Nehmen wir jemanden, der in einer Bäckerei arbeitet. Einer großen, grauen Brotfabrik. Viele Beschäftigte, noch mehr Brote. Dieser Mensch steht um drei Uhr in der Früh auf, Morgen für Morgen, fährt durch Dunkelheit und Kälte und setzt um Punkt vier die erste Portion Teig auf ein Blech. Weitere folgen, eine nach der anderen, alle gleich schwer, gleich groß, gleich geformt. Stunden später kehrt der Mensch zurück nach Hause, und bevor der nächste Morgen graut, klingelt erneut der Wecker.

Hat die Arbeit dieses Menschen einen Sinn?

Mit der bangen Frage nach dem Sinn inspizieren wir heute fast alle unseren Beruf, im täglichen Träumen wie im nächtlichen Wachen. Es gehört zum Konsens, dass Arbeit einen Sinn bieten muss. In Stellenanzeigen werden ausdrücklich "sinnvolle Tätigkeiten" beworben, nicht nur von gemeinnützigen Organisationen, sondern auch von Callcentern oder Banken. Doch anscheinend hat der Arbeitsmarkt nicht genug Sinn für alle. Woran liegt das?

An uns! Wir haben die Schraube überdreht. Sinn, Sinn, Sinn – so lange haben wir dieses Wort aufgeladen, überladen, mit Pauken und Trompeten hochgejubelt, bis keine Tätigkeit mehr übrig blieb, die noch gut genug war.

Hat die Arbeit des Brot backenden Menschen einen Sinn?

Selbstverständlich hat sie das. Essen ist ein Grundbedürfnis; wer Brot backt, schenkt Leben. Sinnvoller kann man sich Arbeit nicht vorstellen. Eine Tätigkeit ist sinnvoll, wenn sie anderen nützt. Wer Termine zur Zahnreinigung vergibt, trägt dazu bei, Krankheiten zu vermeiden. Wer Bücher verkauft, vermittelt Bildung. Wer Anträge in der Baubehörde prüft, hilft Menschen, vertretbar zu wohnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Und es gibt viele andere Bedürfnisse, die weniger grundlegend, aber genauso berechtigt sind. Wer professionell Fußball spielt, befriedigt das Bedürfnis seiner Mitmenschen nach Spannung und Wettbewerb. Wer Make-up verkauft, befriedigt das Bedürfnis nach Kreativität und Individualität. Wer Smartphones entwickelt, befriedigt das Bedürfnis nach Kommunikation und Information.

Sicher kommt es vor, dass jemand etwas herstellt, was er selber nicht braucht oder schätzt. Aber das entwertet seine Tätigkeit nicht. Wirklich sinnlos ist nur, was für niemanden eine Bedeutung hat.

Wenn ein Bäcker keinen Sinn darin sieht, grammgenau Teig auf ein Blech zu legen, dann könnte es auch daran liegen, dass man es ihm eingeredet hat. Die Ersten, die an der Sinnschraube drehten, waren gewiss andere. Akademiker, würde man raten, mit einem Hang zur Selbstbefragung. Gut ausgebildete Leute, die zwischen diversen Möglichkeiten wählen konnten und damit überfordert waren. Mittlerweile aber läuft eine ganze Generation von Berufseinsteigern dem Sinn ihres Tuns hinterher, vom Handyverkäufer bis zum Sozialarbeiter.

Arbeitsmarkt - Arbeitslosenzahlen gehen zurück Im März fiel die Zahl der Arbeitslosen um 100.000 auf insgesamt 2,6 Millionen. Dem designierten Chef der Bundesagentur Detlef Scheele zufolge hält das Beschäftigungswachstum unvermindert an. © Foto: Marijan Murat/dpa