Einen "globalen Krisenfonds" forderte jüngst der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller unter dem Eindruck schlimmer Nachrichten. Im Südsudan herrscht eine Hungersnot, in Ostafrika darben Bauern und Hirten – doch internationale Geber reagieren nur zögerlich. "Wenn die Hilfszahlungen kommen, ist es oft schon zu spät", sagte Müller. Humanitäre Organisationen und die Vereinten Nationen müssten mit schnell mobilisierbaren Geldern vorausschauend handeln können.

Ein Appell aus aktuellem Anlass, doch dahinter steht ein weiter reichendes Drama: Weltweit häufen sich die Notlagen. Von Myanmar über den Irak und Haiti bis in den Jemen, nach Syrien oder Äthiopien wächst die Zahl der Konflikt- und Krisenherde. Schuld sind arrogante Hauptstadt-Eliten, zehrende Bürgerkriege oder immer öfter der Klimawandel mit Dürren und Fluten. Teilweise schaukeln sich die Ursachen wechselseitig hoch. In Nordnigeria etwa gewinnen die Terrormilizen von Boko Haram auch deshalb an Boden, weil das Austrocknen des Tschadsees so viele Männer ihrer Existenzgrundlage beraubt hat. Allein seit 2005 hat sich der Hilfsaufwand laut UN global mehr als vervierfacht, auf Dimensionen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Zwar versprachen die reichen Länder auch höhere Summen denn je. Doch 2016 wurde nur etwas mehr als die Hälfte des Bedarfs gedeckt, für 2017 wird er auf 22 Milliarden Euro geschätzt.

Regierungen und Nichtregierungsorganisationen müssen also das Unzureichende optimal nutzen. Dabei geht es auch um das richtige Timing. In manchen Dürreregionen ist es zum Beispiel wichtig, dass Lebensmittel bereits im Frühjahr ankommen, selbst wenn es noch letzte Vorräte gibt. Wenn der Regen später im Jahr doch wiederkommt, bleiben Lkws womöglich im Schlamm stecken. Solche Vorbeugung ist heute dank zuverlässiger Wettervorhersagen möglich. Sie ist menschlich geboten, zahlt sich aber auch ökonomisch aus.

Der Krisenfonds, den Gerd Müller ins Gespräch bringt, würde frühzeitige Eingriffe erleichtern. Tatsächlich gibt es ihn bereits, allerdings ist der Topf der UN-Behörde für die Koordination humanitärer Angelegenheiten mit derzeit 273 Millionen Dollar extrem unterfinanziert. Die Bundesregierung will als viertgrößter Geber darauf hinwirken, dass die Summe bis 2018 auf eine Milliarde Dollar steigt.

Schnellere Hilfe ermöglichen auch Bargeldzahlungen, die Hilfsgüterpakete zunehmend ersetzen. Vor allem in Flüchtlingslagern versorgt das World Food Programme (WFP) schon ein Drittel der Bedürftigen über Cash-Cards oder Überweisungen per Mobiltelefon. Die Welthungerhilfe nutzt dieses Mittel ebenfalls, auch weil es die Würde der Empfänger wahrt. Wenn sie selbst Lebensmittel und Medikamente einkaufen, nutzt das überdies den lokalen Händlern. Im WFP denkt man sogar schon über eine Art digitale Sozialhilfe für besonders gefährdete Regionen nach.

Seit einigen Jahren sollen Versicherungen gegen Unwetter die humanitäre Hilfe ergänzen. Für Kleinbauern sind solche Policen meist unerschwinglich. In Westafrika arbeiten sie, statt Prämien zu bezahlen, am Bau von Wasserreservoirs oder kleinen Dämmen mit. Ambitionierter noch ist eine Klimaschutzversicherung der Afrikanischen Union, die Deutschland fördert. In dieser "African Risk Capacity" (ARC) gewährleisten sich Staaten gegenseitig Schutz. Ein Ausschüttungsanspruch besteht, wenn das Risiko für Ernteausfälle eine definierte Schwelle überschreitet, und nicht nur im Nachhinein. Auf der Grundlage präziser Wetter- und Anbaudaten könne das Geld innerhalb von zwei Wochen fließen, sagt Richard Wilcox vom WFP, der das System mit aufgebaut hat – noch ehe der Hunger sich ausbreitet. Sechs Länder haben bislang Verträge mit der ARC geschlossen, bis zu 30 sollen es werden.

Viele Regierungen zögern noch, knappe Haushaltsgelder in ein kaum erprobtes Sicherungssystem zu investieren. Niger, Senegal und Mauretanien immerhin konnten im Dürrejahr 2015 zusammen 26 Millionen Dollar an betroffene Kleinbauern weiterreichen. Frühzeitige Interventionen seien kostengünstiger als humanitäre Hilfe, rechnen Experten vor. Allerdings funktioniere die Versicherung nur, wenn sie auf seltene Extremwetterereignisse beschränkt bleibe. Diese Erkenntnis motiviere die beteiligten Regierungen auch dazu, sich mit einem klimaverträglichen Umbau der Landwirtschaft für kürzere Phasen der Trockenheit zu wappnen, meint Richard Wilcox.

Hilfsorganisationen sehen ein solches Instrument mit gemischten Gefühlen. Die einen loben, dass afrikanische Regierungen von willkürlicher, auch lähmender Nothilfe unabhängiger würden. Andere kritisieren, damit wälzten die Verursacher des Klimawandels dessen Lasten auf die Opfer ab.

Eines ist gewiss: Auch die innovativste Hilfsindustrie kann weder eine konsequentere globale Klimapolitik ersetzen noch ernsthafte Bemühungen um Frieden.