Das Spätwerk von George W. Bush, dem 43. Präsidenten der USA, ist ein Werk der Düsternis und der Gewissensbefragung. Er malt, während sich das Land spaltet, neuerdings in einem Hobbykeller, in schöpferischer Einsamkeit. Von der Decke werfen eingelassene LED-Strahler jenes undankbare Licht, in dem die Dinge aussehen, wie sie sind. Alles weit entfernt vom romantischen Klischee des Malers, der mit Strohhut im Garten vor der Staffelei sitzt.

Bush trägt ein marineblaues Shirt von Under Armour, einer Sportmarke, die den Weg vom Militär über den Baseball in die Zivilgesellschaft gefunden hat. Ein Shirt, wie man es sonst zum Joggen trägt oder beim Aufräumen der Garage; im alltäglichen, schweißtreibenden Kampf. Man zieht es aus dem Schrank, wenn man den Rasen mähen will, unterstes Fach: gezeichnet von Salzrändern, gebleicht von Waschgängen, am Saum ausgefranst.

Hier geht es pragmatisch zu. Die Staffelei ist solide in der Decke verschraubt. Auf dem Tisch steht eine Haushaltsrolle. Uhr und Ehering legt Bush nicht ab. Was für Sicherheit am Pinsel spricht oder für Leichtsinn. An einem Fernseher im Hintergrund lehnen Ölgemälde zum Trocknen, sie verdecken den Monitor. Das lässt einen Rückschluss auf geltende Prioritäten zu: Es wird mehr gemalt als ferngesehen. Bush nutzt die Abgeschiedenheit des Hobbykellers, um sich den Risiken der Kontemplation auszusetzen.

Sein Werk wurde ernster und ehrlicher mit den Jahren. Die erste Phase, man könnte sie Dackelphase nennen, begann 2013 mit einem Malkurs in Boca Grande, Florida. Seine Mentorin Bonnie Flood, eine Anhängerin der gegenständlichen Malerei, deren Werk geprägt ist von der Wärme der floridianischen Sonne, wies ihn in die Geheimnisse von Keilrahmen, Aceton und Pinselstärken ein. Zum Einstieg porträtierte Bush einen sitzenden Hund, einen Bichon Frisé mit blütenweißem Fell. Für den Hintergrund wählte er ein helles Türkis. Man würde es, im Bereich der Wandfarben, als "Florida Aqua" oder "Egyptian Green" bezeichnen. Die Farben der wild schillernden Karibik. Aus dieser Phase stammt ein Foto, das einen seligen Pensionär mit farbbefleckter Schürze zeigt, den Maler neben seinem Werk.

Die zweite Phase ist schon von mehr Dunkelheit geprägt. Der Künstler wechselte das Genre, vom Tierporträt zur Landschaftsmalerei. Er kam sich Bild um Bild näher: Bush malte nun die Natur, die ihn umgab. Texas, seine Heimat, die Ranch der Familie. Er malte einen von Schilf umstellten Weiher. Darüber der Himmel: helles Blau, brennendes Rot. Er malte Wälder und einen Feldweg, an dem sich ein Baum krümmt, als habe er Schmerzen. Verlassene, gedankenschwere Bilder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Während der dritten Phase wechselte Bush erneut das Genre: Er wandte sich dem menschlichen Porträt zu. Bush bannte Nachbilder seiner Amtszeit und zähmte Erinnerungen; er malte Angela Merkel, Wladimir Putin, Hamid Karsai, den Dalai Lama. Er begegnete ihnen, Pinselstrich um Pinselstrich, erneut.

Nun die vierte Phase. Wir sehen auf den ersten Blick einen Mann vor einer Leinwand. Doch auf den zweiten Blick sehen wir eine Sensation: Ein Präsident stellt sich seinen Dämonen. Neuerdings malt Bush Soldaten, die während des Irak-Feldzugs verwundet wurden. Die Opfer seiner Politik. So lässt er auf den Krieg, den Akt der Destruktion, Kunst folgen, einen Akt der Kreation. Als wolle er mit dem Pinsel wieder aufbauen, was er einst eingerissen hat. Müssen wir unser Urteil über George W. Bush revidieren?

Der malende Präsident spendet Hoffnung, weil er als Gegenbild zum twitternden Präsidenten gelesen werden kann: Hier wendet sich Einkehr gegen Hyperaktivität, Stille gegen Lärm, Selbstkritik gegen Größenwahn. Neulich sagte George W. Bush in einem Interview, die freie Presse sei für eine Demokratie unverzichtbar. Sie sei wichtig, um Leute wie ihn zur Verantwortung zu ziehen.

Wer malt, der ist einsam. Und wer einsam ist, der denkt nach.