Es wäre ganz einfach, etwas gegen das unsichtbare Gift zu tun, das in Deutschland mehr Menschen tötet als Verkehrsunfälle. Man braucht nur eine Plakette. Und eine Verordnung: Saubere Autos würden diese blaue Plakette bekommen und dürften damit in die Innenstädte fahren. Ältere Dieselfahrzeuge bekämen sie nicht, für sie wären damit die Zentren der meisten deutschen Großstädte tabu. Als Folge würde dort die Luft schnell sauberer. Es würden weniger giftige Stickoxide aus den Motoren gepustet und weniger Feinstaub aus dem Abrieb von Bremsen und Reifen aufgewirbelt.

Der Entwurf so einer Verordnung, 30 Seiten lang, liegt im Verkehrsministerium. Geschrieben hat ihn Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), und sie hat diesen vor über einem Jahr bereits an ihren Kollegen Alexander Dobrindt (CSU) geschickt. Der ist offiziell für die Straßenverkehrsordnung und damit auch für Plaketten zuständig, ohne ihn geht da nichts. Auf eine Gesprächsanfrage reagiert das Verkehrsministerium nur schriftlich und teilt lapidar mit: "Fahrverbote sind und bleiben ein falscher politischer Ansatz." Dies sei "nicht wirkungsvoll". Der Minister jedenfalls legte das Papier einfach beiseite.

Vorschläge von Kollegen zu ignorieren ist unhöflich, aber auch nicht ungewöhnlich im Berliner Polit-Alltag. In diesem Fall hat es jedoch tödliche Folgen. Jahr für Jahr töten diese Schadstoffe Tausende von Menschen. Oft merkt das niemand, weil ein Herz- oder Kreislaufversagen von den Angehörigen selten auf Stickoxide zurückgeführt wird; oder ein Schlaganfall auf Feinstaub. Und doch zeichnen die Zahlen der Europäischen Umweltagentur, einer eher bedächtigen und vorsichtigen Behörde, ein erschreckendes Bild: Allein in Deutschland starben 2012 rund 10.400 Menschen vorzeitig, weil sie zu viele Stickoxide einatmeten. 59.500 Menschen – 20-mal mehr, als 2016 an den Folgen von Verkehrsunfällen starben – hätten länger gelebt, wenn sie weniger Feinstaub eingeatmet hätten .

Die Umweltministerin haben diese Zahlen aufgeschreckt. "Vor allem alte Menschen und Kinder sind betroffen", warnt Hendricks. "Deshalb müssen wir alles tun, damit die Belastung der Luft mit Stickoxiden sinkt." Auch Alexander Dobrindt weiß das. Und neben der Umweltministerin hat auch die EU-Kommission immer wieder gemahnt. Schließlich verstößt die Bundesregierung nicht nur gegen eigene Gesetze, sondern auch gegen europäisches Recht, wenn sie zulässt, dass die Konzentration der Schadstoffe an vielen Orten regelmäßig die gesetzlich erlaubten Grenzen überschreitet. Schließlich hat die Kommission sogar Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Und weil die Bundesregierung darauf nicht reagierte, will sie nun sogar vor dem Europäischen Gerichtshof klagen. Damit Deutschland die Gesundheit seiner Bürger besser schützt.

Trotz Feinstaubalarms hielt Stuttgart auch 2016 den Negativrekord für schlechte Luft

Das kommt einem bekannt vor: Eine Umweltministerin scheitert am mächtigeren Verkehrsminister. Einer Bundeskanzlerin ist das Thema saubere Luft nicht wichtig genug, um ein Machtwort zu sprechen. Und eine EU-Behörde mahnt erfolglos. Ähnliches hat es in der Vergangenheit oft genug geben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Doch diesmal ist alles anders. Und das hat gleich drei Gründe: Da gibt es Großstadtbewohner, die nicht länger krank werden wollen, Gerichte, die deutsches Recht ernst nehmen. Und da ist Remo Klinger.

Klinger ist Anwalt in Berlin, aber ein ganz besonderer. Er kann zweierlei nicht ausstehen: Umweltverschmutzung und Behörden, die die eigenen Regeln missachten. Also begann er vor Jahren schon, Behörden wegen ihrer Untätigkeit zu verklagen. Mal klagte er dabei im Auftrag von betroffenen Bürgern, mal für eine kleine Umweltorganisation, die Deutsche Umwelthilfe. Wiederholt schon wähnte er sich am Ziel, doch dann ging die Sache wieder eine Instanz weiter, Behörden sind zäh. In diesen Tagen aber rückt sein Ziel zum ersten Mal in greifbare Nähe: Städte mit sauberer Luft.