Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

Der Film kommt zum richtigen Zeitpunkt, und sein Titel könnte treffender nicht sein: Die göttliche Ordnung. Die Regisseurin Petra Volpe erzählt den Kampf um die Einführung des Frauenstimmrechts am Beispiel der braven Heldin Nora Ruckstuhl, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. In einem Appenzeller Dorf beginnt sie sich langsam, aber hartnäckig für das Frauenstimmrecht einzusetzen – und dafür, wieder berufstätig sein zu können. Nur Socken waschen und den tyrannischen Schwiegervater bedienen, das reicht ihr nicht. Als sie dies ihrem Mann anvertraut, verbietet der ihr, eine Stelle zu suchen – und kann sich dabei auf das Gesetz berufen. Bis 1988 befahl das Schweizer Eherecht, dass der Mann als Oberhaupt der Familie nicht nur allein über das Geld verfügen, sondern auch entscheiden durfte, ob die Gattin arbeiten gehen darf oder nicht.

Unterstützt von der lebenslustigen Bären-Wirtin Vroni, beginnen Nora und ihre Schwägerin Therese, sich um das Schweigediktat im Dorf zu foutieren – sie wollen arbeiten, sie wollen mitbestimmen. Das brauchte damals enormen Mut im miefigen, engen Umfeld der dörflichen Schweiz der 1970er Jahre.

Dabei legt sich Nora mit der Schreinerei-Unternehmerin Charlotte Wipf an. Diese ist gleichzeitig die Chefin ihres Mannes und Vorsitzende des "Aktionskomitees gegen die Verpolitisierung der Frau". Auch das ist keine Fiktion: Wo immer es um Frauenrechte geht, gibt es Nattern in Frauengestalt, die vorneweg dagegen wettern.

Die göttliche Ordnung endet trotzdem mit einem Happy End: Das Frauenstimmrecht wird am 7. Februar 1971 an der Urne angenommen, und die Suche nach "dem Tiger" im Ehebett der Ruckstuhls ... doch lassen wir das. Schauen Sie sich den Film selber an! Es lohnt sich. Er leuchtet wie mit dem Brennglas in die reaktionäre, verschlossene Welt der kleinbürgerlichen Schweiz der Nachkriegszeit. Er besticht durch seine charmant-verspielte, witzige, tragische Inszenierung und seine hervorragenden Schauspielerinnen. Er ist wohltuend differenziert und zeigt, dass auch Männer unter der rigiden Rollenverteilung leiden, ja an dieser zerbrechen können. Die göttliche Ordnung ist nicht zuletzt deshalb ein wichtiger Film, weil die jüngere Generation kaum mehr etwas über diese Kämpfe weiß: über die späte Korrektur der größten politischen Schande des modernen Bundesstaates – und darüber, dass die Demokratie in der Schweiz darum erst 46 Jahre alt ist.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Am Rande wird ein weiteres dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte thematisiert: die administrative Verwahrung. Die widerspenstige Tochter von Therese wird ohne Verfahren ins Gefängnis gesteckt. Ihr Verbrechen: Sie ist rebellisch, trägt Miniröcke und liebt einen langhaarigen Töff-Fahrer. Wie sie wurden bis Anfang der 1980er Jahre Hunderte von Frauen weggesperrt. Auch hier funktionierte das Schweigekartell. Viele wussten von der Ungerechtigkeit, wenige haben sich gewehrt. Treffend heißt es im Film: Wenn niemand den Mund aufmacht, dann ändert sich auch nichts zum Guten.

Beim Abspann habe ich mir gedacht: Was für ein Glück, dass ich Ende der 1950er Jahre geboren bin! Der Aufbruch stand bevor – und ich konnte mein Leben selber gestalten. Auf den Schultern der Frauenrechts-Pionierinnen hat meine Generation die Gleichberechtigung vorangetrieben: Was ihnen das Stimmrecht, war uns das Recht auf eine straflose Abtreibung.

Erreicht haben wir einiges, aber noch lange nicht alles. Und vieles, was uns sicher schien, ist wieder infrage gestellt. In den USA ist ein Frauenverachter zum Präsidenten gewählt worden, rechtsnationale Bewegungen bedrohen die Errungenschaften der Emanzipation. Die große Philosophin Simone de Beauvoir hat immer davor gewarnt: Ändern sich die politischen Verhältnisse, sind die Frauenrechte rasch weg. Auch deshalb kommt der Film zur richtigen Zeit.