Read the English version of this article here

Die meisten schweren internationalen Konflikte beruhen auf einer Verwechslung. Länder geraten hart aneinander – bis hin zum Krieg –, weil sie sich mit Menschen verwechseln, genauer gesagt mit Männern.

Ein Mann hat einen Körper mit empfindlichen Weichteilen, den er in einer bedrohlichen Situation schützen möchte. Ein Land hat solche Weichteile nicht, weswegen etwa Russland seine Grenzen auch nicht aggressiv verteidigen müsste; weswegen auch Tschechien seinerzeit nicht ein Dolch im Leibe des Deutschen Reiches war, sondern bloß ein Land mit sanften Hügeln, die auf der deutschen Seite im Übrigen haargenau so aussahen wie auf der tschechischen.

Ein Mann kann, wenn er etwas empfindlich und auf die Anerkennung anderer allzu erpicht ist, das Gesicht verlieren. Ein Staat hat gar kein Gesicht. Ein Mann kann beleidigt werden, sodann tief gekränkt und wütend sein. Ein Staat kann das eigentlich nicht, weil er ein Abstraktum ist, repräsentiert durch eine Regierung, die sich zunächst mal ziemlich in eine Sache reinsteigern muss, um sich anschließend synchron beleidigt zu fühlen und am Ende kollektiv zurückschlagen zu wollen.

Die Rede ist natürlich von Recep Tayyip Erdoğan, der sich zurzeit mit seinem Land verwechselt, darum kann er Sachen sagen wie: "Wenn ihr Deutschen mich nicht reinlasst, dann werde ich die ganze Welt aufmischen." Die Rede ist aber auch von Donald Trump, der die zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen den USA und Russland immerzu mit seiner persönlichen Beziehung zu Wladimir Putin gleichsetzt.

Autoritäre Führer wie die beiden Herren setzen sich nach innen mit dem Volk gleich und nach außen mit der Nation. Solche Menschen sind natürlich brandgefährlich, stets neigen sie zur rhetorischen Eskalation, sie wollen Vergeltung und dann – nach der Vergeltung dieser Vergeltung – wieder eine Vergeltung. Die Ehre eines Mannes ist ein ziemlich hungriges Biest, das kann schon im normalen Alltag äußerst anstrengend sein, in der internationalen Politik ist es verheerend. Viele Kriege sind so entstanden, wir haben das bloß vergessen, weil es zwischen größeren Mächten seit mehr als siebzig Jahren keine direkten, sondern nur Stellvertreterkriege gab. Viel spricht dafür, dass diese Phase vorbei ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Donald Trump beispielsweise, der Mann mit den meisten Waffen des Planeten, möchte wieder Kriege gewinnen, wie er sagt. Das ist darum so irre, weil die USA ja in diesem Jahrhundert bislang alle Kriege gewonnen haben, erst nach dem Sieg lief es dann immer schief. Was für einen Krieg also meint der Präsident, wenn er vom "Gewinnen" spricht? In der New York Times erschien dazu kürzlich ein interessanter Artikel mit dem Titel "Trumps militärische Ambition: Rohe Macht als Mittel zum Zweck". Darin steht: "Trump ist ungewöhnlich zielstrebig daran interessiert, sich auf einen Konflikt zwischen Großmächten vorzubereiten, den die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg vermieden hat." Das klingt nicht gut.

Wie aber geht unter derart verschärften Umständen ein relativ vernünftiges, mittelgroßes Land mit Männern um, die sich mit ihrem Volk verwechseln und ihre Gefühle mit den Interessen ihres Landes?

Die Rede ist natürlich von Angela Merkel. (Oder von Martin Schulz, wenn er denn Kanzler wird.) Zunächst mal liegt die fast völlige Unbeleidigbarkeit einer Bundeskanzlerin im existenziellen deutschen Friedensinteresse. Wenn Erdoğan von Nazi-Methoden spricht, dann hat die deutsche Regierungschefin Kopfhörer auf. Wenn sie es doch hört, dann sagt sie: Nö. Oder so etwas Ähnliches.