Heimat. Vielleicht kommt das noch. Vielleicht möchte man im Laufe eines Lebens wissen, wohin man gehört. Sie will das nicht ausschließen, kann es sich zurzeit aber beim besten Willen nicht vorstellen. "Ich könnte Sie jetzt anlügen und sagen, dass ich überall zu Hause bin. Ich weiß aber gar nicht, was das ist, Zuhause." Für eine Politikerin, die auch Parteifreunde als beinharte Strategin bezeichnen, ist das eine entwaffnend ehrliche Antwort. Denn wo sollte ihr Zuhause auch sein?

Seitdem Ska Keller, die früher mal Franziska hieß, 2009 mit nur 27 Jahren für die Grünen ins Europaparlament gewählt wurde, ist sie selten länger als fünf, sechs Tage an einem Ort. Da sind die Sitzungswochen in Brüssel, die in Straßburg, da sind die Wahlkreistermine, die Auslandsreisen mit der Türkei- und der Mexiko-Delegation, die Treffen der Mutterpartei und die seltenen Besuche bei ihrem Ehemann, einem finnischen Aktivisten, der gerade in seiner Heimatstadt Espoo eine Kampagne vorbereitet.

Im vergangenen Dezember hat sie, inzwischen 35, zusammen mit einem belgischen Kollegen den Vorsitz der Grünen Europafraktion übernommen. Und als wenig später die deutschen Grünen ihre Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl kürten, kam das Gerücht auf, Keller würde eine Kampfkandidatur gegen Özdemir und Göring-Eckardt wagen, weil ihr deren Gekuschel mit der Merkel-CDU gegen den Strich gehe. Seither gilt sie auch hierzulande als die große Hoffnung der Grünen, als eine, von der man noch viel hören wird.

Heute Morgen, im Regionalexpress, hat sie vor allem ein Ziel: bloß nicht auffallen. Der Reißverschluss ihres schwarzen Trekkinganoraks ist bis zum Kinn geschlossen, eine Mütze verdeckt ihr Markenzeichen, die kurzen braunen Haare. Es ist Montag. Draußen rauscht märkisches Flachland vorbei, fehlfarbene Landschaft im Regen. Gut zwei Stunden dauert die Fahrt von Berlin bis nach Guben, bis in die brandenburgische Schrumpfstadt an der polnischen Grenze, in der Keller aufgewachsen ist.

Wenn sie in Zeitungsartikeln als "gebürtige Brandenburgerin" beschrieben wird, die sechs Sprachen spricht, klingt da immer Erstaunen mit. Nicht wegen der sechs Sprachen, die traut man dieser Generation locker zu, obwohl es in Wahrheit nur vier sind. Aber dass eine aus der tiefsten ostdeutschen Provinz in einer so westdeutschen Partei so weit kommen kann! Und vielleicht hat der Erfolg ja etwas mit dieser Provinz zu tun, aus der auch Angela Merkel und Katrin Göring-Eckardt stammen. In ihrer Gubener Jugend, sagt Keller, gab es nur zwei Möglichkeiten: "Entweder du warst rechts, oder du warst links."

Vor Frankfurt/Oder nestelt sie eine Bäckereitüte mit einem Brötchen aus dem Rucksack. Heute Morgen war sie noch joggen. Nachdem ihr gestern ein Treffen mit kleineren NGOs – ein spannendes Treffen, das betont sie – das Wochenende verhagelt hat, musste das sein. Fürs Frühstück war dann keine Zeit mehr. Vielleicht isst eine, die kein Zuhause hat, sowieso gern im Zug. Wir sitzen auf den Klappsitzen neben den Toiletten.

Es ist schnell klar, dass dies keine sentimentale Reise wird. Guben liegt am Rande ihres riesigen Europa-Wahlkreises, ein- bis zweimal im Jahr lässt sie sich da blicken, zuletzt auf einer Refugees-Welcome-Demonstration, bei der immerhin 200 Leute erschienen sind. Aber persönlich, sagt Keller, kenne sie da keinen mehr. Auch die Eltern sind nach ihrer Pensionierung vor drei Jahren nach Leipzig gezogen. Keller kann das verstehen. "Ich wollte aus Guben weg, seit ich 13 bin." Und weil man mit 13 nicht weg darf, suchte sich das Aufbegehren andere Ventile.

Zuerst verweigerte sie den sonntäglichen Kirchgang mit den Eltern, dann wurden die Haare bunt, mal blau, mal grün, mal rot. Sie schlug sich ihre Nächte mit den Punks der lokalen Antifa um die Ohren und wurde so schlecht in der Schule, dass sie eine Klasse wiederholen musste. Es war die Zeit, als Rechtsradikale in Guben einen algerischen Asylbewerber zu Tode hetzten.

