In den Filmen der Regisseurin Kelly Reichardt gibt es ein einzigartiges Amerikagefühl. Auf den ersten Blick erscheint die amerikanische Provinz so, wie man sie kennt: Als ein unendlich weiter Raum, in den die Menschen Straßen, Einkaufszentren und hässliche Parkplätze hineingebaut haben. Doch die Figuren, an die sich die Kamera heftet, wirken seltsam verloren in diesem Zivilisationsgerüst. Selbst am Steuer ihrer Autos verströmen sie Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. In manchen Momenten wirken sie wie frühe amerikanische Siedler in einer Landschaft, die jederzeit zur Bedrohung werden kann. Auch der Styroporbecher mit dem Kaffee vermag über dieses Ausgesetztsein nicht hinwegzutäuschen.

Certain women, Kelly Reichardts neuer Film, spielt im winterlichen Montana im Städtchen Livingston. In der ersten Einstellung durchquert ein Güterzug die Weite der Landschaft. Während die Kamera über den Provinzort schwenkt, vermeldet ein Radiomoderator die Temperatur – minus fünfzehn Grad – und die Ereignisse der letzten Tage: Drei Hunde wurden mit angeschwollenen Zungen in die Tierklinik eingeliefert, da das Wasser ihres Trinknapfes gefroren war. Die Wolken hängen tief, am Bildhorizont sieht man schneebedeckte Bergketten, doch die Heldinnen, denen der Film in drei lose miteinander verknüpften Episoden folgen wird, sind zu beschäftigt, um sie auch nur wahrzunehmen.

Für die Anwältin Laura Wells ist die Landschaft nicht mehr als ein kurzer Blick durch das Fenster ihrer Kanzlei. Ein Klient verlangt von ihr, eine aussichtslose Arbeitsrechtsklage durchzufechten. Laura Dern verleiht der Juristin eine sanfte Genervtheit, ein unablässiges Schwanken zwischen Mitgefühl und professioneller Distanz. Als der verzweifelte Mann zum Geiselnehmer wird, begreift Laura auch dies als ihren Job: Sie lässt sich die kugelsichere Weste anlegen und geht stoisch in das Gebäude hinein, wo ihr Klient einen Nachtwächter gefangen hält.

Kino - "Certain Women" (Trailer) © Foto: Peripher Filmverleih

In Certain Women wird kein Schuss fallen und niemand zu Tode kommen. Selbst die Geiselnahme vollzieht sich mit einer gewissen Gedämpftheit. Der Film wird getragen vom ruhigen Sound einer Geschichtensammlung der amerikanischen Autorin Maile Meloy. Er besteht aus verdichteten Momenten, kurz ins Bild tretenden Alltagsdetails, flüchtigen Atmosphären. Die eigentlichen Dramen müssen gar nicht erzählt werden. Sie nehmen langsam Kontur an, zwischen Autofahrten, Besuchen in Shoppingmalls oder Campingausflügen. Das Drama eines Hausbaus beispielsweise, der das Scheitern einer Ehe verdecken soll. Für Gina (Michelle Williams) muss es ein Ferienhaus aus "authentischen" Materialien sein: Alte Bahnschwellen, behauene Steine aus der Zeit der amerikanischen Pioniere. Gemeinsam mit ihrem Mann und der pubertierenden Tochter macht die Frau, die offenbar ihre Familie ernährt, Ausflüge zu ihrem Grundstück in der Natur.

Gina ist so eingenommen von ihrem Hausprojekt, dass sie nicht merkt, dass ihr Mann sie betrügt. Einmal holt die Familie einen Haufen Sandsteinblöcke von einem alten Rancher ab. Während der Mann am Fenster steht, winkt Gina ihm zu, erst fröhlich, dann zögerlich. Michelle Williams gelingt es, in dieses ersterbende Winken eine ganze Welt zu packen. Und plötzlich schießt alles zusammen: verschwundene und gegenwärtige amerikanische Träume, zerstobene Hoffnungen und neue Sehnsüchte, die sich in einem Steinhaufen materialisieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Certain Women ist die dritte Zusammenarbeit von Kelly Reichardt und Michelle Williams – und die dritte Etappe einer ruhigen Abenteuerreise quer durch die Orte und die Geschichte der Vereinigten Staaten. In Williams’ ungeschminktem Gesicht liegt die Spannweite von Reichardts Kino: zwischen der banalen Arbeit am Leben und der Sehnsucht eines großen Countrysongs.

In Wendy and Lucy (2008) spielt Williams eine junge Frau, die sich von Indiana nach Alaska aufmacht, um in einer Fischfabrik zu arbeiten. Als ihr Auto kaputtgeht, wird sie obdachlos und verliert noch dazu ihre Hündin. Aber Wendy gibt nicht auf, sie bleibt gewissermaßen am Steuer dieses so realistischen wie lyrischen Roadmovies. Drei Jahre später verkörpert Williams in Auf dem Weg nach Oregon eine Siedlerin, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem Treck in der Wildnis verirrt. Aus weiblicher Perspektive zeigt der Western das harte Handwerk der Besiedlung, die Ohnmacht von Menschen, die in der Natur verloren gehen.