Blödsinn!

Man wird ins Assessment-Center der Gesinnung geschickt, meint Daniel Haas

Der hardest working man in show business, das war mal der Künstler. Jetzt muss der Fan und Konzertbesucher ran. Wer zum G20-Konzert am 6. Juli gehen will, hat vom 14. März an viel zu tun. Dann beginnt die Bewerbungsphase für Konzertkarten – vier Monate lang tweeten, mailen und Petitionen verfassen für die gute Sache: die Weltpolitik menschlicher zu machen. Einfach nur Geld bezahlen reicht nicht mehr, die neue Währung für ein bisschen Eskapismus heißt Moral. Man muss jetzt ins Assessment-Center der guten Gesinnung.

Die Widersprüche des Projekts sind schillernd wie das Bühnenoutfit eines Rockstars der Siebziger. Da protestieren westeuropäische, mehr oder weniger gut situierte Mittelschichtler gegen die Regierungen, die ihnen wirtschaftliche und kulturelle Vorteile sichern. Medial versiert und technisch bestens ausgestattet, tritt man an gegen die kapitalistische Ökonomie und lässt sich dafür auf exakt jene Weise entlohnen, die diese Ökonomie auszeichnet. Engagement gegen Konzertticket.

Bedenklicher ist: Das Verfahren wirkt bislang undurchsichtig. Die Organisationsstrukturen des Veranstalters Global Citizen sind online nicht einsehbar. Was mit den Daten der Teilnehmenden geschieht – ob und wie sie weiterverwendet werden –, ist offen.

Diskutabel sind auch die zu unterstützenden Projekte. Wie sinnvoll ist es, per Tweet Kanadas Premier zu drängen, 150 Millionen Dollar in die Bekämpfung von Polio zu investieren? Man brauchte Hintergrundwissen zur Beantwortung der Frage, das Netzengagement aber sieht das Klein-Klein des Wissenserwerbs nicht vor.

So entsteht eine populistische Tendenz. Man lehnt mit einer plakativen Geste das Bestehende ab, die Konsequenzen aber sind egal. Die negativen Folgen eines solchen Aktivismus sind bekannt: Live Aid, die Mutter der neueren Benefizspektakel aus dem Jahre 1985, hat den Ländern, denen geholfen werden sollte, eher geschadet. In Äthiopien finanzierte die Regierung mit den Konzertmillionen brutale Zwangsumsiedlungen, Abertausende starben. Und nach der Neuauflage des Events im Jahr 2005 war der ostafrikanische Staat abhängig wie nie zuvor.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nicht zu vergessen: der Flurschaden für die Musik. Pop war mal eine Sache von in sittlichen Fragen laxen Gestalten, die von Beischlaf, Ruhm und schnellen Autos sangen. Jetzt ist Pop ein Appell ans Über-Ich. Das Konzert als moralische Anstalt, Musikgenuss als verantwortungsethische Übung – für Widersprüchlichkeit, das Schillernde und Ungewisse bleibt da kein Raum. Das aber zeichnet Pop vor allem aus.

Neil Young schrieb Rockin’ in the Free World, einen Song über Chancenlosigkeit und Drogenelend in Amerika. Donald Trump benutzte das Stück im Wahlkampf. Schon war eine aufregende Debatte in Gang. Beim G20-Konzert in Hamburg tritt Ellie Goulding auf. Das einzig Verstörende an ihr: Sie macht Werbung für Schuhe von Deichmann.