Die Suche nach guten Nachrichten für das Weltklima führt nach Osten: nach China und Indien. Unter Premier Xi Jinping baut China in einem geradezu unvorstellbaren Maß erneuerbare Energien aus. Bis 2020 möchte die chinesische Regierung mindestens 340 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investieren. Allein 2016 hat das Land fast drei Viertel so viel Solarkraftkapazität neu installiert, wie es in Deutschland überhaupt gibt. Pünktlich zur Amtseinführung von Donald Trump erklärte die chinesische Regierung dann noch, dass man mehr als hundert zum Teil noch im Bau befindliche Kohlekraftwerke schließen werde. Investitionen in erneuerbare Energien und der einschneidende Abbau von Überkapazitäten in der Schwerindustrie zeigen erste messbare Erfolge. Seit 2013 ist der Verbrauch von Kohle zurückgegangen, um satte 4,7 Prozent allein im letzten Jahr.

Noch radikaler sieht der politische Wille zu erneuerbaren Energien in Indien aus. Bereits 2015 erklärte die indische Regierung, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2022 vervierfachen zu wollen. Anfangs hielten viele Experten dieses Ziel für illusorisch, aber Indien ist mittlerweile zu einem der am schnellsten wachsenden Märkte für Wind- und Solarkraft geworden. Erst kürzlich wurden Ausschreibungen für zwei Wind- und Solarkraftanlagen abgeschlossen, die Strom billiger als durch Kohle generieren werden. Mittlerweile ist man in Indien so von billiger Elektrizität aus Sonne und Wind überzeugt, dass die nationale Energiebehörde im November letzten Jahres erklärte, es werde von 2022 an voraussichtlich keinen weiteren Bedarf für Kohlekraftwerke geben. Das würde bedeuten, dass der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion in den kommenden zehn Jahren auf knapp 60 Prozent steigt.

Neben der Sorge um die Auswirkungen von Klimawandel und Smog sind es vor allem wirtschaftliche Gründe, warum Schwellenländer wie China und Indien erneuerbare Energien so stark fördern. Einer kürzlich erschienenen Studie des Finanzdienstleisters Bloomberg zufolge ist Strom aus Wind- und Solarkraft schon heute in 58 Entwicklungsländern durchschnittlich billiger als Strom von fossilen Energieträgern. In zehn Jahren wird dies in fast allen Ländern der Welt der Fall sein, auch in den USA und Europa. Wenn man noch die Entwicklung von Elektroautos, Batterien und anderen Energiespeichern berücksichtigt, könnte bereits von 2020 an der weltweite Verbrauch von Erdöl abnehmen und Kohle binnen weniger Jahrzehnte komplett aus dem globalen Energiemix verschwinden.

Für Deutschland bietet sich vor allem China als neuer starker Partner in der Weltklimapolitik an, nicht zuletzt weil das Land mittlerweile der weltweit größte Investor in erneuerbare Energien ist. Aber auch andere wichtige Industrie- und Schwellenländer wie Kanada, Indien oder Mexiko zählen zu den wichtigen Partnern, auf die Europa angewiesen ist, um Donald Trump und seiner möglichen Allianz der Klimaschutz-Unwilligen entgegenzutreten.

Zugleich bieten sich für Deutschland durch die stetig wachsende Nachfrage nach erneuerbaren Energien enorme wirtschaftliche Möglichkeiten. Die Investitionen in erneuerbare Energien haben sich allein in den vergangenen zehn Jahren weltweit verdoppelt und sind seit spätestens 2012 etwa doppelt so hoch wie Investitionen in fossile Brennstoffe. Dank einer vorausschauenden Wirtschaftsförderung zählen deutsche Unternehmen wie Enercon, Sonnen, aber auch der Industrieriese Siemens zu den weltweit führenden Unternehmen im Bereich Windkraft und Energiespeicherung. Deutschland genießt im Ausland weiterhin den Ruf als Wegbereiter erneuerbarer Energien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Doch dieses Image hat in den vergangenen Jahren erheblichen Schaden genommen. Daran ist zum einen der VW-Dieselskandal schuld, insbesondere in den zwei größten Märkten für Hybrid- und Elektroautos, China und Kalifornien. Dass in diesem Jahr die amerikanische Firma General Motors mit dem Chevrolet Bolt das erste bezahlbare und in seiner Klasse konkurrenzlose Elektroauto mit einer Reichweite von mehr als 250 Kilometern auf den Markt bringt, ist schlichtweg ein Armutszeugnis für die deutsche Automobilindustrie. Funkelnde neue Konzeptautos aus Wolfsburg, München oder Stuttgart machen die deutsche Arroganz nicht vergessen, mit der man Tesla am Anfang begegnet ist.

Zum anderen sind viele ausländische Beobachter enttäuscht davon, dass Deutschland als weltweit viertgrößter Konsument von Kohle sich weiterhin weigert, den Ausstieg aus der Kohlekraft zu beschließen. Viele Experten sind davon überzeugt, dass ein klares Bekenntnis der deutschen Regierung zum Kohleausstieg ein wichtiges Signal an die Welt senden und die Führungsrolle Deutschlands unterstreichen würde. Dazu gehört auch, dass Deutschland die Integration des europäischen Energiemarktes voranbrächte.

Aus einer aktiveren Klimapolitik in Zeiten der Angst vor Veränderungen ließe sich auch innenpolitisch Gewinn schlagen. Dazu gehört, dass man die soziale Teilhabe an einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Wirtschaft erhöht und sicherstellt, dass Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien nicht durch kurzsichtige politische Beschlüsse gefährdet werden. Mit einem deutlicheren Bekenntnis zur weltweiten Energiewende, die sich nicht nur in Worten, sondern auch in Investitionen messen lässt, könnten Politik und Wirtschaft Deutschlands auch beweisen, dass sie weiterhin in der Lage sind, durch ihre Vorreiterrolle die Entwicklung in einer komplizierten Welt nachhaltig zu gestalten.