Auf Händen und Knien krabbelt Lisa Berger in die Vergangenheit. Rückwärts, sonst kommt sie nicht hinein. Ein schmaler Spalt im Fels ist der Eingang in die Höhle, die sie erkunden will. Drinnen ist es dunkel und feucht, es riecht nach Ziegenkot und Urin. Die Archäologin leuchtet mit ihrer Taschenlampe die Wände ab. Auf den Ausbuchtungen im Fels bleibt der Lichtkegel stehen. "Hier wurde vor langer Zeit eine wohlhabende Familie begraben", sagt sie. Dann misst sie Abstände aus, trägt sie auf ihrer Karte ein. Alle paar Minuten: der Blitz ihrer Kamera.

Doch die Wissenschaftlerin ist nicht die erste Besucherin des uralten Felsenfriedhofs. Die Räuber waren vor ihr da. Rund um die letzte Ruhestätte in der Wand haben sie nach Grabbeigaben gesucht. Mit Hämmern, Spitzhacken und Meißeln schlugen sie den Fels ab, gierig nach Gold und Schmuck ihrer Vorfahren. "Meistens sind es junge Männer aus der Gegend", sagt Lisa Berger, "sie wissen genau, wo sie die alten Gräber finden." Dass die Diebe damit ihre eigene Geschichte zerstören, ist ihnen nicht bewusst – oder egal.

Lisa Berger ist Teil eines Grabungsteams des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), das sich im Norden Jordaniens, in der Kleinstadt Umm Qais, ein großes Ziel gesetzt hat: Die Forscher kämpfen für den Erhalt der Stätten, sie wollen Weltgeschichte für zukünftige Generationen bewahren. Denn Krieg und Terror halten die Länder rund um Jordanien im Würgegriff. Allein die antike syrische Oasenstadt Palmyra ist zweimal von den Milizen des "Islamischen Staats" (IS) überfallen worden. Vergangene Woche hat die syrische Armee den Ort zurückerobert – die Schäden jedoch, die IS-Banden an den 2.000 Jahre alten Denkmälern verursacht haben, sind immens.

Wenn Fanatiker unschätzbare Güter kaputt machen, zerstören sie nicht nur das kulturelle Gedächtnis der Menschheit, sondern auch die Arbeitsgrundlage der Forscher. Die Archäologen können nicht weitermachen wie bisher, in der Vergangenheit graben und wissenschaftliche Aufsätze schreiben. Ihre Herausforderung in diesem Jahrhundert wird es sein, die Funde durch die Kriege zu retten und für die Zukunft zu erhalten.

Doch wie können sich Archäologen wehren? Angesichts der menschlichen Tragödien, die sich im Orient abspielen, sind die Zerstörungen der jahrtausendealten Stätten Kollateralschäden. Panzer vor Ruinen aufzufahren ist keine Option; den Forschern bleibt einzig das zivile Engagement.

Damit die Einheimischen den Wert ihres Erbes schätzen lernen und es selbst gegen Zerstörung, Plünderung und Verfall schützen, haben die Wissenschaftler sich mit Unterstützung des Auswärtigen Amts etwas ausgedacht. Die leitende DAI-Bauforscherin Claudia Bührig und Frank Andraschko vom Institut für Archäologie der Universität Hamburg vermitteln Jordaniern und syrischen Flüchtlingen in zwei regelmäßigen Kursen, welche archäologischen Schätze sich vor ihren Haustüren erheben und wie sie diese für ihre Kinder bewahren können.

Im Tal unterhalb von Umm Qais schlängelt sich der Jarmuk, der mächtigste Nebenfluss des Jordan, durch die staubigen Felsen. Am Horizont falten sich die erdigen Golanhöhen über die Landschaft. In der Ferne funkelt der See Genezareth in der Sonne. Seit 1987 graben die Forscher des DAI hier, am Dreiländereck Israel, Syrien, Jordanien, nach den Spuren einer mehr als 2.000 Jahre alten Stadt namens Gadara.

Die Wissenschaftler zeigen den Männern, wie man Steine behaut und Ruinen stabilisiert

Auf dem Hügel über den Wadis ragen die Ruinen der hellenistischen Stadtmauer aus dem Boden. Zwei antike Theater sowie die Reste römischer Tempel und öffentlicher Bäder, von Wasserleitungen und Stadttoren haben die Zeit überdauert. In der Mitte säumen Säulen mit filigranen Kapitellen die eineinhalb Kilometer lange Antikenstraße. Die Archäologen rekonstruieren die Geschichte der Stadt Gadara von ihrer Gründung und Expansion bis zu ihrem Niedergang und ihrer Wiederbelebung.

Doch wenige Kilometer entfernt tobt der Krieg in Syrien. Regelmäßig kommt es zu Einschlägen in den jordanischen Grenzstädten. Nach einem Selbstmordanschlag auf einen Grenzposten im Sommer, bei dem mehrere Soldaten starben, ließ Jordaniens König den Übergang schließen. Die Boten des Schreckens bedrohen Einheimische und Geflohene, aber auch die archäologischen Stätten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Neben der Antikenstraße von Gadara, im Schatten der Olivenbäume, stehen 14 Männer vor Pflöcken, auf denen schwere Quader ruhen. Ein Steinmetzmeister des DAI zeigt den syrischen und jordanischen Männern, wie sie mit Eisen und Knüpfel einen Schlag platzieren. Viermal sechs Wochen lang lernen die Männer in dem Kurs, wie sie Flächen behauen, Winkel übertragen, Objekte bergen, Gebäude stabilisieren.

"Bei jeder Grabung stellen wir uns die Frage, wie wir das, was wir finden, schützen und bewahren können. Die Kurse sind für uns Teil der Antwort. Wir schulen die zukünftige Generation für Gadara", sagt die Bauforscherin Claudia Bührig. Seit einem Vierteljahrhundert gräbt die Archäologin vor Ort. Sie beobachtet Verschmutzung und Verfall, aber auch die Neugierde der Menschen auf ihre Geschichte: "Wenn einheimische Handwerker die Pflege der Ruinen übernehmen, ist das der beste Schutz für den Ort."