnoten eher das Problem der unterschiedlichen Anforderungen. Es ist nicht gerecht, wenn Schüler mit ähnlichen Leistungen je nach Bundesland sehr unterschiedliche Abiturnoten erhalten, was vermutlich der Fall ist.

ZEIT: Wieso vermutlich?

Stanat: Weil wir bisher nur Leistungen der Neuntklässler vergleichen, und da sind die Länderunterschiede erheblich. Es ist ein großer Schritt, dass die Bundesländer nun die Abiturprüfungen einander annähern wollen, indem sie einen gemeinsamen Pool von Aufgaben erstellen.

Klein: Ich hoffe nur, dass Ihr Institut auf politischen Druck hin nicht Aufgaben entwickeln muss, die sich am Niveau von Berlin, Bremen oder NRW orientieren. Als die Bundesländer vor Jahren ein Zentralabitur auf Landesebene eingeführt haben, wurde die Einheitlichkeit mit einer allgemeinen Nivellierung nach unten erkauft.

Stanat: Wir stehen mit den Abituraufgaben erst am Anfang. Aber ich glaube nicht, dass es sich die Länder leisten können, die Ansprüche abzusenken.