Wer sich die Begründung der türkischen Justiz für die Verhaftung des deutschen Türkei-Korrespondenten Deniz Yücel durchliest, der kann eines jedenfalls nicht glauben: dass es sich hier um etwas anderes handelt als einen politischen Prozess. Yücel, so heißt es dort, habe ein Interview mit dem PKK-Chef geführt, er habe die türkische Regierung kritisiert, und er habe einen kursierenden Witz über das vergiftete Verhältnis von Kurden und Türken zitiert. Kurzum: Der Journalist wird bezichtigt, Journalismus zu machen.

Wenn dies aber ein politischer Prozess werden soll, was ist dann sein politischer Zweck? Was will Tayyip Erdoğan? Niemand kann das wirklich wissen; was er bewirkt, das lässt sich hingegen ganz genau sagen: Der türkische Präsident schadet der Türkei. Kürzlich hat seine Regierung Deutschland um wirtschaftliche Unterstützung gebeten, weil es der Türkei ziemlich schlecht geht. Glaubt er wirklich, dass es da seiner Sache dient, wenn er einen deutschen Journalisten einsperrt?

In der kommenden Woche beginnt in Berlin die Tourismus-Börse, was meint Erdoğan, wie sich sein Handeln auf das Geschäft mit deutschen Urlaubern auswirkt, wenn auf dieser Messe zum Boykott seines Landes aufgerufen wird? Und das wird es.

Schließlich der Journalismus: Wegen der Verhaftung von Deniz Yücel werden die anderen deutschen Korrespondenten gewiss nicht aufhören, kritisch zu berichten. Will er die dann auch verhaften lassen? Hofft er, die Medien spalten zu können? In diesen Tagen haben sich alle großen deutschen Zeitungen mit Ausnahme der FAZ gemeinsam für die Freilassung von Deniz Yücel eingesetzt, weil sie wissen, was zurzeit auf dem Spiel steht: Der Vormarsch der Autoritären und der regierenden Medienhasser zielt direkt auf den Wesenskern ihres Metiers. Ohne die volle Meinungsfreiheit wird der Journalist zum bloßen Lohnschreiber, zum Propagandahelfer oder zum Angsthasen, er verliert seine Würde, seine Fantasie und seine Funktion für die Gesellschaft, die nur durch Widerspruch klug wird. Erdoğan und seine Gesinnungsgenossen in Washington oder in Moskau halten die Medien für schwach, weil sie in den letzten Jahren mehr mit ihrer ökonomischen Krise beschäftigt waren als mit dem Kampf für die Meinungsfreiheit. Sie täuschen sich. Die Medien haben die Offensive der Autoritären vielleicht nicht vorausgesehen, ihr widerstehen werden sie dennoch. Die Renaissance des politischen Journalismus hat gerade erst begonnen.

Überdies ist wirklich schwer nachzuvollziehen, dass die türkische Regierung sich nun ausgerechnet einen Deutschen mit türkischer Herkunft ausgesucht hat, um an ihm ein Exempel zu statuieren. Das Motiv dafür, auch Journalisten mit türkischen Wurzeln in die Heimat ihrer Eltern zu schicken, ist doch gerade, dass sie dieses Land anders, zuweilen besser verstehen, als das einem Zugereisten möglich ist. Das Türkeibild in Deutschland wird dadurch vielfältiger, anfassbarer, lebendiger, aufregender. Will er das wirklich zerstören? Wenn es künftig in Deutschland nur noch ein eindimensionales Bild von der Türkei geben sollte, dann wird es gewiss keines sein, das ihm gefällt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Ohnehin könnten die Millionen Deutschtürken, die hier wie dort leben, eine Brücke sein zwischen den beiden Ländern, Erdoğan hingegen betreibt die Spaltung. Mit der Verhaftung hilft er in Deutschland nur jenen, die dem Islam und den Deutschtürken feindlich gegenüberstehen. Und schadet auch damit den Interessen seines Landes. Vielleicht gefällt ihm das nicht, dennoch ist es die blanke nüchterne Wahrheit: Wenn hier jemand seinen "Landsleuten" die Stange hält und die Beziehungen zur Türkei noch retten möchte, dann sind es die liberalen Kräfte.

Erdoğan sollte auch endlich verstehen, dass bei vier Millionen hier lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln das Schicksal beider Völker unwiderruflich eng verbunden ist. Befreien kann er sich davon nicht, er kann allenfalls Schmerzen bereiten. Darin allerdings ist dieser Präsident wirklich groß.

Demnächst möchte Tayyip Erdoğan nach Deutschland kommen, um für seine neue Verfassung Wahlkampf zu machen. Jetzt mal ganz realpolitisch betrachtet: Glaubt er im Ernst, dass die deutsche Regierung dem zustimmen kann, wenn dann Deniz Yücel noch in einem türkischen Knast säße? Eben.

Deutschland ist liberal. Aber nicht blöd.

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