Die Eltern, die die bunten Haare und die schlechten Mathenoten bislang klaglos hingenommen hatten, gingen die Wand hoch. Wie, kein Fleisch mehr? Willst du dich umbringen? Monatelang präsentierten sie immer neue Studien, die beweisen sollten, dass Vegetarier unter Mangelerscheinungen leiden. "Ich weiß bis heute nicht, warum die sich so aufgeregt haben", sagt Keller. Weil sie sich wirklich Sorgen machten? Oder weil ihnen plötzlich klar wurde, dass sich ihre mittlere Tochter aus der Welt ihrer Kindheit verabschiedete? Keller hat sich nie getraut zu fragen.

Ein eiskalter Wind bläst durch Hosen und Jacken, als wir in Guben aus dem Zug steigen. Keller zieht die Mütze tief ins Gesicht. Auf dem Vorplatz wartet ein Taxi, das ihr Potsdamer Mitarbeiter bestellt hat, weil der öffentliche Nahverkehr in Guben so eine Katastrophe ist. Als sie dem Fahrer die Adresse nennt, wird der gleich hellhörig. Sei da nicht früher die Praxis von Dr. Keller gewesen? Ein guter Arzt. Er habe viele Patienten dorthin gebracht. Dr. Keller ist Skas Vater. Sie könnte sich jetzt zu erkennen geben, aber sie beißt sich auf die Lippen.

So ist der Fahrer der Einzige, der spricht, während er seinen uralten Cadillac, "ein Westimport", durch Straßen navigiert, die so sauber und leer sind, als hätte die Stadtreinigung heute früh die Menschen gleich mit weggefegt. Weil er Keller für eine Auswärtige hält, erzählt er ihr die Geschichten, die er sich für Ortsfremde zurechtgelegt hat. Er schwärmt von den goldenen Zeiten der Industriestadt Guben, von der großen Wollfabrik, den feinen Tuchen, die hier gewoben, und den schicken Hüten, die einst von der Neiße in alle Welt exportiert wurden.

Hinter der Plattenbausiedlung am nördlichen Stadtrand steigen wir aus. Ein abschüssiger Panzerplattenweg führt zu einer Straße, an der sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus reiht, manche ganz modern mit Flachdach, manche mit Türmchen und Erkern. Kellers Elternhaus ist vor allem groß. Im Erdgeschoss hatte der Vater seine Hausarztpraxis, unter den ausladenden Dachgauben waren die Kinderzimmer, vom Wohnzimmer ging der Blick auf ein Feld.

Auf der Höhe der Garageneinfahrt bleibt Keller stehen. Die Beine durchgedrückt, die Hände in den Anoraktaschen, steht sie da wie festgeschraubt. Irgendetwas in ihr sträubt sich, diesem Haus, das ihre Familie inzwischen verkauft hat, zu nahe zu kommen. "Sie werden da doch nicht klingeln?"

Ist dann eh keiner zu Hause. Auf dem Briefkasten im Vorgarten kleben drei verschiedene Namen, dahinter, zwischen zwei Baumstümpfen, steht noch ein Weihnachtsmann. Keller deutet auf die Stümpfe. "Krass, die haben die Birken gefällt!" Die Birken müssen ihr etwas bedeutet haben.

Ihre Mutter hat ihr kürzlich erzählt, wie hart die Familie nach der Wende für dieses Haus sparen musste, mit drei Kindern und fast ohne Eigenkapital. "Angeblich hatten wir immer zu wenig Geld. Aber das habe ich nie gemerkt." Wahrscheinlich kriegt man als Jugendliche von den Sorgen der Eltern so wenig mit wie die Eltern von den eigenen Sorgen.

Die Kellers, Katholiken und schon zu DDR-Zeiten CDU-Wähler, hatten 1990 die Wiedervereinigung mit einem großen Fest begrüßt. Sie wollten nichts wissen von den Neonazis, die ab Mitte der Neunziger nachts durch die Innenstadt marschierten, und von dem Bürgermeister, der sie gewähren ließ. "Das war wie heute in Sachsen", sagt Keller. Es verbrüderten sich zwar nur wenige Gubener offen mit den Rechten, doch wenn die Antifa zur Demo rief, blieben alle schön zu Hause: So schlimm seien die paar Knallköppe ja nicht. "Unsere Gegner waren auch die Leute, die fanden, das gehe schon vorbei."

20 Jahre später, in Brüssel, sind Kellers Gegner die müden Pragmatiker, die ihre Aufgabe darin sehen, im Europaparlament nationale Interessen durchzusetzen. Keller gehört zu einer Gruppe junger Linker, die für ein neues, ein ziemlich anderes Europa kämpfen. Sie wollen den Türkei-Deal abschaffen, eine Willkommenskultur in Lampedusa einführen und allen Flüchtlingen gestatten, ihren Wohnort frei zu wählen.

Anfang Februar hat Keller im EU-Parlament eine flammende Rede gehalten, gegen Trumps Einwanderungspolitik, aber vor allem für das Europa, das sie sich schon so lange wünscht. "Wer hätte gedacht, dass die Rechte, die wir für gegeben halten, sich so schnell verflüchtigen? Wer hätte gedacht, dass die liberale Demokratie so schnell stirbt – in einem Verwaltungsakt?", rief sie in beneidenswert sicherem Englisch. Und dass Europa nun, da Amerika taumele, ein Hort der Freiheit bleiben müsse. "Wir sehen uns als Champions des internationalen Rechts. Aber tun wir genug? Bauen nicht auch wir Mauern und Zäune?" Letztlich sagte sie, was alle Linken sagen, aber ohne die Floskeln, die sie dabei verwenden, ohne die Resignation in den Mundwinkeln.

Man kriegt sie nicht ganz zusammen, die brillante Rhetorikerin aus Brüssel und die Frau, die sich in ihrer Heimatstadt jeden Satz abringt. Wir laufen in Richtung Zentrum. Nach den Einfamilienhäusern kommt erst mal sehr lange nichts, schließlich eine von Kellers ehemaligen Schulen. Wie war es eigentlich mit den Lehrern, die damals von einem Tag auf den anderen den Lehrplan wechseln mussten? "Bei der Wende war ich acht." Und später? "Da haben Lehrer mich nicht mehr interessiert." Sieht sie sich als Ostdeutsche? "Schon." Und ihre Eltern? "Das müssen Sie meine Eltern fragen." Man merkt, dass ihr das keinen Spaß macht. "Ska hasst Gespräche, die nicht auf den Punkt kommen", hat ihr Parlamentskollege Jan Philipp Albrecht einmal gesagt.