Nun ist also in der Schweiz die Frage angekommen, ob man mit der AfD reden darf. Ich arbeite seit fünf Jahren als Journalistin in Ostdeutschland; in jener Region, in der die AfD die höchsten Umfragewerte erreicht. Und nach einiger Zeit der Auseinandersetzung mit dieser Partei bin ich überzeugt: Es ist keine Frage, ob man mit der AfD sprechen soll. Man muss!

Vielleicht hat das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich eine ähnliche Prämisse, wenn es am 17. März Liberale und Reaktionäre zu einer Diskussion einlädt. Der Titel: "Die neue Avantgarde". Mit auf dem Podium: Marc Jongen, ein intellektueller Kopf der AfD. Gegen Jongens Teilnahme gehen nun Künstler, Journalisten und Aktivisten mit einem solchen Furor vor, dass nicht einmal mehr klar ist, ob das Podium überhaupt stattfinden wird. Die Gessnerallee wird regelrecht bedrängt, die Debatte abzusagen. Es sei "für ein öffentlich subventioniertes Haus absolut inakzeptabel", ein solches Podium zusammenzustellen, findet etwa Samuel Schwarz, künstlerischer Leiter der Digitalbühne in Zürich. Zahlreiche Kunstschaffende haben einen offenen Brief wider diese Veranstaltung veröffentlicht.

Das sind ziemlich exakt die Debatten, die wir in Deutschland auch geführt haben, es ist noch gar nicht so lange her. In Ostdeutschland, im Bundesland Sachsen, ist die AfD zuerst in ein Länderparlament eingezogen, hier lebt die Bundeschefin der Partei, Frauke Petry, hier hat die AfD Umfragewerte von um die 20 Prozent. Jeder Fünfte also sympathisiert mit dieser Partei, bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wurde sie gar von jedem Vierten gewählt. Es ist in dieser Region geradezu unmöglich, sich mit AfD-Politikern nicht auseinanderzusetzen. Es ist demokratisch einfach geboten.

Die Angst vor den Rechtspopulisten kompensieren viele mit Arroganz

Leicht ist diese Auseinandersetzung aber nicht. Schließlich sorgt die AfD bei vielen Menschen für zwei Gefühle, die sich nur auf den ersten Blick widersprechen: eine gewisse Angst. Und eine gewisse Arroganz. Die Angst ist verständlich: Da kommt eine Partei, die alles ablehnt, was nach Establishment aussieht – die Parteien, die Medien, die Eliten. Und deren Vertreter auch noch regelmäßig Sachen sagen, die mit guter Erziehung wenig zu tun haben. Diese Angst nun kompensieren viele Menschen mit Arroganz, das heißt: Sie glauben, man werde die AfD schon marginalisieren und kleinhalten, wenn man sie nur aus öffentlichen Debatten ausschließt.

Das Problem ist: Mit jedem Versuch, die AfD mundtot zu machen, sind ihre Anhänger überzeugter geworden. Mit jedem Versuch, ihre Themen unter den Tisch fallen zu lassen, hat man ihr mehr Wähler zugetrieben. Erst seit in Deutschland viele Menschen angefangen haben, sich mit der AfD wirklich auseinanderzusetzen, sie in Debatten zu verstricken, sich auf der Bühne und im Parlamentssaal mit ihren Funktionären zu streiten – erst seitdem ist es für die AfD schwieriger geworden, sich als geächtete Partei von Märtyrern darzustellen. Ich will nicht sagen, dass das in Deutschland schon perfekt läuft. Wir ringen hier immer noch hart darum, die Angst-Arroganz loszuwerden – oder uns gar nicht erst von diesen Gefühlen anstecken zu lassen.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nun argumentieren Gegner der Zürcher Veranstaltung, AfD-Mann Marc Jongen sei ein "Antidemokrat". Das ist ein harter Vorwurf. Ob er gerechtfertigt ist oder nicht: Man sollte ihn schon umfangreich begründen können – und zwar lieber, nachdem man mit dem Mann diskutiert hat. Vokabeln wie "antidemokratisch" oder "rechtsradikal" nutzt man immer so gerne, aber meist sind sie nur dazu da, es sich schön einfach zu machen: Der Mann ist eben "antidemokratisch", mit dem darf man nicht reden – Punkt.

Meine Erfahrung ist, dass AfD-Sympathisanten und politisch Unentschlossene auf derlei Vorwürfe nicht so reagieren, wie man sich das erhofft: Die Ersteren werden trotzig und Letztere skeptisch, nach dem Motto: Wenn man sich nicht traut, mit denen zu reden, dann muss ja doch was dran sein an dem, was die sagen. Ich lese in dem schon erwähnten offenen Brief gegen die Veranstaltung in Zürich auch, es zeuge von Blauäugigkeit, sich mit einem der "raffiniertesten Rhetoriker (Demagogen) in den Reihen der AfD" auf ein Podium zu setzen. Welch ein Eingeständnis! Es ist das Eingeständnis der Angst. Man fürchtet sich davor, rhetorisch unterlegen zu sein – als wäre Jongen ein Genie. Das ist maßlos übertrieben. AfD-Leute haben keine Zauberkräfte.