Denkt Keller an ihr Elternhaus am Stadtrand, denkt sie nicht an kuschelige Familiennachmittage mit Mensch ärgere dich nicht! oder ihr altes Kinderzimmer, aus dem sie auf den Wald schauen konnte. Sie denkt an das viele Fleisch, das jeden Tag auf den Tisch kam. Sie weiß nicht mehr genau, wann sie ihrer Familie verkündete, keine Tiere mehr zu essen. Vermutlich war das nach einem Rhetorikseminar der Böll-Stiftung, das, sie sagt das so pathetisch, "mein Leben verändert hat". Sie hatte keine Ahnung, wer Heinrich Böll war und was der mit den Grünen zu tun hatte, die auch ihr damals noch wie eine fremdartige westdeutsche Wohlstandspartei vorkamen. Doch bei diesem Treffen irgendwo zwischen Cottbus und Potsdam habe sie zum ersten Mal Gleichaltrige getroffen, die sich auch gegen die Nazis engagierten – und für den Tierschutz.

"Ich weiß bis heute nicht, warum die sich so aufgeregt haben"

Die Eltern, die die bunten Haare und die schlechten Mathenoten bislang klaglos hingenommen hatten, gingen die Wand hoch. Wie, kein Fleisch mehr? Willst du dich umbringen? Monatelang präsentierten sie immer neue Studien, die beweisen sollten, dass Vegetarier unter Mangelerscheinungen leiden. "Ich weiß bis heute nicht, warum die sich so aufgeregt haben", sagt Keller. Weil sie sich wirklich Sorgen machten? Oder weil ihnen plötzlich klar wurde, dass sich ihre mittlere Tochter aus der Welt ihrer Kindheit verabschiedete? Keller hat sich nie getraut zu fragen.

Ein eiskalter Wind bläst durch Hosen und Jacken, als wir in Guben aus dem Zug steigen. Keller zieht die Mütze tief ins Gesicht. Auf dem Vorplatz wartet ein Taxi, das ihr Potsdamer Mitarbeiter bestellt hat, weil der öffentliche Nahverkehr in Guben so eine Katastrophe ist. Als sie dem Fahrer die Adresse nennt, wird der gleich hellhörig. Sei da nicht früher die Praxis von Dr. Keller gewesen? Ein guter Arzt. Er habe viele Patienten dorthin gebracht. Dr. Keller ist Skas Vater. Sie könnte sich jetzt zu erkennen geben, aber sie beißt sich auf die Lippen.

So ist der Fahrer der Einzige, der spricht, während er seinen uralten Cadillac, "ein Westimport", durch Straßen navigiert, die so sauber und leer sind, als hätte die Stadtreinigung heute früh die Menschen gleich mit weggefegt. Weil er Keller für eine Auswärtige hält, erzählt er ihr die Geschichten, die er sich für Ortsfremde zurechtgelegt hat. Er schwärmt von den goldenen Zeiten der Industriestadt Guben, von der großen Wollfabrik, den feinen Tuchen, die hier gewoben, und den schicken Hüten, die einst von der Neiße in alle Welt exportiert wurden.

Hinter der Plattenbausiedlung am nördlichen Stadtrand steigen wir aus. Ein abschüssiger Panzerplattenweg führt zu einer Straße, an der sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus reiht, manche ganz modern mit Flachdach, manche mit Türmchen und Erkern. Kellers Elternhaus ist vor allem groß. Im Erdgeschoss hatte der Vater seine Hausarztpraxis, unter den ausladenden Dachgauben waren die Kinderzimmer, vom Wohnzimmer ging der Blick auf ein Feld.

Auf der Höhe der Garageneinfahrt bleibt Keller stehen. Die Beine durchgedrückt, die Hände in den Anoraktaschen, steht sie da wie festgeschraubt. Irgendetwas in ihr sträubt sich, diesem Haus, das ihre Familie inzwischen verkauft hat, zu nahe zu kommen. "Sie werden da doch nicht klingeln?"

Ist dann eh keiner zu Hause. Auf dem Briefkasten im Vorgarten kleben drei verschiedene Namen, dahinter, zwischen zwei Baumstümpfen, steht noch ein Weihnachtsmann. Keller deutet auf die Stümpfe. "Krass, die haben die Birken gefällt!" Die Birken müssen ihr etwas bedeutet haben.

Ihre Mutter hat ihr kürzlich erzählt, wie hart die Familie nach der Wende für dieses Haus sparen musste, mit drei Kindern und fast ohne Eigenkapital. "Angeblich hatten wir immer zu wenig Geld. Aber das habe ich nie gemerkt." Wahrscheinlich kriegt man als Jugendliche von den Sorgen der Eltern so wenig mit wie die Eltern von den eigenen Sorgen.

