Viel wurde in den vergangenen Wochen über den türkischen Islamverband Ditib gesprochen – und wenig mit ihm. Es gab ein Treffen der religionspolitischen Sprecher der Bürgerschaftsfraktionen mit dem Vorsitzenden der Ditib Nord, Sedat Şimşek. Davon drang aber kaum etwas nach außen. Dabei sind die Fragen drängend: Ist der Verband ein Erfüllungsgehilfe der türkischen Regierung? Passen Ditib und Demokratie zusammen? Im Interview mit der ZEIT bezieht Sedat Şimşek Stellung. Um präziser sein zu können, bat Şimşek, die Fragen schriftlich beantworten zu können. Darauf ließ sich die ZEIT ausnahmsweise ein.

DIE ZEIT: Herr Şimşek, Ihr Verband wird scharf kritisiert, jetzt beschäftigt sich der Verfassungsschutz mit der Wilhelmsburger Ditib-Moschee und ihrem Umfeld. Hat Sie diese Reaktion überrascht?

Sedat Şimşek: Na ja, ein bisschen überrascht war ich schon, aber ich denke, der Verfassungsschutz wird sicher schnell merken, dass es in unserer Moschee nichts gibt, was man näher beobachten müsste.

"Wir brauchen keinen türkischen Wahlkampf in Deutschland", sagt Sedat Şimşek, 43. Der Physiker ist Vorsitzender von Ditib in Hamburg und Schleswig-Holstein. © privat

ZEIT: Anlass für die Überwachung gaben unter anderem Äußerungen des Vorstands, der auf Facebook zweifelhafte Zitate von Imamen veröffentlichte. Ein Beispiel: "Demokratie ist für uns nicht bindend ... Uns bindet Allahs Buch, der Koran."

Şimşek: Diese Zitate stammen aus einer anderen Zeit und aus einem ganz anderen Kontext. Trotzdem sind es dumme Zitate, die auf gar keinen Fall unsere Meinung wiedergeben.

ZEIT: War Ihnen bewusst, dass es bei Ditib Funktionäre gibt, die solche Einstellungen haben?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Şimşek: Wir haben keine Funktionäre mit antidemokratischem Gedankengut. Unsere Vorsitzenden sind selbst demokratisch gewählt. Und wir haben uns in unserer Pressemitteilung vom 24. Februar klar zur demokratischen Grundordnung bekannt.

ZEIT: Das Zitat lässt Herrn Kocaman, den Wilhelmsburger Vorstand, nicht gerade als Demokratiefreund dastehen.

Şimşek: Herr Kocaman hat das vor über drei Jahren ohne irgendwelche antidemokratischen Hintergedanken veröffentlicht. Das war sicherlich ein Fehler. Aber ein Posting in einem sozialen Netzwerk ist nicht gleichbedeutend mit der eigenen Meinung.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Şimşek: Ich habe zum Beispiel vor einiger Zeit Aussagen von Donald Trump gepostet, wonach er ein Einreiseverbot für Muslime einführen möchte. Das heißt nicht, dass ich wie Trump denke. Da ich Herrn Kocaman kenne, weiß ich, dass er ein überzeugter Demokrat ist.

ZEIT: Dann hätte er aus Ihrer Sicht gar nicht zurücktreten müssen?

Şimşek: Doch, weil solche Postings inakzeptabel sind – auch wenn sie nicht die eigene Meinung wiedergeben. Herr Kocaman hat nun die Verantwortung übernommen, das begrüßen wir.

ZEIT: Kritik gab es auch, weil ein Jugendlicher aus der Wilhelmsburger Gemeinde auf Facebook an Erdoğan gerichtet schrieb: "Mein Führer, gib uns den Befehl, und wir vernichten Deutschland." Woher kommt diese Radikalität?

Şimşek: Postings dieser Art sind klar zu verurteilen. Dieses Beispiel zeigt sehr gut, wie wichtig unsere Jugendarbeit ist, damit wir junge Menschen vor verkehrten Sozialisierungen und Radikalisierungen bewahren können.

ZEIT: Offenbar funktioniert das nicht besonders gut.