Am Fluss wird die Stadt, die bisher so löchrig wirkte, weil die Verwaltung alle Zweckbauten, für die es nach der Wende keine Verwendung mehr gab, in den vergangenen Jahren abgerissen hat, richtig schön. Kleine Bürgerpaläste, große Gründerzeithäuser. Eine Backsteinbrücke führt rüber nach Polen. Man hat Mühe, sich vorzustellen, dass hier bis 2003 eine EU-Außengrenze verlief.

Zum Einkaufen, sagt Keller, seien damals alle rübergegangen. Selbst die Gubener Nazis hätten in Polen billige Zigaretten geholt. "Ist es nicht interessant, dass die Leute, die heute die Grenzen dicht machen möchten, nie Waren, nur Menschen aussperren wollen?"

Man würde jetzt gern den Bogen schlagen von einer Jugend an der Außengrenze zu ihrer Idee eines solidarischen Europas. Von den Kippen der Nazis zu ihrem Kampf gegen TTIP. Aber Keller wirkt nicht ganz bei der Sache, als stecke sie irgendwo zwischen ihrem Elternhaus und Brüssel in einem Zeitloch.

Sie nippt an ihrer Wasserflasche. Vor 20 Jahren saß diese beherrschte Frau noch wütend in einem verrauchten Jugendzentrum, setzte Flugblätter auf, heckte Demonstrationsrouten aus und organisierte antifaschistische Fußballturniere. Es sei eben viel Zeit vergangen, sagt Keller ausweichend. Vielleicht ahnt sie, dass die Maximalforderungen, für die sie in Brüssel gefeiert wird, auf einer zugigen Pflasterstraße in Brandenburg schnell hohl klingen können. "Das Problem von Politik ist ja, dass die Aufgaben immer zu groß und die Maßnahmen immer zu klein sind", sagt sie. Wie soll sie da Fußballturniere als die große antifaschistische Aktion darstellen, aus der alles andere folgte? "Das hat alles ja schon auch viel Spaß gemacht", sagt sie.

Es wäre interessant, jetzt ihr altes Jugendzentrum zu besuchen, wo es ja auch um Partys ging, um den richtigen Spirit. Doch wie alles, was in Guben nicht mehr gebraucht wurde, ist es längst abgerissen. Die anrainenden Geschäfte sind alle geschlossen, auch die "Cocktailbar", in der Keller auf ein Mittagessen hoffte. "Montag in Brandenburg", sagt Keller. Sie hätte es wissen können.

In einer Bäckereifiliale mustert sie dann lange die Auslage. Nicht ein einziges Sandwich ohne Fleisch. Sie bestellt einen Kakao mit Espresso und Mohnkuchen, aber nur ein halbes Stück. Gibt es etwas, das sie hier in Guben fürs Leben gelernt hat? "Dass man keine Mehrheit braucht, um etwas zu bewegen. Man muss nicht einmal gewählt sein."

Damals hat es ihre Antifa-Gruppe mit Unterstützung der Landesinitiative "Tolerantes Brandenburg" geschafft, gegen die Mehrheit der Gubener einen Gedenkstein für Farid Guendoul durchzusetzen, den Algerier, der in den Straßen zu Tode gehetzt wurde. 2002 erhielten sie dafür den Preis des Bündnisses für Demokratie und Toleranz der Bundeszentrale für politische Bildung. Zur Verleihung kam Angela Marquardt, die damals mit buntem Irokesenschnitt für die PDS im Bundestag saß. "Da hieß es natürlich: Haha, der Punk kommt zu den Punks. Aber jeder wusste, dass der Preis eine große Sache ist."

Das ist wohl die zweite Gubener Lektion: Such dir Verbündete, die deine Gegner ernst nehmen. Damit jedenfalls scheint sie gut gefahren zu sein, so steil wie es nach dem Abitur bei ihr aufwärtsging. Bundesvorstand der Grünen Jugend, Landesvorsitzende der Brandenburger Grünen. Nebenher noch ein Studium der Islamwissenschaften, Judaistik und Turkologie, schließlich Brüssel. Als sie vergangenen Dezember Rebecca Harms als Fraktionsvorsitzende im Europaparlament ablöste, sprach Harms’ Umfeld von einem geschickt eingefädelten Coup. Keller sagt dazu nur einen Satz: "Rebecca und ich, wir verstehen uns gut."

Die Mütze und den schwarzen Anorak hat sie inzwischen ausgezogen. In der Bäckerei spricht sie noch leiser als heute früh im Zug. Die grell geschminkten Damen am Nebentisch starren trotzdem schon eine ganze Weile auf die junge Frau mit dem roten Rollkragenpullover. In Brandenburg werde sie oft für eine Westdeutsche gehalten, sagt Keller, und dass sie die Westdeutschen hier nicht sonderlich mögen. Da sei viel Kränkung dabei. Sie könne das verstehen. "Ich fühle mich ja auch diskriminiert, wenn ich höre, dass die Nachkriegszeit mit Adenauer begonnen hat."

Westdeutsche Einkaufsstraßen seien ihr immer noch fremd. Dieses ganze Geflacker, dieser nutzlose Kram in den Schaufenstern. Finnland, wo ja ihr Mann herkommt, sei ihr da näher. Die Plattenbauten, die es dort auch gebe, nur niedriger, die Kiefernwälder, die Leere. Finnland sei das Guben Europas, habe ihr Mann mal gesagt. So gesehen hätten sie eine gemeinsame Herkunft.

Sie musste nach Finnland fahren, um Guben in sich zu entdecken, sie musste sehr weit weg, um zu begreifen, wie tief so eine Herkunft in einem steckt, auch wenn sie keine Heimat mehr ist.

Am Bahnhof wirkt Keller gelöst. Sie erzählt von verpassten Züge und Flugzeugen, von der Schwingtür auf einer kroatischen Fähre, in der sie sich mal den Fuß verstaucht hat. Dann deutet sie auf den beleuchteten Fahrkartenschalter in der düsteren Bahnhofshalle. Dort habe sie früher all ihre Reisen gebucht. Nach Madrid, nach Rom, nach Montenegro. Hauptsache, weit weg.