Wenn es in der deutschen Debatte über Saudi-Arabien eines im Überfluss gibt, dann sind es widersprüchliche Stereotype: "Steinzeit- Islam", "Stabilitätsgarant", "Terror-Exporteur", "verlässlicher Partner" – so lauten nur einige der Klischees. Entsprechend willkürlich schlingern seit Jahren öffentliche Wahrnehmung und Regierungspolitik zwischen der Empörung über Menschenrechtsverletzungen und der Beschwörung Saudi-Arabiens als Bündnispartner. Die Frage ist, ob das in diesen Zeiten noch reicht für einen vernünftigen Umgang mit dem reichsten und mächtigsten arabischen Staat.

Es hat nie gereicht, argumentiert nun Sebastian Sons in seinem neuen Buch Auf Sand gebaut, das eine ebenso ärgerliche wie verblüffende Lücke schießt. Denn Bücher über Syrien, den Nahen Osten, Nordafrika gibt es zuhauf , während zu Saudi-Arabien bisher nur bedauerlich wenig greifbar ist. Sons, Islamwissenschaftler und Historiker, hat eine so gründliche wie klare Einführung in Saudi-Arabiens Staat und Gesellschaft geschrieben – überfällige Pflichtlektüre für alle, die an einer fundierten statt polemischen Diskussion interessiert sind. Dieses Buch ist keine Abrechnung mit der deutschen oder amerikanischen Politik.

Über lange Zeit, zeigt Sons, konnten sich deutsche Regierungen hinter der Dominanz der Amerikaner und deren Losung verstecken, wonach die weltweit zweitgrößten Erdölreserven des Golfstaates unverzichtbar seien für das westliche Modell der Konsumgesellschaft. Egal, was Saudi-Arabien neben dem Öl sonst noch exportieren mochte. Zum Beispiel seine Staatsreligion, den Wahhabismus. Wer sich mit diesem Buch auf eine Tour durch Geschichte und Gegenwart begibt, wundert sich schnell, wie das saudische Königshaus jemals mit dem Etikett "stabil" versehen werden konnte. Dieser junge Staat war von Beginn an ein Labor für Überlebenskampf, Intrigen und Krisenbewältigung.

Der Aufstieg zur Regional- und Ölmacht beruht vor allem auf zwei Bündnissen. Das erste schlossen 1744/45 der Prediger Mohammed ibn Abdel Wahhab und der Klanherrscher Mohammed ibn Saud. Seither ist der Machtanspruch der Saud-Dynastie an die militante Islam-Interpretation des Wahhabismus gekettet. In dieser werden Heiligenverehrung, weltliche Genüsse, "Abtrünnige" wie die Schiiten und "Ungläubige" wie Christen und Juden verteufelt.

Rund 200 Jahre später wurde diese Allianz durch die Entdeckung von Erdöl geostrategisch verankert. Amerikanische Militärhilfe gegen saudisches Öl – so lautete der Deal, den der Staatsgründer Abdel Asis ibn Saud 1945 mit dem damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt schloss. Aus Sicht jedes ordentlichen Wahhabis war das ein Teufelspakt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Und so begann nicht nur die längste und lukrativste westlich-arabische Partnerschaft. Es begann auch ein massiver Konflikt zwischen fundamentalistischer religiöser Doktrin, autoritärer Monarchie und kapitalistischer Modernisierung. In den folgenden Jahrzehnten tarierte das Königshaus diese Spannungen mehr oder weniger erfolgreich aus: durch Korrumpierung, Gewalt oder Pragmatismus. Indem es westlichen Lebensstandard und Konsum ermöglichte und eine staatliche Rundum-Versorgung bereitstellte, erkaufte sich das Königshaus Loyalität. Gleichzeitig durfte der Klerus seinen Wahhabismus samt Dschihad mit staatlicher Unterstützung nach Asien, Afrika und Europa exportieren.

Keiner verkörpert diese ideologische Schizophrenie eindringlicher als Osama bin Laden, einst partysüchtiger Sohn eines saudischen Bauunternehmers, dann Pate des islamistischen Terrorismus. Dass er in den achtziger Jahren in Afghanistan zunächst zu den proamerikanischen "Freiheitskämpfern" gegen die Sowjetunion zählte, zeigt, wie opportunistisch die USA lange mit diesem religiösen Fanatismus umgingen. Und wie wenig sie von dessen Dynamik verstanden.

All diese Zusammenhänge rekonstruiert Sebastian Sons und warnt gleichzeitig davor, Saudi-Arabien auf den Wahhabismus und auf den Hass zu reduzieren, den diese Religion gegenüber dem Westen hegt.

Die spannendsten Einsichten liefert Sons mit seinen Beobachtungen über die rasanten Umbrüche innerhalb der saudischen Gesellschaft. Zwei Drittel der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre. Vielen jungen Saudis ist längst klar, dass der patriarchale Versorgungsstaat nicht mehr finanzierbar und das Modell einer wahhabitischen Konsumgesellschaft eine Lebenslüge ist.

Also werden Spannungen offensichtlicher und Tabus brüchiger: Frauen mobilisieren gegen ihre Entmündigung. Die Scheidungsrate steigt. In den sozialen Medien ist das streng verbotene Dating ebenso möglich wie Shitstorms gegen die Mutawwa, die Religionspolizei. Im liberalen Dschidda hat sich eine Kunstszene ausgebreitet, während andernorts vor allem junge Männer ihren Frust über Statusverlust und wachsende Arbeitslosigkeit mit Drogen und illegalen Autorennen kompensieren.

"Es ist ein Land der doppelten Böden", schreibt Sons, "der gravierenden Widersprüche, der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen."