"So was hätte ich auch gern", sagt die 22-jährige Doris Duke, als sie 1935 den Tadsch Mahal in Indien besucht. Einen so unverschämten Satz muss man sich erst mal leisten können. Doris Duke kann. Sie ist "the richest girl in the world". Bereits mit zwölf hat sie von ihrem Vater James Buchanan Duke, dem Gründer von American Tobacco, 100 Millionen Dollar geerbt, nach heutiger Kaufkraft 1,4 Milliarden. Jetzt befindet sie sich auf einer zehnmonatigen Hochzeitsreise rund um die Welt. Sie zahlt alles, sehr zum Gefallen ihres Gatten, des 16 Jahre älteren Lebemanns James Cromwell.

"So was hätte ich auch gern" – Doris Duke meint nicht das ganze gewaltige Grabmal, sondern die Türen und Fenster aus gemustertem Marmor und marmorne Wände, gespickt mit Halbedelsteinen. Entzückt gibt sie bei indischen Kunsthandwerkern eine "Mogul-Suite" in Auftrag: Schlaf-, Ankleide- und Badezimmer nach Tadsch-Art, 80 Tonnen schwer.

Dann reist das Paar weiter durch Asien, nach Bangkok, Singapur, Shanghai, Bali, Tokio. Die Zeitungen sind der jungen Superreichen stets auf der Spur, melden "Cromwells see sunrise at Everest from plane", "Honeymoon luncheon in Manila". Schließlich erreichen die beiden Hawaii. Dort verliebt sich Doris Duke erneut – in die Südsee, den Vibe der Inseln, deren Abgelegenheit. Als die Flitterwochen vorbei sind und ihr Mann wieder zurückkehrt in die USA, bleibt sie noch. Auf Oahu kauft sie ein Grundstück direkt am Meer. Ein Star-Architekt entwirft das Haus dazu, die "Mogul-Suite" wird nach Hawaii verschifft, und Doris Duke begibt sich noch während der Bauzeit erneut auf Reisen, bestellt Teppiche und Kassettendecken im Maghreb, kauft Kacheln im Iran – alles für ihre Villa am Rande des Pazifiks. Sie benennt sie nach jenem verborgenen Tal im Himalaya voller seliger Menschen, das sich James Hilton für seinen Roman Lost Horizon von 1933 ausgedacht hat: Shangri La. Ein magischer Name, Chiffre für einen paradiesischen Rückzugsort. Und ein fantastisches Glücksversprechen.

Doris Dukes Shangri La liegt versteckt, bis heute. 4055 Papu Circle, weit im Osten von Honolulu. Von der Straße aus ist vom 80 Jahre alten Anwesen nichts zu sehen. Dann gibt, am Ende eines Sackgassen-Stummels, eine Gegensprechanlage krächzend Laut, ein breites Tor schwingt langsam auf, dahinter geht es zwischen afrikanischen Tulpenbäumen und Bougainvilleen hangabwärts. Um eine Kurve herum, auf einen Vorplatz, beschattet von einem Banyanbaum voller Luftwurzeln. Inmitten einer schlichten weißen Mauer der Eingang der Villa, eine alte Holztür, verziert wie ein Koran-Buchdeckel.

Nach Doris Dukes Tod 1993 ist aus ihrem pazifisch-orientalischen Palais ein Museum geworden. Sie wollte es so. Nur grüppchenweise wird Zutritt gewährt, im 90-Minuten-Takt. Und die ersten fünf bis zehn Minuten müssen alle noch an der geschlossenen Eingangstür aushalten, bei steigendem suspense wie vor einer Bescherung. "What brings you to Shangri La?", fragen dann die Guides, meist Frauen im Rentenalter, und regelmäßig melden sich Besucher, die schon zum dritten, vierten, fünften Mal da sind. Einmal hakt die Führerin nach: "Warum so oft?" Die Antwort kommt entschieden: "Weil ich gern hier leben würde!" Voller Mitgefühl seufzt die Führerin auf.

Wer wollte nicht in Shangri La leben, wenn der Ort hielte, was sein Name verspricht – inneren Frieden, beständiges Glück, biblisches Alter? Für 90 Minuten spinnt jeder mit am Traum: Wenn man sich selbst so ein Reich bauen könnte – wie sähe das eigene Shangri La aus? Und was ist Doris Duke hier gelungen – das bessere Leben? Oder doch nur ein grandioser Rahmen für eine schöne Illusion?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Wir treten ein. Halbdunkel. Ein breites Foyer, über unseren Köpfen eine gewaltige Kassettendecke, zu beiden Seiten führen Treppen hinab ins darunterliegende Geschoss. Dort plätschert ein Brunnen. Im Patio tritt das Haus zum ersten Mal richtig mächtig auf. Zwei Stockwerke ist er hoch, ein Indischer Goldregen mit gewundenem Stamm wächst aus seiner Mitte empor, schlanke Säulen mit eingelegten Spiegeln halten das umlaufende Dach. Der Knaller: ein sechs Meter hoher, blumigst ornamentierter Wandteppich aus tiefblau glasierten persischen Kachelbröckchen. Doris Duke war 1937 derart fasziniert vom Mosaik im Tor der Königsmoschee von Isfahan, dass sie eine Kopie für Hawaii anfertigen ließ. Unwillkürlich sieht man die 24-jährige Orient-Shopperin als maßloses Luxusgör vor sich, das frech an einer Moschee aus dem 17. Jahrhundert hinaufblickt und sagt: Das da bitte einmal für zu Hause!

Dabei ist "zu Hause" ein Wort, das zu Doris Duke nicht recht passt. Sie unterhält mehrere Wohnsitze und springt regelmäßig zwischen ihnen hin und her. Ihre Anwesen in New Jersey, New York und Rhode Island hat sie aber schon voll ausgestattet mit dem väterlichen Erbe übernommen. Shangri La ist das erste Haus, das sie selbst gestalten darf. Und das tut sie mit einiger Konsequenz. Bis zum Tod pflegt sie ihre Vorliebe für islamische Kunst. Und entsprechend wird Shangri La nun weitergeführt: als Center for Islamic Arts and Cultures. Wollen Besucher zu viel über Doris Dukes Leben wissen, weisen die Guides zart darauf hin, hier gehe es um die Sammlung, nicht um die Sammlerin. Jaja, schon gut, denkt man, und zugleich: Macht euch doch nichts vor! Dies ist ein privates Traumhaus, keine Ausstellungshalle.