Wenn Beton von der Decke platzt, klingt das, als würde eine Granate explodieren – verdammt laut. Ist ein einfaches physikalisches Gesetz: Der Stahlträger dehnt sich durch die Hitze aus, und der Beton, der ihn ummantelt, ist dabei im Weg. Vor vielen Jahren habe ich diesen Knall zum ersten Mal gehört. Auf der Baustelle des Potsdamer Platzes, bevor dort die Hochhäuser standen. In einem Raum in der Tiefgarage brannte es, volles Rohr. Als ich ankam, war klar: Mit dem Löschwagen kommen wir nicht nah genug ran, wir müssen rein, um den Brand zu löschen.

Solche dramatischen Einsätze habe ich zum Glück nur selten erlebt. Ich bin seit 30 Jahren bei der Berliner Feuerwehr und war bei etwa zehn Großbränden im Einsatz. Der Alltag sieht anders aus. Die meisten Einsätze sind Rettungsfahrten und technische Hilfeleistungen, also umgestürzte Bäume zerschneiden oder Keller auspumpen. Nur bei drei Prozent unserer Einsätze brennt es, meistens Zimmerbrände.

In Hollywood springen Feuerwehrmänner ohne Atemmaske über das Feuer in eine brennende Chemiefabrik, aber das ist völliger Unsinn. Ein Feuerwehrmann lässt nie das Feuer zwischen sich und den Fluchtweg kommen. So war das auch am Potsdamer Platz. Ein Kollege und ich sind in die Tiefgarage gegangen, natürlich mit Sauerstoffgerät. Es war so dunkel und verraucht, dass wir die Hand vor Augen nicht gesehen haben. Mein Kollege lief vor, ich hatte die Hand auf seiner Schulter, eine Armlänge Abstand. Plötzlich griff meine Hand ins Leere, er war weg.

Die größte Angst aller Feuerwehrmänner ist, dass noch Menschen in einem brennenden Gebäude sind. Kinder und Tiere verstecken sich gern in Schränken. Mit einem Kind ist mir das zum Glück nie passiert. Nur einmal rief die Bewohnerin eines brennenden Hauses: Meine beiden Hunde sind noch da drinnen! Ich habe sie gefunden, zusammengekauert hinter dem Sofa, und habe sie rausgetragen. Draußen mussten wir feststellen, dass sie erstickt waren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Das Gefährliche an einem Brand ist nämlich der Qualm. Schon drei Atemzüge Rauchgas reichen, um bewusstlos zu werden. Wenn es in einem Wohnhaus brennt, müssen wir oft Menschen retten, die ins verqualmte Treppenhaus rennen. Dabei sollten sie lieber, falls es dort nicht brennt, in ihrer Wohnung bleiben und um Hilfe rufen.

Als mein Kollege plötzlich weg war, habe ich mich auf den Boden gelegt und mich mit den Händen nach vorne getastet. Er war in einen Schacht gefallen, zum Glück nicht besonders tief. Ich legte mich an den Rand und streckte meinen Arm runter. Plötzlich packte mich seine Hand, und ich zog ihn raus. Den Brand konnten wir löschen.



Protokoll: Kersten Augustin

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