Wie wenig man braucht, um ein Land zu verhexen. Geert Wilders tritt öffentlich kaum auf, obwohl er gerade im Wahlkampf steckt. Er veranstaltet keine Kundgebungen und diskutiert auch nicht mit Bürgern. Der Mann mit den auffällig blonden Haaren hat nicht einmal eine richtige Partei und schon gar keinen Apparat, nur ein paar Mitarbeiter. Sein Programm besteht im Wesentlichen aus einem Satz, den er ständig wiederholt: Wilders möchte den Islam "stoppen" und die Niederlande "entislamisieren". Nur eines macht er exzessiv: Wilders verschickt fast stündlich einen Tweet.

Unter all den Nationalisten und Populisten, die die politische Bühne geentert haben, ist Geert Wilders die radikalste Figur. Seit mehr als einem Jahrzehnt beherrscht er die niederländische Politik, er ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt – der einzige Niederländer, der jemals auf der Titelseite des britischen Economist abgebildet war. Dabei ist Wilders ein Minimalist. Ein politischer Reduktionskünstler, der den Populismus und seine Funktionen ähnlich zugespitzt hat wie Steve Jobs die Benutzeroberfläche des iPhones. In Wilders’ Welt gibt es keinen Knopf zu viel.

Vor vierzehn Tagen wollte Geert Wilders eigentlich in Volendam vorbeischauen, einem beliebten Ausflugsort, unweit von Amsterdam am Ijsselmeer gelegen. Jeder zweite Wähler dort hatte in der Vergangenheit für Wilders gestimmt. Es wäre einer seiner seltenen Auftritte gewesen. Doch Wilders kam nicht nach Volendam, jedenfalls nicht an diesem Samstag. Kurz vor dem geplanten Besuch war ein Polizist des staatlichen Sicherheitsdiensts festgenommen worden, er soll Informationen über Wilders’ mögliche Aufenthaltsorte weitergegeben haben. Der heute 53-Jährige lebt an einem geheimen Ort und wird rund um die Uhr bewacht, seit islamistische Extremisten 2004 zum ersten Mal gedroht hatten, ihn zu ermorden. Der niederländische Innenminister versicherte nach der Festnahme, Wilders sei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen. Dieser sagte den geplanten Auftritt dennoch ab, aus Sicherheitsgründen, wie er in einem Tweet mitteilte. In einem weiteren Tweet fragte Wilders, wie er jemals sicher sein könne, wenn er auf der Todesliste Al-Kaidas stehe und die Regierung ihn von "korrupten Muslim-Polizeibewachern" beschützen lasse. Der festgenommene Polizist war ein Niederländer mit marokkanischen Wurzeln.

Die Episode beschreibt, wie man mit sehr wenigen Mitteln sehr viel Aufmerksamkeit erheischt. Noch vor dem geplanten Besuch in Volendam hatte Wilders auch seine Zusage für eine Fernsehdiskussion mit den Spitzenkandidaten der anderen großen Parteien zurückgezogen. Diesmal ging es nicht um Sicherheitsgründe, der Fernsehsender hatte es vielmehr gewagt, ein kritisches Interview mit Wilders’ älterem Bruder auszustrahlen. Auf Twitter attackierte Wilders den Journalisten, der das Interview geführt hatte, scharf.

Die Absage eines Auftritts bringt mehr Schlagzeilen als ein Auftritt, und ein kurzer Tweet ist effizienter als eine lange Rede – so funktioniert Wilders’ Minimalismus. Und er funktioniert offensichtlich gut, die Umfragen sagen für die Wahl am kommenden Mittwoch ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Wilders und dem amtierenden Ministerpräsidenten Mark Rutte voraus. (Allerdings wird wohl keine der fast 30 Parteien, die antreten, mehr als 20 Prozent erhalten.)

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Äußerst reduziert ist auch das Wahlprogramm, genauer gesagt das, was Wilders als sein Wahlprogramm ausgibt. Elf Punkte hat er auf einem DIN-A4-Blatt formuliert, zehn davon sind Einzeiler: "Die EU verlassen" – "Einkommensteuern senken" – "Viel zusätzliches Geld für Verteidigung und Polizei". Jeder dieser Punkte ist mit einem Milliardenbetrag versehen, mal sind es Kosten, mal Einsparungen. Für Verteidigung und Polizei etwa veranschlagt Wilders Mehrausgaben in Höhe von zwei Milliarden, gemeint sind offensichtlich Euro. Wie die Beträge zustande kommen, ist unklar, aber unter dem Strich steht eine schwarze Null. Der einzige Punkt, der ausgeführt wird, ist der erste: die Forderung nach einer "Entislamisierung" der Niederlande. Wilders will alle Moscheen schließen, den Koran verbieten und keine Asylbewerber aus islamischen Ländern mehr aufnehmen. 7,2 Milliarden Euro würden so gespart, behauptet er.

Der Kampf gegen den Islam – um dieses Ziel kreist alles, was Wilders tut oder lässt, sagt oder twittert.

Anders als Marine Le Pen, mit der er oft verglichen wird, hat Wilders seine Karriere in der politischen Mitte begonnen. 14 Jahre lang arbeitete er für die wirtschaftsliberale VVD, die Partei von Ministerpräsident Rutte, im niederländischen Parlament. Er war erst Assistent, dann Abgeordneter, bevor er 2004 die VVD im Streit um deren Haltung zum Islam und zu einer möglichen Aufnahme der Türkei in die EU verließ. Zwei Jahre später gründete er die Partei für die Freiheit (PVV), bis heute ist er ihr Vorsitzender und zugleich ihr einziges Mitglied. Die meisten Abgeordneten, die die Partei etwa in Den Haag oder im Europaparlament vertreten, hat Wilders zwar persönlich ausgesucht, aber formal sind sie unabhängig. In den Kommunen ist die PVV bis auf zwei Ausnahmen nicht vertreten. Es gibt keine Parteizentrale, keine Parteitage, keine Ortsvereine, keine Jugendorganisation, nur ihn: Geert Wilders. Und ein oder zwei Vertraute.

Nach dem Berliner Attentat twitterte er ein Bild von Merkel mit blutigen Händen

Während die Französin Le Pen ihren Ton gemäßigt und ihre Partei von rechts außen in Richtung Mitte geführt hat, ist Wilders den umgekehrten Weg gegangen. Der Niederländer hat sich immer weiter radikalisiert.

Im vergangenen Dezember, einen Tag nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, verbreitete Wilders auf Twitter ein Bild, das Angela Merkel mit aufgerissenem Mund und blutverschmierten Händen zeigt. Die Botschaft war eindeutig, auch ohne Worte: Wer Muslime aufnimmt, wird zum Handlanger der Terroristen. Die Kanzlerin als Mörderin – die Montage war der bisherige Höhepunkt einer seit Jahren andauernden, offenbar gezielten Eskalation.