Eine flotte Zahl, ein populäres Thema: Markus Söder weiß, wie man in die Schlagzeilen kommt. "Angesichts der Nullzinspolitik der EZB bedeuten zwei Prozent Inflation, dass die Sparer allein in diesem Jahr 100 Milliarden Euro verlieren", sagte der bayerische Finanzminister vergangene Woche und schaffte es damit immerhin auf die erste Seite des Wirtschaftsteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es sei "höchste Zeit für eine Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik".

Tatsächlich hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf null gesenkt, um die Wirtschaft zu stützen. Und tatsächlich ist die Inflationsrate in Deutschland im Februar auf 2,2 Prozent gestiegen. So weit sind Söders Ausführungen korrekt. Aber wie kommt er auf 100 Milliarden Euro Verlust für deutsche Sparer?

Anfrage beim bayerischen Finanzministerium: Wie hat der Minister gerechnet? Antwort: Das Sparvermögen der deutschen Privathaushalte belaufe sich auf rund fünf Billionen Euro. "Zwei Prozent auf fünf Billionen ergibt 100 Milliarden. Ganz einfach."

Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Denn Söder nimmt offenbar an, dass die gesamten fünf Billionen an Geldvermögen – es sind nach Daten der Bundesbank genau 5,5 Billionen – keinerlei Rendite einbringen. Nur in diesem Fall würde sich die Kaufkraft des Ersparten bei einer Inflationsrate von zwei Prozent tatsächlich auch um zwei Prozent pro Jahr und damit um insgesamt 100 Milliarden Euro verringern.

Wo das Geld steckt

Finanzvermögen deutscher Haushalte

Quelle: Deutsche Bundesbank © ZEIT-Grafik

Das trifft jedoch nicht zu. So sind laut Bundesbank etwa zwei Billionen Euro bei Versicherungen angelegt. Und die großen Versicherungskonzerne haben die Zinsen, die sie an ihre Kunden auszahlen, zwar gesenkt – in der Regel aber nicht auf null Prozent. Bei der Allianz beispielsweise gibt es auf Lebensversicherungsguthaben in diesem Jahr immerhin noch 2,8 Prozent Rendite. Auch bei einer Inflationsrate von 2,2 Prozent vermehrt sich das Kundenvermögen also noch, wenn auch langsamer als früher.

Nur rund 2,1 Billionen Euro lagern auf klassischen Bankkonten oder werden von den Verbrauchern als Bargeld gehalten. Davon ist ein großer Teil kurzfristig angelegt, zum Beispiel auf dem Girokonto. Auf dieses Geld gibt es in der Regel tatsächlich keine Zinsen mehr, weshalb es, wie von Söder beschrieben, entwertet wird. Damit ergibt sich aber ein maximaler Verlust in Höhe von 42 Milliarden Euro – zwei Prozent von 2,1 Billionen Euro.

Das ist nicht einmal halb so viel, wie Markus Söder behauptet. Und dabei kommt er noch gut weg, denn von den 2,1 Billionen Euro entfallen etwa 600 Milliarden Euro auf Spareinlagen und Sparbriefe. Wie diese Gelder im Einzelnen verzinst werden, lässt sich nicht ermitteln. Gesichert ist aber, dass gerade ältere Sparverträge häufig durchaus noch Zinsen abwerfen. Deshalb müssten sie eigentlich auch gesondert betrachtet werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Was Söders Rechnung überhaupt nicht berücksichtigt: Viele Menschen profitieren von den niedrigen Zinsen. Etwa eine Billion Euro haben die Bundesbürger in Aktien oder Investmentfonds gesteckt. Die Aktienkurse aber haben in den vergangenen Monaten kräftig zugelegt. Die meisten Menschen besitzen überdies nicht nur Geld, sondern auch Schmuck, Autos, Wohnungen, Häuser. Dieses sogenannte Sachvermögen ist in den meisten Fällen viel wichtiger als das Finanzvermögen. Nach Schätzungen der Bundesbank besitzt jeder Haushalt im Schnitt 187.000 Euro an Sachvermögen, aber nur 53.900 Euro an Finanzvermögen.

Der wichtigste Sachvermögensgegenstand wiederum sind Immobilien – 44 Prozent der Haushalte leben in einem Haus oder einer Wohnung, die ihnen selbst gehört. Und wenn die Zinsen sinken, fällt der Wert einer Immobilie in der Regel nicht, sondern steigt. In den großen Städten haben sich die Immobilienpreise in den vergangenen Jahren nicht selten verdoppelt, wodurch Immobilienbesitzer zumindest auf dem Papier reicher geworden sind. Auch das müsste bei der Bewertung der Niedrigzinspolitik berücksichtigt werden.