Gleich nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003, als vielleicht noch alles hätte gut oder wenigstens nicht so schlimm werden können, gab ein irakischer Verlag eine Landkarte für Touristen heraus. Das Land sieht darauf aus wie ein Märchenpark: Pittoreske Symbole markieren archäologische Ausgrabungsstätten und Naturwunder. Islamische Heiligtümer stehen neben babylonischen Tempeln. Durch die westliche Wüste spazieren Kamele auf Oasen zu, das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris ist in saftigem Grün gemalt. Wo sich die beiden Flüsse zum Schatt al-Arab vereinen, leuchten blaue Seen. "Paradiesisch", so haben Reisende vergangener Zeiten diese Gegend im Südosten des Iraks beschrieben – und manche Forscher vermuteten hier tatsächlich den biblischen Garten Eden.

Man muss sturzbetrunken oder Selbstmordattentäter sein, um heute die Wörter "Paradies" und "Irak" im selben Satz auszusprechen. Kein Tag vergeht ohne Bombenanschläge und Flüchtlingselend. Aber nach einem halben Dutzend Irak-Reisen als Krisenreporterin habe ich die Nase voll von Katastrophen. Ich möchte in diesem Land Schönes sehen, es darf auch gern der Garten Eden sein. Im Alten Testament gibt es eine – allerdings recht unpräzise – Angabe, wo der liegen soll. Im 1. Buch Mose ist von einem Strom die Rede, der Eden bewässert und sich dort in vier Flüsse teilt: Pischon, Gihon, Tigris und Euphrat. Um welche Gewässer es sich bei Pischon und Gihon handelt, weiß man heute nicht. Euphrat und Tigris aber gibt es. Abweichend von der biblischen Erzählung entspringen sie zwar nicht derselben Quelle, doch fließen sie im Süden des Iraks zusammen: und zwar genau dort, wo es auf der Touristenkarte so herrlich blau glänzt, im Marschland Al-Ahwar.

Also: Einmal Paradies und zurück, bitte.

Kann das Paradies stinken? Ich sitze in einem mashouf, einem schmalen Boot, vor mir Jassim Alasadi, Ingenieur, Fremdenführer, Naturschützer und manchmal auch -schöpfer, hinter mir der Fährmann, zu meinen Füßen ein Stofffetzen, in den eine Kalaschnikow eingewickelt ist. "So was hat hier jeder", sagt Alasadi. "Für Notfälle." Wir sind in Chibaish aufgebrochen, einer unscheinbaren kleinen Stadt am Euphrat. Es ist sechs Uhr morgens, Chibaish ist nach dem Morgengebet wieder eingeschlafen, wir fahren einige Kilometer flussabwärts und biegen ab in ein Labyrinth aus Kanälen. Das Wasser ist lehmig grau, der Müll am Ufer verbreitet einen süßlich-fauligen Geruch.

Dann verzieht sich der Gestank, der Müll verschwindet. Meterhohes Schilf ragt aus dem Wasser. Die Kanäle verengen sich, immer öfter scheuchen wir Reiher, Strandläufer und Gänse auf. Büffel, bis zum Hals im Wasser, glotzen Schilfgras kauend zu uns herüber.

Nach über einer Stunde begegnen wir den ersten Menschen. Büffelhirten mit Kannen voller Milch im Boot auf dem Weg zum Markt von Chibaish. Am Ufer zeichnen sich die Umrisse ihrer Behausungen ab. Stabile Hütten, geflochten aus Schilf, so wie sie die Ma’dan, die Marsch-Araber, seit über tausend Jahren errichten. Im 21. Jahrhundert sind Plastikplanen gegen die Feuchtigkeit, Dieselgeneratoren und rostige Satellitenschüsseln dazugekommen.

Das Wasser ist kaum einen Meter tief, zu flach für den Außenbordmotor. Unvermittelt öffnet sich die Landschaft. Wir gleiten auf einen See. Hören nur noch die Bugwellen und das rhythmische Eintauchen des Stocks, mit dem der Bootsführer das mashouf voranschiebt. Starren wie hypnotisiert auf das Wasser, blinzeln kurz, wenn ein Eisvogel in leuchtendem Türkis im Sturzflug einen Fisch aus dem See erbeutet. Ein schwacher Wind raut den See ein wenig auf, die Welt, die sich auf der Oberfläche des Wassers spiegelt, scheint zu schwingen. Silbrige Fischschwärme gleiten am Boot vorbei. Hundert Meter weiter sitzen ein Mann und eine Frau in ihrem Boot, fast regungslos, nur ihre Hände bewegen sich, um Netze einzuholen. So könnte es bleiben. Einfach sitzen, schauen, jedes noch so leise Geräusch auskosten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Alasadi sieht mich triumphierend an. Er weiß, welchen Rausch diese Landschaft bei Neuankömmlingen auslöst. Und wie man die mit ein paar Worten wieder aus der Verzückung reißt. "Vor ein paar Jahren", sagt er, "war das alles Salzwüste. Saddams Wüste."

Jassim Alasadi, 59 Jahre alt, ist ein kleiner Mann, ständig in Bewegung und, wenn er nicht gerade mit seinen Gästen die Andacht der Natur genießt, ständig am Reden. Er ist hier in den Marschen geboren, fuhr als Kind mit dem mashouf zur Schule, lernte vormittags Mathematik, Geschichte, Physik, nachmittags fischen, Schilf schneiden, Büffelkühe melken. Manchmal buddelte er Tonscherben aus dem Schlamm und trug sie nach Hause, dann erzählte ihm sein Onkel von den Sumerern und Babyloniern, die hier früher gelebt hatten. Von Zivilisationen, die Schriftzeichen erfunden, erste Gesetze geschrieben, das erste Bier gebraut hatten. Von Eridu, Uruk, Ur, den ersten Städten der Menschheit, die vor über 4.000 Jahren hier entstanden waren und deren Ruinen nur wenige Kilometer von Chibaish entfernt immer noch stehen.