Die Kellers, Katholiken und schon zu DDR-Zeiten CDU-Wähler, hatten 1990 die Wiedervereinigung mit einem großen Fest begrüßt. Sie wollten nichts wissen von den Neonazis, die ab Mitte der Neunziger nachts durch die Innenstadt marschierten, und von dem Bürgermeister, der sie gewähren ließ. "Das war wie heute in Sachsen", sagt Keller. Es verbrüderten sich zwar nur wenige Gubener offen mit den Rechten, doch wenn die Antifa zur Demo rief, blieben alle schön zu Hause: So schlimm seien die paar Knallköppe ja nicht. "Unsere Gegner waren auch die Leute, die fanden, das gehe schon vorbei."

20 Jahre später, in Brüssel, sind Kellers Gegner die müden Pragmatiker, die ihre Aufgabe darin sehen, im Europaparlament nationale Interessen durchzusetzen. Keller gehört zu einer Gruppe junger Linker, die für ein neues, ein ziemlich anderes Europa kämpfen. Sie wollen den Türkei-Deal abschaffen, eine Willkommenskultur in Lampedusa einführen und allen Flüchtlingen gestatten, ihren Wohnort frei zu wählen.

Anfang Februar hat Keller im EU-Parlament eine flammende Rede gehalten, gegen Trumps Einwanderungspolitik, aber vor allem für das Europa, das sie sich schon so lange wünscht. "Wer hätte gedacht, dass die Rechte, die wir für gegeben halten, sich so schnell verflüchtigen? Wer hätte gedacht, dass die liberale Demokratie so schnell stirbt – in einem Verwaltungsakt?", rief sie in beneidenswert sicherem Englisch. Und dass Europa nun, da Amerika taumele, ein Hort der Freiheit bleiben müsse. "Wir sehen uns als Champions des internationalen Rechts. Aber tun wir genug? Bauen nicht auch wir Mauern und Zäune?" Letztlich sagte sie, was alle Linken sagen, aber ohne die Floskeln, die sie dabei verwenden, ohne die Resignation in den Mundwinkeln.

Man kriegt sie nicht ganz zusammen, die brillante Rhetorikerin aus Brüssel und die Frau, die sich in ihrer Heimatstadt jeden Satz abringt. Wir laufen in Richtung Zentrum. Nach den Einfamilienhäusern kommt erst mal sehr lange nichts, schließlich eine von Kellers ehemaligen Schulen. Wie war es eigentlich mit den Lehrern, die damals von einem Tag auf den anderen den Lehrplan wechseln mussten? "Bei der Wende war ich acht." Und später? "Da haben Lehrer mich nicht mehr interessiert." Sieht sie sich als Ostdeutsche? "Schon." Und ihre Eltern? "Das müssen Sie meine Eltern fragen." Man merkt, dass ihr das keinen Spaß macht. "Ska hasst Gespräche, die nicht auf den Punkt kommen", hat ihr Parlamentskollege Jan Philipp Albrecht einmal gesagt.

Such dir Verbündete, die deine Gegner ernst nehmen

Am Fluss wird die Stadt, die bisher so löchrig wirkte, weil die Verwaltung alle Zweckbauten, für die es nach der Wende keine Verwendung mehr gab, in den vergangenen Jahren abgerissen hat, richtig schön. Kleine Bürgerpaläste, große Gründerzeithäuser. Eine Backsteinbrücke führt rüber nach Polen. Man hat Mühe, sich vorzustellen, dass hier bis 2003 eine EU-Außengrenze verlief.

Zum Einkaufen, sagt Keller, seien damals alle rübergegangen. Selbst die Gubener Nazis hätten in Polen billige Zigaretten geholt. "Ist es nicht interessant, dass die Leute, die heute die Grenzen dicht machen möchten, nie Waren, nur Menschen aussperren wollen?"

Man würde jetzt gern den Bogen schlagen von einer Jugend an der Außengrenze zu ihrer Idee eines solidarischen Europas. Von den Kippen der Nazis zu ihrem Kampf gegen TTIP. Aber Keller wirkt nicht ganz bei der Sache, als stecke sie irgendwo zwischen ihrem Elternhaus und Brüssel in einem Zeitloch.

