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Als während des Bosnienkriegs die bosnischen Soldaten den Serben ihre Grausamkeit heimzahlen wollten, mahnte ihr Präsident Alija Izetbegović: "Ein Krieg geht nicht verloren, wenn man besiegt wird, sondern wenn man dem Feind ähnlich wird."

Deutschland verliert seinen "Krieg" gegen Erdoğan womöglich, denn mit den jüngsten Auftrittsverboten für türkische Politiker fängt es an, ihm zu ähneln.

Die Türkei ist ein Land der Verbote, die Gefängnisse sind voll mit jenen, die ihr Recht auf Kritik ausübten. Erdoğan, der sein Land mit Notstandsrecht regiert und andere Meinungen nicht erträgt, wirft Deutschland "Nazi-Methoden" vor, weil es ihm und seinen Ministern Redeverbot erteilt.

Erdoğan hat das Talent, "sich seine Feinde gleichzumachen". Er triumphiert, je erbitterter sein Kontrahent tobt. Froh, einen neuen Gegner geschaffen zu haben, erklärt er sich zum Opfer und vereint seine Anhängerschar um sich. Er regiert durch Angst. Deutschland tappte in diese Falle. Statt zu sagen: "Wir unterscheiden uns von Erdoğans Regime, bei uns ist Meinungsfreiheit heilig", kapitulierte es vor der Gesinnung der Verbote. Damit bescherte es Erdoğan einen neuen Trumpf für seine antiwestliche Haltung. Es radikalisierte die AKP-Anhänger in Deutschland weiter. Als auch sozialdemokratische CHP-Politiker Deutschlandreisen absagten, weil sie das Verbot für undemokratisch halten, hatten die Auftrittsverbote im Vorfeld des heiklen Referendums auch die Opposition in Erdoğans Lager gedrängt. Ein großer Fehler! Wer wie ich aus dem Reich der Verbote nach Deutschland kommt, hofft, hier nicht erneut auf Verbote zu stoßen. Sobald sich staatliche Behörden aufschwingen zu bestimmen, wer wann wo worüber reden darf, läuten Warnglocken für die Freiheit.

Muss man nun aber Feinden der Demokratie alle Möglichkeiten der Demokratie bieten? Eine schwierige Frage. Sie zieht eine Reihe anderer Fragen nach sich: Warum wurde, da nun einmal Pressefreiheit von so ungeheurer Bedeutung ist, mit einem Staatschef, der sie missachtet, freundschaftlich posiert und ein Flüchtlingspakt geschlossen? Warum wurde Erdoğan, der 150 Journalisten hinter Gitter brachte, zuvor erlaubt zu reden? Brauchte es zum Protest unbedingt die Inhaftierung eines Journalisten mit deutschem Pass? Es ist nicht die Zeit für Doppelmoral, man muss sich an Prinzipien halten. Sollte Erdoğan, der das Recht missachtet, morgen vor Gericht kommen, wird es an uns sein, dafür einzutreten, dass er nach rechtsstaatlichen Prinzipien behandelt wird. Diese Konsequenz ist es, die uns von ihm unterscheidet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Was die Auftritte türkischer Politiker in Deutschland angeht, wäre es richtig gewesen, wenn nicht der Staat, sondern das Volk die Wehrhaftigkeit der Demokratie bewiesen hätte. Wäre ein Auftritt Erdoğans aufgrund der Proteste seiner Gegner abgesagt worden, wäre das für alle lehrreicher gewesen. Die deutsche Politik indes zog es vor, Verbote auszusprechen, und das noch nicht einmal offen, sondern mit einer Ausrede "türkischer Art": Man schob die Schuld den Kommunen zu und verschanzte sich hinter Argumenten wie, es stünden keine Parkplätze zur Verfügung. Demokratie erfordert prinzipienstärkeres Auftreten. Die Taktik der Demonstranten bei den Gezi-Protesten, Erdoğans erste Niederlage in seinen 15 Regierungsjahren, sollte ein Vorbild sein: Friedlicher Protest gegen Gewalt, Humor gegen Zorn, auf Gemeinschaft setzende Solidarität gegen polarisierende Hassrhetorik.

Verbote und Empörung sind ein Heimspiel für Erdoğan. Demokratie und Dialog sind für ihn ein Auswärtsspiel. Um dieses Spiel zu gewinnen, müssen wir ihn auf unseren Platz holen, statt auf seinem mitzuspielen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe