Die fünf Männer, die sich bei einem Italiener auf St. Pauli an eine lange Tafel setzen, kennen sich aus den Achtzigern. Damals waren sie Anführer und Mitglieder von Straßengangs – und verfeindet. Im vergangenen Jahr haben sie sich zum ersten Mal wiedergetroffen. Der ehemalige Türsteher Michel Ruge wollte wissen, was seine Rivalen von früher heute machen. Er lud auf Facebook Hunderte Ex-Gangmitglieder ein: zu einem Klassentreffen der Gangster. Für die ZEIT hat Ruge vier von ihnen noch einmal zusammengeholt.

DIE ZEIT: Guten Abend, die Herren. Was wäre passiert, wenn man Sie in den Achtzigern an diesen Tisch gesetzt hätte?

Frank Bartels: Dazu wäre es nie gekommen.

Kalle Andrich: Wenn, dann hätte jede Gang draußen 30 Leute stehen gehabt. Wäre hier Tanz gewesen, dann wären die Truppen reinmarschiert.

Frank Bartels: Es wäre auf jeden Fall nicht glimpflich abgegangen.

ZEIT: Welche Rolle spielten die Gangs damals?

Michel Ruge: Hamburg war die Hochburg der Subkulturen. Die Gangs beherrschten die Clubszene und damit im Untergrund ganze Stadtteile. Es war wichtig, dass man wusste, in welchen Club man geht und was für Gruppen da herrschen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Frank Bartels: Vor allem war es gesünder, das vorher zu wissen.

Michel Ruge: Es ging um Territorien, um Straßen und Viertel, die wir verteidigen wollten gegen einen vermeintlichen Feind, den wir gar nicht genau kannten.

Cihan Yilmaz: Wenn wir von den Streetboys irgendwo reinkamen, musste der DJ erst mal unsere Platte spielen: Street Life.

Michel Ruge: Dich kannte damals jeder.

Cihan Yilmaz: Und die, die uns nicht kannten, haben uns kennengelernt. Wenn wir in einen Club kamen, haben die Leute sofort die besten Plätze freigemacht, sonst gab’s Haue.

Cihan Yilmaz, 52, war Mitbegründer der mächtigsten Gang. Die Streetboys kamen aus dem Karoviertel und St. Pauli. © Michael Nehrmann für DIE ZEIT

Michel Ruge: Cihan war ein echter Promi – aber Kalle auch. Das sind die beiden mächtigsten Anführer hier am Tisch. Wenn Kalle früher gepfiffen hat, konnte er aus dem Stand Hunderte Männer mobilisieren. Ich kenne Leute, die Mods waren und jetzt sagen: Was, du hast Mod-Kalle getroffen, oh Alter, geil, den will ich auch mal treffen.

Kalle Andrich: Ich bin eine Lichtgestalt. (lacht)

ZEIT: Wer ging in Gangs? Die Polizei schrieb damals, die Banden bestünden überwiegend aus "milieugeschädigten Mitgliedern".

Cihan Yilmaz: Ja, das stimmt schon. Es gab damals einen Richter, wenn wir vor dem standen, wussten wir, wir kriegen einen Freispruch, denn der kam immer mit diesem "milieugeschädigt".

Michel Ruge: In der Presse wurden wir natürlich alle über einen Kamm geschoren als kriminelle Problemkids. Dabei hatten die Gangs Hunderte Mitglieder, jeder war anders.

Kalle Andrich: Die Klischees waren folgende: Die Bomberjackenträger wie Michel und Cihan galten als Asis, die Rockabillys wie Frank als einfache Arbeiterkinder. Die Rocker wie Holger waren Prolls, Säufer. Und meine Mods hatten eher Abitur, haben studiert und waren intellektuell.

ZEIT: Wie sind Sie in Ihrer Gang gelandet, Herr Yilmaz?