Allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen. Ein Strom, der sie wässert. Allerlei gefiedertes Gevögel. Getier, das im Wasser lebt und webt. Gewürm, das auf Erden kriecht. Mittendrin: der Baum des Lebens. Und der Mensch. Nackt.

So soll es aussehen, das Paradies.

Und so sieht es aus auf Erden: Stämme, dick und dünn, glatt und stachelig. Dazwischen Lianen, Luftwurzeln, Blätter in jeder Größe, flackernd in tausendundeinem Grün. Über dem Wasserloch vor mir lichtet sich das Dickicht ein wenig. Wie besoffen von der eigenen Schönheit torkelt ein Blauer Morphofalter vorbei; sobald die Sonne seine handtellergroßen, metallisch blauen Flügel erfasst, sendet er Discoblitze in den Dschungel. Plötzlich Geschrei, Rotgelbgrünblaues rauscht heran und bezieht Stellung in den Baumwipfeln rund um die Pfütze.

Ich warte, umtönt von einer Dschungel-Sinfonie, im Bass das ferne Kollern der Brüllaffen. Zwei Stunden dauert es, bis die sieben stattlichen Aras sich unter vorsichtigen Rundumblicken die Äste hinabgehangelt haben; nun löschen sie unter lautem Gekrächz am Wasserloch ihren Durst. Bald werden sie umschwirrt von einer bunten Wolke aus Hunderten Papageien, die ebenfalls trinken wollen. Das Frühstück endet jäh: Aufgeschreckt von irgendeiner Gefahr hoch über ihnen, stieben plötzlich alle davon. Der Luftzug ihrer Flucht streift mein Gesicht. Benommen von so viel Gevögel mache ich mich auf den Rückweg zum Strom, der hier alles wässert. Eine Schlange windet sich über den Weg.

Wenn man sich den Garten Eden als jenen Ort denkt, an dem die komplette Schöpfung versammelt war, ist Yasuní tatsächlich die bestmögliche Annäherung an diese Idee. Nirgendwo auf Erden ist die Artenvielfalt größer als in dem Nationalpark im Osten Ecuadors. Wie ein gigantischer grüner Zweizack liegt er am Südufer des Napo, eines der großen Zuflüsse des Amazonas. Tausend weitere Wasser durchziehen den Park, und in den Disziplinen Diversität von Amphibien, Reptilien und Fledermäusen hält Yasuní den Weltrekord. Außerdem wurden hier bislang 2274 Baum- und Busch- sowie 610 verschiedene Vogelarten entdeckt. Und auf einem einzigen Hektar tummeln sich 100.000 verschiedene Insektenarten – dreimal mehr, als es in ganz Deutschland gibt. Wer hier nur einmal kräftig in die Erde langt, hält einen Kosmos in Händen.

© ZEIT-Grafik

Sogar einige Menschen, die noch nie mit der Zivilisation in Berührung gekommen sind, Angehörige der Stämme Tagaeri und Taromenane, leben in selbst gewählter Isolation versteckt im südlichen, dem sogenannten unberührbaren Teil des Schutzgebiets – indigene Adams und Evas, wenn man so will.

Aber taugt das Paradies auch als Reiseziel? Hineinzukommen war noch nie ganz einfach; den Garten Eden umgab ein Flammenring, und Fabelwesen namens Cherubim hüteten den Eingang "mit hauendem Schwert". Yasuní beginnt zwei Speedbootstunden von der nächsten größeren Siedlung entfernt und ist eine weitgehend weglose Wildnis, bewacht von den Rangern der Nationalparkverwaltung; nur in Begleitung eines lizenzierten Führers gelangen Normalsterbliche hinein. Meiner heißt Rodrigo, Angehöriger des Stammes der Kichwa, geboren im Schatten des Parks ein paar Stunden stromabwärts. Bewaffnet mit Taschenmesser und Feldstecher, geht er voran auf den Pfaden, mit denen die äußersten Ränder des Reservats einigermaßen touristentauglich erschlossen sind. Mitunter springt er plötzlich seitwärts ins Gebüsch, langt kräftig zu, und zwischen Erde und Laub hält er ein Fröschlein in die Höhe, der Rücken rot, der Bauch hellblau mit schwarzen Punkten. So süß! Aber Vorsicht: Über seine hübsche Haut sondert der kleine Kerl eine der unerlässlichen Zutaten für das lähmende Pfeilgift ab, mit dem Rodrigo als Kind noch auf die Jagd ging und die Affen aus den Bäumen schoss. Würde nur ein bisschen Froschsekret in mein Blut gelangen, könnte dies meine letzte Reise sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Die erste Lektion, die Rodrigo mir aus dem überprallen Buch der Natur erteilt, lautet: So kunterbunt das Paradies mitunter leuchtet – es ist ein Ort voller Gefahren. Sogar Schussverletzungen kommen vor. Mit einem Stock pult er im Wurzelgeflecht eines Baums. "Bullet Ant", Gewehrkugelameise, sagt er, die größte Ameise der Welt, beinahe so lang wie mein Daumen. "Wir nennen sie auch 24 – weil die Wirkung ihres Stichs wenigstens 24 Stunden anhält." Rein und brillant sei der Schmerz, schreibt der Insektenforscher Justin O. Schmidt, "als laufe man über glühende Kohlen – mit einem acht Zentimeter langen Nagel in der Ferse". Aus respektvoller Entfernung betrachte ich die Exemplare vom Kaliber 24, die auf Rodrigos Stock umherwuseln. "Direkt tödlich sind sie nicht", sagt er, "aber wir wissen nicht genau, was bei mehreren Bissen gleichzeitig passiert. Vielleicht bekommt man einen Herzinfarkt?"