Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Gut kann ich nachvollziehen, wie es Deniz Yücel beim Warten im Gericht von Istanbul erging. Denn ich habe das Gleiche erlebt.

Du kommst in das Gerichtsgebäude und wirst dem Staatsanwalt vorgeführt. Mit gerunzelter Stirn schlägt der Staatsanwalt die dicke Akte vor sich auf und stellt Fragen:

"Warum hast du diesen Artikel so geschrieben?"

"Wieso hast du das getwittert?"

"Welche Absicht steckte hinter jener Frage?"

"Wer hat dir gesagt, da- und dorthin zu gehen?"

Du versuchst verzweifelt zu erklären, dass du all das in Ausübung deines Journalistenberufs getan hast. Während der Staatsanwalt deine Worte dem Gerichtsschreiber am Tisch nebenan diktiert, hat es den Anschein, dass er dich versteht. Nach stundenlanger Vernehmung verlässt du den Raum in dem Gefühl, ihn überzeugt zu haben.

"Wegen so banaler Anschuldigungen können die dich ja wohl nicht in U‑Haft stecken", denkst du. "Sie fürchten die Reaktionen aus aller Welt." Doch dann schießt dir durch den Kopf: "Vermutlich hat der Justizminister längst den Staatsanwalt angerufen, um deine Verhaftung zu erwirken."

Wie von Weitem hörst du die Stimmen der Freunde, die zu deiner Unterstützung gekommen sind. Sie hallen durch den kalten Korridor.

Dann wird verkündet:

"Überstellung zum Gericht mit Haftantrag ..."

Beantragt der Staatsanwalt Haft, ist das schon das Urteil. Denn der Strafrichter, dem du gleich vorgeführt wirst, steht vollkommen unter der Fuchtel der Regierung. Das weißt du, hegst aber dennoch Hoffnung. Deine Anwälte legen Einspruch gegen den Haftantrag ein, du wiederholst deine Verteidigung, die du bereits dem Staatsanwalt vorgetragen hast:

Vergebens. Sobald du siehst, dass der Richter dir gar nicht zuhört, ahnst du das Ergebnis. Als wäre das Urteil nicht bereits im Voraus gefallen, zieht der Richter sich zurück und macht dir die Wartezeit zur Tortur. Dann ruft er dich herein und verkündet sein Urteil:

"Verhaftet!"

Jetzt bist du selbst einer jener gefangenen Journalisten, deren Verfahren du beobachtet hattest. Hinter dir hörst du die Freunde rufen: "Journalismus ist kein Verbrechen!"

So lautet der beliebte Slogan der letzten Zeit in der Türkei. Doch leider ist Journalismus in meinem Land ein Verbrechen. Deniz Yücels eigentliches Verbrechen ist es, Fragen zu stellen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Zunächst fragte er, der Türkeikorrespondent der Welt, auf einer Pressekonferenz einen Gouverneur in Südostanatolien, was er davon halte, dass die lokale Bevölkerung wegen der IS-Präsenz in der Stadt besorgt sei. Die Reaktion des Gouverneurs: "Führt ihn ab!" Deniz wurde mit zwei Kollegen festgenommen.

Das war Deniz noch keine Lehre. Sieben Monate später stellte er erneut eine Frage. Diesmal dem türkischen Premier Davutoğlu bei einer Pressekonferenz mit Kanzlerin Merkel im Februar 2016. Er fragte Davutoğlu, ob es stimme, dass bei Anti-Terror-Operationen einige Zivilisten von staatlichen Kräften ermordet wurden. Es war eine Livesendung, die Frage konnte nicht zensiert werden. Statt zu antworten, warf Davutoğlu Deniz vor, er gebe politische Statements ab. Dass man einem türkischen Premierminister solche Anschuldigungen ins Gesicht sagen könne, sei ein Zeichen für Pressefreiheit in der Türkei.

Selbstverständlich durfte man Fragen stellen, vorausgesetzt, man zahlte später den Preis dafür.

Acht Monate nach dem "Fragenskandal" wurde Deniz festgenommen

Der Name Deniz Yücel stand seither auf der schwarzen Liste. Die regierungstreue Zeitung Sabah prangerte Deniz am nächsten Tag als "PKK-nahen, provokativen Journalisten" an, der "dem Ministerpräsidenten unverschämte Fragen stellte". Offensichtlich zog ein Sturm auf.

