Eigentlich bin ich den ganzen Tag zufrieden damit gewesen, dass mein Zimmerpflänzchen Gerhardt heißt. Gerhardt, der kleine Zier-Spargel. Keine zwanzig Zentimeter ist er hoch und das Einzige, was ich meinem neuen WG-Zimmer in Bautzen bisher hinzugefügt habe. Gestern Abend bin ich eingezogen. Meine Mitbewohnerin Katja hat den Namen Gerhardt vorgeschlagen. Heute Morgen, als wir gemeinsam zum Obi fuhren, um einen Wohnungsschlüssel für mich nachmachen zu lassen. "Kein Problem", sagte der freundliche junge Mann beim Obi-Maschinenservice und bat uns, zehn Minuten zu warten.

Also sind Katja, die als Fremdsprachenkorrespondentin in einer Brandschutzartikelfirma arbeitet, und ich ein wenig durch den Baumarkt spaziert. In dem für einen Samstag gar nicht mal so viel deutsche Brett- und Bohremsigkeit herrschte. Zum Geschäft sind wir in Katjas Volkswagen Golf gefahren. "Dann machen wir gleich eine OKF", sagte sie. "Eine was?" – "Eine Ortskundschaftsfahrt." Katja sächselt nicht, sie berlinert, was mich ein wenig irritiert, weil ich dadurch das Gefühl habe, immer noch in Berlin zu sein. Wo ich seit fünf Jahren lebe, weil es da so schön groß und angenehm leitkulturfrei ist.

Gleich zu Beginn der OKF sind wir am Husarenhof vorbeigekommen. Dem ehemaligen Drei-Sterne-Hotel, das kürzlich brannte und das deshalb sogar meine Berliner Freunde kennen. Das Gemäuer über der zubetonierten Eingangstür ist kohlschwarz, das Dach wird von einer grünen Plane ersetzt. Der Husarenhof liegt gleich um die Ecke meiner neuen Bleibe. Und wurde womöglich angezündet, damit dort keine Flüchtlinge unterkommen. Als ich noch im Asylbewerberheim in Meerane wohnte, Mitte der Neunziger, stand das Haus zum Glück nie in Flammen, nur am Rand der Stadt und unter argwöhnischer Beobachtung. Nach einem Jahr zogen wir um nach Leipzig, wo mich die nächsten zehn Jahre Neonazis durch den Plattenblock jagten. Ich bin in Kiew geboren und jüdischer Kontingentflüchtling. Und inzwischen Lebensdeutscher. Was suche ich also in Bautzen?

Ein Experiment. Ich will mich in Bautzen integrieren, die Bautzener und Bautzen verstehen. Und habe mir vorgenommen, einen Monat hier zu leben. Anschluss zu suchen. Vielleicht eine kleine Arbeitsstelle finden, einem Sportverein beitreten. Ich finde, es nützt nichts, vom Liberalland aus die Nase zu rümpfen. Die Kämpfe dieser Stadt sind kein Ostphänomen, sondern Extreme einer gespaltenen gesamtdeutschen Gesellschaft. Aus diesem Spalt steigt eine offen fremdenfeindliche Partei zur vielleicht drittstärksten Kraft im Bundestag auf. In diesen Spalt klettere ich in Bautzen.

Schnell stellte sich heraus, dass Katja keine OKF-Koryphäe ist und sich kaum auskennt in der Stadt. Erst vor zwei Wochen ist sie hierhergezogen. Ihre Wissenslücken sind nicht schlimm, denn das umliegende Lausitzer Bergland erhebt auch ohne Worte Anspruch auf Schönheit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Als ich Katja mit einem Grinsen ankündigte, mir alle Straßennamen nur auf Sorbisch einprägen zu wollen, lachte sie. (Bautzen ist die Hauptstadt der Sorben in Deutschland, deswegen ist hier alles zweisprachig ausgeschildert.) Überhaupt ist es ziemlich leicht, eine schöne Zeit mit Katja zu haben. Weil sie gerade frisch verliebt ist – zum zweiten Mal erst, in 26 Jahren! So fielen selbst mittelschwere Missverständnisse zwischen uns nicht ins Gewicht. Zum Beispiel als wir uns darüber unterhielten, ob es in Bautzen wirklich so schlimm ist, wie es in den Medien immer heißt. Denn ich meinte mit schlimm die Rechtsradikalen, die eine "National befreite Zone" erzwingen wollen. Sowie all die Schuster, Versicherungsverkäufer und Polizisten, die das insgeheim richtig finden. Katja meinte dagegen Syrer und "Asylis, die einen nachts aber in Ruhe lassen. Nicht so wie die Algerier in Paris, die versucht haben, mich in einem McDonald’s zu vergewaltigen."

