Wozu Thesenanschläge ans Kirchentor? Auch mit Würsten verändert man die Christenheit. Das hat der Schweizer Huldrych Zwingli bewiesen. Am Abend des 9. März 1522 sitzt der Leutpriester am Zürcher Großmünster mit einigen Granden seiner Stadt beim Drucker Froschauer zu Tisch. Vor ihm zwei brettharte Räucherenden – sündiges Fleisch so kurz nach Aschermittwoch.

Jemand zückt ein Messer, zersägt die Würste in oblatengroße Stücke, verteilt sie an die Anwesenden. Alle essen. Nur Zwingli isst nicht. Aus sicherer Entfernung schaut er sich die bizarre Abendmahlszene an, ist sichtlich zufrieden. Morgen wird die Welt sagen: In Zürich brechen sie das Fastengebot. Der Bischof wird toben und Rechtfertigung verlangen. Zwingli antwortet ihm Wochen später in seiner berühmten Predigt "Von Erkiesen und Freiheit der Speisen": "Willst du fasten, mach es! Willst du auf Fleisch verzichten, tu es! Aber mir lass gefälligst meine Freiheit als Christenmensch." Damit ist es amtlich: Mit Würsten beginnt die Reformation in der Schweiz.

Als Deutscher beneide ich die Schweizer um das Wurstessen von 1522. Es braucht Humor, Fantasie und subversive Energie, um mit geräuchertem Mett Kommunion zu feiern. Natürlich ist Zwinglis Präferenz für Wurst als Hostienersatz skandalös – skandalöser vielleicht als die Vorliebe des Aktionskünstlers Martin Kippenberger für gekreuzigte Frösche, entschlossener als Gandhis Salzmarsch ans Arabische Meer und radikaler sicher als die nackten Brüste der plärrenden Femen-Frauen. Die politische Performance-Kunst, das lehrt Huldrych Zwingli uns Menschen von heute, ist keine Errungenschaft der Moderne. Wer hat’s erfunden? Der Schweizer war’s.

Wie fantasie- und humorlos, wie pedantisch und auch typisch dagegen der deutsche Start in die Reformation. In 95 Thesen ist 1517 von Martin Luther alles zur Krise des Katholizismus gesagt. Widerspruch: zwecklos. Auslegung: unnötig. Stolz sind wir Deutschen auf Luthers Strenge des Denkens und Glaubens, den Mut und die Radikalität, mit der er scheinbar sauber macht im Saustall Kirche. Mit Luthers Leidenschaft für Wahrheit und Ordnung identifizieren wir uns. Mit seinem Hass auf Juden und Andersdenkende, seinem Glauben an die eigene göttliche Bestimmung und die paranoide Angst vor Teufelei jedoch wollen wir nichts zu tun haben. Das Hässliche an Luther, reden wir uns ein, könne man nur aus der Zeit verstehen. Das lässt uns 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation das Gute an unserem Reformator so vorbehaltlos und irrational lieben, wie wir Deutschen unsere Helden neuerdings wieder lieben wollen.

Deshalb kaufen wir auch Luther-Lutscher zum Dran-Lecken und Luther-Socken für unsere kalten Füße. Deshalb würden wir wie der Luther-Biograf Willi Winkler am liebsten unseren Reformator heiligsprechen. Und restaurieren, wie der Chef der Landespolizeigewerkschaft Sachsen-Anhalt jüngst klagte, eher das "Scheißhaus von Luther", als etwas für Gesetz und Ordnung zu tun. So sind wir Deutschen. Wir sind lutherbesoffen. Und das liegt nicht nur am Luther-Bier. Das liegt auch an Luther selbst. Wahrscheinlich ist er wirklich "das Urviech", das die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in ihm mal zu erkennen glaubte. Luther ist ein Macher der Geschichte. Da mag er bei Lucas Cranach noch so sehr dem späten Herbert Grönemeyer ähneln in seiner satten Zufriedenheit.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Wie anders Zwingli. Nur einmal saß der zu Lebzeiten Modell, für Dürer 1516. Bei Albrecht Dürer sieht Zwingli aus, wie Luther aussehen sollte, jung, dynamisch, kantig, energisch. Diesem Naturburschen, sagt das Bild, ist alles zuzutrauen, nur eben das nicht, was aus Zwingli letztlich wurde. Neun Jahre nachdem er sich mit Würsten und zivilem Ungehorsam in die Geschichte des Christentums reformiert hat, fällt Zwingli 1531 als lausiger Glaubenskrieger in der Schlacht bei Kappel. Er wird in Stücke gehauen, angeblich verbrannt. Luther spottet: Wer das Schwert ergreift, fällt durchs Schwert. Der Tod des einen gibt dem anderen recht. Luther siegt. Endgültig.

Es fällt schwer, Verlierer zu lieben, vor allem, wenn sie verraten, woran sie mal glaubten. Das Ende, so scheint es, diskreditiert alles. Dabei ist der Anfang vielversprechend: Im Gegensatz zu Luther glaubt Zwingli nie, dass die Vernunft "eine Hure" ist. Als junger Mann bewundert er die Humanisten Erasmus von Rotterdam und Pico della Mirandola. Er glaubt an den freien Willen und die Kraft des Arguments. Ein Musiker, ein Literat, ein Pazifist ist er, der gegen das "Kriegsgurgeln" und die "Blutkrämer" anpredigt und angeekelt ist vom "schandbaren Schacher", den Europa in jener Zeit mit den Schweizer Landsknechten treibt. Als Luther während der Bauernkriege fordert, die Bauern wie Hunde totzuschlagen, versteht Zwingli ihre Not und schreibt: "Ein unzeitiger und rasender Angriff", mit dem Luther "die zweimal unglücklichen Menschen nicht nur verfolgt und heruntergerissen, sondern auch den wütenden Ungeheuern vorgeworfen hat". Zwingli ist dieser Luther suspekt, sein aufbrausendes Temperament, seine Gefühllosigkeit, seine Kungelei mit den Fürsten.

Zur Konfrontation kommt es 1529 beim Marburger Religionsgespräch. Es geht ums Abendmahl. Zwingli glaubt nicht daran, dass Brot und Wasser während der Wandlung wirklich zum Leib und Blut Christi werden. Für ihn ist das alles Symbolik (eine Position, die heute selbst viele Katholiken teilen). Luther sieht das anders, für ihn spricht der Teufel aus dem Schweizer. Der Deutsche dagegen glaubt, als Werkzeug Gottes im Besitz der Wahrheit zu sein: "Wenn mir Gott gebieten würde, Mist zu essen, würde ich es tun." Zwingli kontert: "Derartiges verlangt Gott nicht. Die Werke, die Gott gebietet, gebietet er zum Heil und zum Guten. Gott ist wahr und Licht, er führt nicht ins Dunkel." Am Ende ist sich Zwingli sicher: "Wie Luther diese ungezählten anderen widersprüchlichen, widersinnigen und törichten Sätze so daherblökte, unermüdlich wie das Geplätscher am Strand, so wurde er doch von uns widerlegt."