Es ist eine Tatsache, dass der Mensch Sehnsucht hat. Zuzeiten war die Sehnsucht eine große Gegenwart an der Bilderwand meines Lebens. Von meinem Schreibtisch aus sehe ich seit Langem auf den Kilimandscharo. An der Wand gegenüber hängt ein Gemälde des Stuttgarter Malers Fritz Lang, Der Kibo mit Palme, entstanden 1931. Lang war 1928 in Afrika, mit 51 Jahren. Für den Maler wurde damals gesammelt, so eine Reise war ein kostspieliges Abenteuer, auf das man sich Jahre vorbereitete. Die Reise dauerte sechs Monate. Und wirkte dann ein Leben lang nach. Bis zu seinem Tod 1961 hat Lang immer wieder den Kilimandscharo gemalt, er war der Gipfel seiner Sehnsucht, der sein Leben in ein Vorher und ein Nachher teilte.

Fritz Lang hat meine Welt schöner gemacht – oder schöner scheinen lassen. Seine Sehnsucht hat sich in meine verwandelt, der Kilimandscharo wurde mein Traum von Eden. "Es ist ein Kindheitstraum. Und ein Kindheitstraum steht nicht zur Disposition", heißt es in Hervé Guiberts Afrika-Roman Das Paradies. In meiner Kindheit und Jugend habe ich festgesessen im schwäbischen Mesopotamien zwischen Donau und Rhein. Ich konnte nicht weg, bis ich 18 Jahre alt war. So ist die Sehnsucht nach der Ferne immer größer geworden. Später hat sie mich weit in die Welt getragen. Aber der Kilimandscharo blieb ein bloßes Bild der Sehnsucht. Bis zum Januar 2017.

Dann habe ich mich endlich aufgemacht zu diesem Berg, der mit seinen fast 6.000 Metern die höchste Erhebung der Erde ist, die sich einfach so erhebt, ohne dazugehörende Alpen oder Anden. Aufgemacht zu diesem Berg und seiner Geschichte auf der anderen Seite meiner Augen.

Wir leben jenseits von Eden. Haben aber noch eine Ahnung von da und eine Sehnsucht dahin. Und ein Berg wie der Kilimandscharo verdankt seinen Sehnsuchtsrang gewiss auch dem Namen. Was, wenn er Erzkasten hieße oder Knüll oder immer noch Kaiser-Wilhelm-Spitze, wie einst einmal, als er zu preußisch-kolonialen Zeiten als höchster Berg des Deutschen Reiches galt?

Im Museum von Arusha im Norden Tansanias, in dem Gebäude, das einst der Hauptsitz der deutschen Kolonialherren war, las ich nach meiner Ankunft auf einem Plakat: "Kolonien fördern die Volksernährung". Es stammt aus einer Zeit, als der Mensch noch Kolonialwaren bei Tante Emma bekam. Im Stil eines Belle-Époque-Plakats von Bacardi war ein Schwarzer zu sehen, der unter Palmen Ware zu einem arabischen Auslegerboot schleppte, während im Hintergrund ein großer Dampfer vor Anker lag, der später nach Bremerhaven oder Hamburg unterwegs sein würde. Der schöne Arbeiter wird dabei beobachtet oder bewacht von einem Mann mit wilhelminischer Pickelhaube.

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Eden ist ein Phänomen e contrario, aus unserer ganz anderen Erfahrung heraus. Eden existiert, weil die Welt tatsächlich ganz anders ist. Sonst würde man ja davon nicht träumen. Im Gepäck hatte ich auch die Weltgeschichte der Sklaverei von Egon Flaig, worin viel von Sansibar als dem Umschlagplatz des Sklavenhandels nach Norden und Osten die Rede ist. Einst waren da Menschen das Hauptgeschäft. Heute ist Sansibar, neben dem Kilimandscharo, Tansanias zweite Traum-Destination. Für mich war auch Sansibar immer ein Wort mit verheißungsvollem Klang gewesen, eine andere Art Eden, spätestens seit ich in der Schule über Sansibar oder der letzte Grund, Alfred Anderschs Fluchtgeschichte aus der Nazizeit, einen sogenannten Besinnungsaufsatz zu schreiben hatte.

Damals war ich, was das Reisen und den Kilimandscharo anging, auf meinen Atlas verwiesen, da konnte ich das Schneeweiß auf dem Kilimandscharo sehen. In den Illustrierten von einst mit ihren Kleinanzeigen konnte man noch Schrumpfköpfe bestellen, welche dann Lore, unsere wunderbare Postbotin, per Nachnahme in unser Haus von 1773 gebracht hätte. Und dann gab es für mich noch den Kilimandscharo, den Pascal Danel in einem Chanson besang. Das kam aus der Jukebox unserer Wirtschaft in Rast, welch ein Name, die, als wäre es nicht genug, auch noch Rosengarten hieß. Die Jukebox belieferte uns mit Träumen im Deutsche-Mark-Takt. Kilimandjaro, das war 1967, zwei Jahre vor der Mondlandung, und handelte von jenem Mann, der mit dem Schnee des Kilimandscharo als Mantel bald schlafen und sterben wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Im selben Jahr kam auch der Zirkus Brumbach zu uns ins Dorf. Er gastierte im Baumgarten hinter unserem Hof. Da sah ich den ersten Löwen meines Lebens. Wir Kinder konnten ihn schon in den Tagen vor der Veranstaltung immer wieder anschauen in seinem Käfig und uns Geschichten über ihn ausdenken. Vielleicht stammte er ja vom Land um den Kilimandscharo. Dort, wo das Zirkuszelt stand, hatten meine Großeltern sonst ihren Bernerwagen mit den zwei Pferden stehen. Von meiner Großmutter wusste ich, dass das Leben so kurz sei wie einmal das Dorf hinauf und hinunter, und mein Großvater hatte mir den Säntis gezeigt, der mein nächstgelegener Kilimandscharo war. Jener Großvater sagte am Ende: "So viel Luft ist auf der Welt, nur nicht für mich!" Als hätte er Kafka zitieren wollen. Nur dass mein Großvater Kafkas Wort Hoffnung durch das Wort Luft ersetzte.