Sie nippt an ihrer Wasserflasche. Vor 20 Jahren saß diese beherrschte Frau noch wütend in einem verrauchten Jugendzentrum, setzte Flugblätter auf, heckte Demonstrationsrouten aus und organisierte antifaschistische Fußballturniere. Es sei eben viel Zeit vergangen, sagt Keller ausweichend. Vielleicht ahnt sie, dass die Maximalforderungen, für die sie in Brüssel gefeiert wird, auf einer zugigen Pflasterstraße in Brandenburg schnell hohl klingen können. "Das Problem von Politik ist ja, dass die Aufgaben immer zu groß und die Maßnahmen immer zu klein sind", sagt sie. Wie soll sie da Fußballturniere als die große antifaschistische Aktion darstellen, aus der alles andere folgte? "Das hat alles ja schon auch viel Spaß gemacht", sagt sie.

Es wäre interessant, jetzt ihr altes Jugendzentrum zu besuchen, wo es ja auch um Partys ging, um den richtigen Spirit. Doch wie alles, was in Guben nicht mehr gebraucht wurde, ist es längst abgerissen. Die anrainenden Geschäfte sind alle geschlossen, auch die "Cocktailbar", in der Keller auf ein Mittagessen hoffte. "Montag in Brandenburg", sagt Keller. Sie hätte es wissen können.

In einer Bäckereifiliale mustert sie dann lange die Auslage. Nicht ein einziges Sandwich ohne Fleisch. Sie bestellt einen Kakao mit Espresso und Mohnkuchen, aber nur ein halbes Stück. Gibt es etwas, das sie hier in Guben fürs Leben gelernt hat? "Dass man keine Mehrheit braucht, um etwas zu bewegen. Man muss nicht einmal gewählt sein."

Damals hat es ihre Antifa-Gruppe mit Unterstützung der Landesinitiative "Tolerantes Brandenburg" geschafft, gegen die Mehrheit der Gubener einen Gedenkstein für Farid Guendoul durchzusetzen, den Algerier, der in den Straßen zu Tode gehetzt wurde. 2002 erhielten sie dafür den Preis des Bündnisses für Demokratie und Toleranz der Bundeszentrale für politische Bildung. Zur Verleihung kam Angela Marquardt, die damals mit buntem Irokesenschnitt für die PDS im Bundestag saß. "Da hieß es natürlich: Haha, der Punk kommt zu den Punks. Aber jeder wusste, dass der Preis eine große Sache ist."

Das ist wohl die zweite Gubener Lektion: Such dir Verbündete, die deine Gegner ernst nehmen. Damit jedenfalls scheint sie gut gefahren zu sein, so steil wie es nach dem Abitur bei ihr aufwärtsging. Bundesvorstand der Grünen Jugend, Landesvorsitzende der Brandenburger Grünen. Nebenher noch ein Studium der Islamwissenschaften, Judaistik und Turkologie, schließlich Brüssel. Als sie vergangenen Dezember Rebecca Harms als Fraktionsvorsitzende im Europaparlament ablöste, sprach Harms’ Umfeld von einem geschickt eingefädelten Coup. Keller sagt dazu nur einen Satz: "Rebecca und ich, wir verstehen uns gut."

Die Mütze und den schwarzen Anorak hat sie inzwischen ausgezogen. In der Bäckerei spricht sie noch leiser als heute früh im Zug. Die grell geschminkten Damen am Nebentisch starren trotzdem schon eine ganze Weile auf die junge Frau mit dem roten Rollkragenpullover. In Brandenburg werde sie oft für eine Westdeutsche gehalten, sagt Keller, und dass sie die Westdeutschen hier nicht sonderlich mögen. Da sei viel Kränkung dabei. Sie könne das verstehen. "Ich fühle mich ja auch diskriminiert, wenn ich höre, dass die Nachkriegszeit mit Adenauer begonnen hat."

Westdeutsche Einkaufsstraßen seien ihr immer noch fremd. Dieses ganze Geflacker, dieser nutzlose Kram in den Schaufenstern. Finnland, wo ja ihr Mann herkommt, sei ihr da näher. Die Plattenbauten, die es dort auch gebe, nur niedriger, die Kiefernwälder, die Leere. Finnland sei das Guben Europas, habe ihr Mann mal gesagt. So gesehen hätten sie eine gemeinsame Herkunft.

Sie musste nach Finnland fahren, um Guben in sich zu entdecken, sie musste sehr weit weg, um zu begreifen, wie tief so eine Herkunft in einem steckt, auch wenn sie keine Heimat mehr ist.

Am Bahnhof wirkt Keller gelöst. Sie erzählt von verpassten Züge und Flugzeugen, von der Schwingtür auf einer kroatischen Fähre, in der sie sich mal den Fuß verstaucht hat. Dann deutet sie auf den beleuchteten Fahrkartenschalter in der düsteren Bahnhofshalle. Dort habe sie früher all ihre Reisen gebucht. Nach Madrid, nach Rom, nach Montenegro. Hauptsache, weit weg.