Im Oktober nahm ich mit Deniz auf der Frankfurter Buchmesse an einer Podiumsdiskussion teil. "Ich hatte noch Glück", sagte er. "Denn hätte ein türkischer Kollege die Frage gestellt, wären die Konsequenzen wohl schlimmer gewesen. Immerhin wurde ich nicht festgenommen." Noch hielt man Inhaber eines deutschen Passes für unantastbar.

Acht Monate nach dem "Fragenskandal" kam es zur "Schwiegersohnkrise". Nun wurde Deniz festgenommen, wegen eines seiner Artikel.

Diese harsche Reaktion auf eine einzige Frage, einen einzigen Artikel, erklärt, warum in der Türkei rund 150 Journalisten im Gefängnis sitzen. Statt sich für ihre Taten zu verantworten, zieht die Regierung jene zur Rechenschaft, die über diese Taten schreiben.

In dem letzten Bericht, der Deniz zur Zielscheibe machte, ging es um Berat Albayrak, den Schwiegersohn des Staatspräsidenten. Nach der Heirat mit Erdoğans Tochter 2004 stieg Albayrak in die Leitung einer der Familie nahestehenden Kapitalgruppe auf und wurde später Chef der Mediengruppe des Konzerns. Nun leitete er Erdoğans Propagandamaschine, wenig später wurde er zum Energieminister ernannt. Im vergangenen September aber geriet er in Schwierigkeiten. Die Hackergruppe RedHack knackte das E-Mail-Konto des Ministers und forderte die Freilassung linksgerichteter Gefangener, andernfalls würden sie den Schriftverkehr des Ministers veröffentlichen. Als die Regierung mit einer Verhaftungswelle reagierte, setzten die Leaks ein. Fast 60.000 Mails aus 16 Jahren gelangten an die Öffentlichkeit.

Einige E-Mails belegen Albayraks Verbindungen zur Firma Powertrans, die mit dem "Islamischen Staat" Ölgeschäfte gemacht haben soll. Und im Anhang einer Mail vom 9. Juli 2004 befand sich eine Karte, auf der Wege "für den Transfer von Waffen und Dschihadisten aus der Türkei an den IS" eingezeichnet waren.

Die Regierung startete einen massiven Zensurfeldzug gegen alle, die diese Mails weitergaben. Sie sperrte den Zugang zu Google und Dropbox. Doch vergebens, die Mails waren längst im Internet-Ozean verteilt.

Deniz’ neues "Verbrechen" bestand darin, über diese Mails zu schreiben. Nach seinem Artikel Anfang Oktober listete Sabah auch im Dezember den Namen von Deniz unter jenen Journalisten auf, die im Ermittlungsverfahren gegen RedHack gesucht werden. Sabah stand eine Weile unter Leitung von Albayrak, sie war es auch, die Deniz wegen seiner Frage der PKK-Nähe bezichtigt hatte.

Deniz’ Verhaftung weist darauf hin, dass Erdoğans Zorn gegen jegliche Kritik nun auch ins Ausland schwappt. Und das jetzt, da der Staatspräsident plant, nach Deutschland zu kommen, um für sein Referendum zu werben. Die Verhaftung von Deniz wird damit endgültig zu einem ernsten diplomatischen Problem zwischen Deutschland und der Türkei. Bereits letzte Woche verhehlten hohe Staatsbeamte mir gegenüber ihre Besorgnis über den Verlauf der Beziehungen nicht.

Der Haftbefehl gegen Deniz Yücel wird dafür sorgen, dass auch die Deutschen besser verstehen, mit welchem Unrechtsregime und welch schonungsloser Härte wir es in der Türkei zu tun haben. Endlich wird man erkennen, womit Journalisten, die für Freiheit kämpfen, konfrontiert sind, wie stark die Rechtsprechung politisiert wurde, wie sehr der normale journalistische Alltag geprägt ist von der Anschuldigung des Terrorismus. Darüber hinaus wird der "Schriftverkehr des Schwiegersohns", den Erdoğan zu vertuschen versuchte, noch weiter verbreitet werden.

Ich hoffe, die deutsche Regierung, die sich seit geraumer Zeit in Ankara für Deniz’ Freilassung einsetzt, bereut endlich, zu den Menschenrechtsverletzungen der türkischen Regierung so lange geschwiegen zu haben, und begreift nun, warum wir sie deshalb heftig kritisiert haben.

Was Deniz befreien wird? Genau das, was ihn ins Gefängnis gebracht hat: Wir müssen mehr Fragen stellen und dafür kämpfen, dass die Wahrheit ans Licht kommt und die Repressalien ein Ende haben.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe