Wer zu einem Konzert der Sleaford Mods geht, sieht zwei grimmig dreinblickende Typen auf der Bühne, beide Mitte vierzig. Der eine, Andrew Fearn, verharrt grotesk regungslos hinter einem Computer, dem er knarzige Beats und minimalistische Melodien entlockt. Der andere, Jason Williamson, keift und bellt die Texte dazu. Raue Alltagslyrik, in der ausgiebig angeklagt und abgerechnet wird. Es werden Arbeitslosigkeit, triste Jobs, schlechtes Essen und auch mal das miese britische Wetter höhnisch seziert. Kritiker beklatschen das Duo als Sprachrohr der abgehängten englischen Arbeiterklasse, die Konzerte sind auch in Deutschland in schöner Regelmäßigkeit ausverkauft. Jetzt erscheint ihr neues Album – das erste nach dem Brexit. Und alles ist noch schlimmer geworden.

DIE ZEIT: Mr. Williamson, die neue Platte Ihrer Band heißt English Tapas. Was zum Teufel sind englische Tapas?

Jason Williamson: Das ist unser Kommentar zur grotesken englischen Alltagskultur. Andrew, mein Bandkollege, entdeckte "English tapas" tatsächlich in einem Pub auf der Speisekarte. Es entpuppte sich als: schottische Eier mit Pommes frites, Sellerie und Gewürzgurken. Oh Gott! Das ist so typisch englisch: etwas Feines aus einer anderen Kultur zu nehmen, in diesem Fall spanische Tapas, und dann auf brutalste Weise für England umzudefinieren. "English tapas" repräsentieren die furchtbarste Seite von England: billig, schrill, hässlich, lachhaft und ignorant.

ZEIT: Aber auch ziemlich lustig. Ihre Texte werden vor allem für die überschäumende politische Wut gelobt. Wurde der Humor der Sleaford Mods bisher unterschätzt?

Williamson: Unsere Texte bestehen zu fünfzig Prozent aus Wut, zu fünfzig Prozent aus Humor. Wobei der Humor tatsächlich oft übersehen wird. Er ist sehr britisch, manchmal auch bloß Quatsch, den nur Leute aus unserer Heimatstadt Nottingham kapieren. Und schauen Sie sich doch an, wie wir bei Konzerten auftreten: ein Typ, der schweigend mit seinem Laptop hantiert, und ich, der dazu grimmig ins Mikrofon pöbelt. Das allein ist doch schon ein irrer Witz, oder? Wir nehmen uns selbst nicht ganz ernst. Warum sollte das Publikum das tun?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

ZEIT: Aber passt das zusammen mit der Wut? Ist Humor nicht bloß Eskapismus?

Williamson: Nein, er ist sehr wichtig. Besonders in finsteren Zeiten muss man den Unsinn zelebrieren. Um überhaupt etwas zum Lachen zu haben. Wenn ich mich jetzt hier alleine hinsetzen würde, um über das Leben und den Zustand unserer Welt nachzudenken, müsste ich in Tränen ausbrechen. Ich habe zwei kleine Kinder. Was für eine Welt hinterlassen wir denen? Wir Engländer sind ganz gut darin, das alles mit beißendem Humor zu relativieren. Humor war auch schon für die ersten britischen Punkbands extrem wichtig. In deren Tradition sehen wir uns.

ZEIT: Dafür, dass Sie recht unkonventionelle Musik machen, ist Ihre Band erstaunlich erfolgreich.

Williamson: Ja, das ist irre und überrascht mich tatsächlich. Es macht mir aber auch Angst, ich frage mich die ganze Zeit, wann dieser Scherz zu Ende ist und das Publikum wieder abhaut. Stattdessen werden wir von Platte zu Platte erfolgreicher. Mich macht das nervös. Lassen Sie mich kurz auf Holz klopfen. Als ich nach eineinhalb Jahren mit der Band beschloss, meinen Job bei einer Behörde zu kündigen, war das auch eine schwerwiegende Entscheidung. Immerhin habe ich Familie. Aber die Nachfrage nach den Sleaford Mods wird immer größer. Fragen Sie mich nicht, warum.

ZEIT: Vielleicht liegt es daran, dass der Brexit und die Wahl von Trump auch ihr Gutes haben: Der Wunsch ist wieder ausgeprägter, dass sich Künstler mit mehr Leidenschaft politisch positionieren.

Williamson: Leider kommt da aber nichts. Bis jetzt bin ich von vielen Kollegen enttäuscht. Es gibt einige Künstler, die sich kritisch-politisch geben, aber nur hohles Zeug brabbeln, weil es ihnen gerade angesagt erscheint oder ein PR-Stratege ihnen das nahelegt. Richtige Frustration, echte Wut habe ich noch nicht ausmachen können. Oder wenigstens einen einzigen erfrischenden Gedanken. Da kam bislang nichts! Nichts, was nur annähernd die Wucht hat, die einst die Sex Pistols ausstrahlten. Wo sind die wilden 21-jährigen Rebellen abgeblieben? Wo bleibt die verdammte Gefahr in der Musik?

ZEIT: Vielleicht hat Musik ihre gesellschaftliche Kraft verloren, und die jungen Rebellen sind anderswo unterwegs.

Williamson: Vermutlich haben Sie recht, und ich erwarte von Musik etwas, das sie nicht mehr leisten kann. Weil sie längst nicht mehr diese Strahlkraft hat. Ich lebe vermutlich in der Vergangenheit und habe unrealistische Vorstellungen von der Jugend. Trotzdem: Ich glaube daran, dass wir irgendwann wieder von einer aufregenden Band hören werden.

ZEIT: Sie teilen gnadenlos gegen Kollegen wie Paul Weller oder Noel Gallagher aus. Über Gallagher schrieben Sie, er sei elitär und ein "vertrocknetes Luxus-Opfer". Hat sich schon mal einer von denen bei Ihnen beschwert?

Williamson: Nein! Erstens hänge ich mit solchen Typen nicht herum. Wir treffen uns nie. Zweitens bekäme von denen auch keiner den Mund auf. Wetten? Außerdem: Was sollen die schon machen? Mir eine reinhauen? Ich weise nur darauf hin, dass die Musikbranche überfüllt ist mit satten Langweilern, die nichts bewegen. Die sind zu faul oder zu dumm.