Wie fühlt es sich an, wenn man redet und redet, ohne gehört zu werden? Und wenn es nicht der Nachbar oder der Kollege ist, der taub zu sein scheint für Sorgen und Probleme, sondern die Regierung? Wenn es einem so vorkommt, als entferne man sich immer weiter aus dem eigenen Land, obwohl man sich nicht wegbewegt.

Deutschland im Jahr 2017, das sind einerseits Politiker, die amtliche Statistiken zitieren und sagen: Die Deutschen können zufrieden sein. Die Arbeitslosenquoten sind niedrig, die Einkommensverhältnisse stabil, die Staatskassen voll.

Deutschland im Jahr 2017, das sind andererseits Millionen Menschen, die ziemlich unzufrieden sind. Weil sie glauben, dass trotz aller Statistiken etwas falsch läuft in diesem Land. Nur so erklärt sich die Begeisterung, die dem vage von mehr Gerechtigkeit sprechenden SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz entgegenschlägt. Nur so ist zu begreifen, warum längst nicht mehr nur Islamhasser und Flüchtlingsfeinde für die AfD stimmen. Nur so versteht man, weshalb die Gruppe der Nichtwähler inzwischen bei den meisten Wahlen besser abschneidet als die stärkste Partei.

SPD - "Der trifft einfach den Nerv der Zeit" Die SPD wirkt fast berauscht von Martin Schulz. Was erwarten Parteimitglieder von ihm und welche Fehler sollte er besser nicht machen? © Foto: Zeit Online

Für dieses Dossier haben wir fünf ganz normale Bürger gesprochen, drei Frauen und zwei Männer, aus unterschiedlichen Gegenden Deutschlands. Einen Staatsanwalt. Eine Unternehmerin. Eine Flüchtlingshelferin. Eine alleinerziehende Mutter. Einen Leiharbeiter. Sie sind keine Querulanten oder Pöbler. Sie hassen nicht nachts bei Facebook oder Twitter. Sie haben eine Arbeit, sie verdienen Geld, sie leben ein gewöhnliches Leben.

Doch in diesem Leben haben sie Dinge erlebt, die sie an Deutschland und seiner Regierung zweifeln lassen.

Die Unternehmerin

Elisabeth Renner, 63, ist Bauunternehmerin in München. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie den Familienbetrieb in vierter Generation. Beim Gespräch in ihrem Büro legt sie einen Packen Papier auf den Tisch: Es sind empörte Briefe, die sie an Politiker schrieb – ohne eine Antwort zu erhalten.

DIE ZEIT: Wenn Sie es in wenigen Sätzen beschreiben müssten: Was ist Ihr Problem?

Elisabeth Renner: Wir sind ein Unternehmen, das angeblich alles richtig macht – und das genau dafür bestraft wird. Wir zahlen unseren Angestellten sehr gute Löhne. Wir bezahlen pünktlich alle Steuern und Abgaben. Und trotzdem legt uns der Staat immer wieder Steine in den Weg.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

ZEIT: Können Sie das erläutern?

Renner: Mein Mann und ich führen die Firma seit 36 Jahren. Wir hatten immer eine große Zahl an Festangestellten, zwischen 70 und 90 Mitarbeitern. Schon vor der Einführung des Mindestlohns haben wir über Tarif bezahlt, und obwohl unsere Mitarbeiter witterungsbedingt nicht das ganze Jahr arbeiten, bekommen sie zwölf Monate Lohn, dazu Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld. Trotz des hohen Gewerbesteuersatzes sind wir mit unserer Firma in München geblieben, sind nicht wie andere Unternehmen raus aufs Land gezogen, wo die Steuern niedriger sind.

ZEIT: Sie machen also vieles so, wie die Politik es sich von einem Unternehmen wünscht?

Renner: Wir verhalten uns absolut korrekt, aber genau deshalb sind wir nicht in der Lage, mit Billiganbietern am Bau zu konkurrieren. Und weil wir nicht billig sind, kommen wir bei städtischen Bauprojekten überhaupt nicht mehr zum Zuge.

Wenn eine Stadt oder Gemeinde ein Gebäude errichten will, muss sie den Auftrag öffentlich ausschreiben. Jeder Bauunternehmer kann ein Angebot einreichen. Dann wird verglichen. Laut der deutschen Vergabeordnung darf der öffentliche Auftraggeber einen "unangemessen niedrigen Preis" nicht berücksichtigen.

Renner: Aber das ist eine Farce. Nach unserer Erfahrung bekommt immer der Billigste den Zuschlag. Das sind Firmen, die mit Subunternehmen arbeiten, Billiglöhne bezahlen und nur einen Bruchteil der Abgaben zahlen, die wir an den Staat abführen. Es ist ein völlig verzerrter Wettbewerb.

ZEIT: Wie geht es Ihrer Firma?

Renner: Wir haben über Jahrzehnte sparsam gewirtschaftet und die Verwaltungskosten niedrig gehalten. Wir haben immer für den Betrieb gelebt, sind nie mehr als eine Woche in Urlaub gefahren. Ich muss inzwischen mehr als 400 Urlaubstage guthaben. Bei 330 Tagen habe ich aufgehört zu zählen.

ZEIT: Aber Sie kommen über die Runden?