Ein sehr feuchter Film. Regen und Nebel, schäumendes Meer, glitschige Felsen, sumpfige Wege. Die Landschaftsbilder, die Martin Scorsese für das Japan des 17. Jahrhunderts gefunden hat (aber aus Kostengründen in Taiwan aufnahm), sind bedrückend, unerquicklich; man möchte in dem Matsch nicht unterwegs sein. Andererseits sind sie dramatisch und schön; so schön und herrisch hat der Regisseur seit seinem Tibet-Film Kundun (1997) die Natur nicht ins Bild gesetzt, auch nicht mit einer solchen Langsamkeit.

Darin liegt eine eigentümliche Konsequenz. Kundun handelte von der Jugend des Dalai Lama und seiner Flucht nach der chinesischen Besetzung Tibets, Silence handelt von der Verfolgung zweier portugiesischer Missionare (Adam Driver und Andrew Garfield) während der christenfeindlichen Regierung des Tokugawa Ieyasu. Beides sind religiöse Filme, den tapferen Glauben feiernd; offenbar gehört als Gegenstück immer eine übermächtige Natur dazu. Aber ist sie auch in den Widersachern des Glaubens am Werk? Mao Zedong, in Kundun die Niederwerfung Tibets rechtfertigend, beruft sich jedenfalls nicht auf die Natur, sondern auf die Vernunft und ihren berechtigten Kampf gegen religiöse Rückständigkeit. Der japanische Großinquisitor (charismatisch gespielt von Issey Ogata) in Silence ist geradezu eine Verkörperung von Logik und Vernunft, mit gelegentlichen Ausflügen ins Zynische und Hinterhältige. Als Alternative zu Folter und Tod bietet er den Missionaren immer wieder an, huldvoll lächelnd, dem Glauben abzuschwören und, sei es zum Schein, den Fuß auf eine Christus-Ikone zu setzen. "Es ist nur ein Symbol." Um die innere Einstellung gehe es dabei gar nicht, man sei ja hier im aufgeklärten und toleranten Japan.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Interessant für Scorseses Haltung, aber vielleicht nicht überraschend ist die Identifikation von Glaubensfeindschaft mit typischen Tugenden der Moderne. Aber wie das Verhältnis im Dreieck von Vernunft, Glaube und Natur gedacht werden soll, bleibt unbestimmt, auch wenn alle drei Kräfte bis zum Äußersten dramatisiert werden. Auffällig ist jedenfalls, dass der Film zunehmend trockener wird, je weiter sich die Missionare vom elenden Leben der letzten japanischen Untergrundchristen entfernen und in die Gewalt des Inquisitors geraten. Am Ende, auf dem Exerzierplatz des Untersuchungsgefängnisses und bei Hinrichtungsvorführungen am Strand, glüht die Sonne erbarmungslos. Diese Wetterentwicklung ist ästhetisch höchst befriedigend, sie erlaubt einen kontinuierlichen Farbumschlag der Filmbilder vom Beginn bis zum Schluss, bleibt aber theologisch rätselhaft.

Übrigens schwört selbst der glaubensfesteste Missionar am Ende seinem Christus ab, wenngleich er kurz darauf doch wieder listig ein kleines Kruzifix in der Hand hält. Auch das ist theologisch unbefriedigend: Gilt die Mogelei nun als Sünde oder nicht? Die Wahrheit ist wohl, dass der Jesuitenzögling Scorsese, der selbst einmal Priester werden wollte, das Martyrium der Christen zwar beifällig zeigen, aber seine Kunst deswegen nicht gleich der Religion unterwerfen wollte. So ist der Film auf lange Strecken wohl eine Art frommes Traktat, erzählt aber noch eine andere, nicht zwingend christliche Geschichte: nämlich von den teils schmerzlich begrenzten, teils wunderbar unbegrenzten Möglichkeiten des Individuums, sich in widrigen Umständen zu behaupten. Zu den Widrigkeiten müssen aber alle drei gerechnet werden: der Glaube, die Natur und die Vernunft.

Insofern ist Scorsese auch hier der ketzerisch angehauchte Katholik geblieben, als der er sich schon in der Letzten Versuchung Christi (1988) gezeigt hat. Die Kirche hat wenig Grund, sich zu freuen; der Kinozuschauer aber auch nicht viel mehr. Der Film ist etwas langweilig, auf 159 Minuten Dauer.

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