Katja hat sogar selbst einen Afrikaner aufgenommen. Ernest aus Mauritius. Sie fand ihn im Urlaub wimmernd an einem Wasserfall. Ernest kroch Katja in die Arme und flehte sie mit Hundeaugen an, sein Leben zu retten. Nun steht auf seiner Bautzener Hundemarke die Nummer 1172 und darunter: Ich halte meine Stadt sauber. Alle mögen Ernest, den schwarzen Einwanderer mit der wedelnden weißen Schwanzspitze. Ich habe ihn auch gleich ins Herz geschlossen, verstecke aber meine schicken Lederschuhe vor ihm.

Die nette Frau am Obi-Botanikstand sagte über Gerhardt mit seinen sympathisch verworrenen, in verschiedene Richtungen abstehenden Trieben: "Das ist Familie Asparagus, Halbschatter, nicht zum Verzehr geeignet." Nun steht er auf dem Fensterbrett meines WG-Zimmers, das überraschend schwierig zu finden war. Trotz 40.000 Einwohnern gab es auf WG gesucht nur sechs Inserate. Die Mietpreise sind dermaßen niedrig, der Leerstand ist so hoch, dass sich geteilte Wände hier im Grunde nicht lohnen. Unser Haus liegt im Bautzener Villenviertel, ist aber ein eher dezenter, grau-violetter Dreigeschosser. Nur der großzügige Holzbalkon zeugt ein wenig von Gehobenheit.

Heute Abend habe ich dann auch unseren eingetragenen Hauptmieter kennengelernt, der mich barfuß und in Hawaiishorts empfing. Knut heißt er und sieht aus wie ein auf Jamaika sozialisierter Wikinger. Hinter seinem blassen Gesicht hängen gelbe Rasta-Zöpfe, am runden Kinn wellt sich ein roter Bart. Er sah bekifft aus. Ich fragte ihn, ob er gerade gekifft habe, und er antwortete: "Aber nein, Herr Wachtmeister." Knut produziert Schokolade, kann aber auch am Bau. Zudem organisiert er gern, Jugendforen oder Konzerte. Letztere initiierte er vor Kurzem, um den neuen Oberbürgermeister, Alexander Ahrens, zu unterstützen. Ahrens, der parteilos ist und sich in Talkshowsesseln gern als linke Socke bezeichnet, sei ganz wichtig gewesen, um den Ewigkeitsbürgermeister Christian Schramm von der CDU endlich abzulösen. "Damit die Demokratie in Bautzen sich nicht mehr weinend versteckt." Interessanterweise liegt die Wohnung des Ewigkeitsbürgermeister schräg gegenüber von unserem Balkon. Dort tranken Katja, Knut und ich heute Tee mit Apfelsaft und warmem Sonnenuntergangslicht. Ernest nagte an einer Holzkiste.

Knut erklärte, wieso er trotz guter Jobangebote andernorts und ständig wegziehender Freunde in seiner Geburtsstadt Bautzen geblieben ist: "Ich will nicht der Letzte sein, der das Licht löscht. Ich möchte diese Stadt nicht dem ungebildeten, rechten Bodensatz überlassen." Das beeindruckte mich. Jamaika-Knut würde mir gern sein Bautzen zeigen! Nach diesem ersten Tag, beim Zähneputzen, habe ich jedenfalls beschlossen, meinen Einleb-Zier-Spargel in Gerhardt Hassan umzubenennen. Ich weiß nicht genau, warum, und auch nicht, wie oft ich ihn gießen muss.