Vor Kurzem hat ein Computer die weltbesten Pokerspieler in einem 20-tägigen Turnier besiegt, herzlichen Glückwunsch! Lange Zeit galt das als unmöglich, weil zum Pokern das Bluffen gehört, und das traute man einem Algorithmus nicht zu. Nun hat uns die künstliche Intelligenz mal wieder ihre Überlegenheit demonstriert. Werden die Menschen jetzt aufhören zu pokern? Wohl kaum.

Kluge Algorithmen und selbstständige Roboter versetzen viele Menschen in Ehrfurcht. Ist ja auch beeindruckend, was die Maschinen schon alles können. Werden sie uns die Arbeit wegnehmen? Und ob! Das stand jedenfalls gerade wieder in der Zeitung. "Etwa die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze in der westlichen Welt könnten schon 2030 nicht mehr existieren", schrieben der Philosoph Richard David Precht und der Informatiker Manfred Broy in der ZEIT (Nr. 5/17). Man muss das wiederholen, weil es so unglaublich klingt. Die Hälfte! Aller Arbeitsplätze! In der westlichen Welt! Innerhalb von nur 13 Jahren.

Precht und Broy haben sich diese Zahlen nicht ausgedacht, sie berufen sich auf "eine große Studie aus Oxford". Diese Studie ist 72 Seiten lang, sie wurde 2013 als Thesenpapier ins Internet gestellt und seitdem mehr als 800-mal zitiert, aber erst in diesem Januar von einer Fachzeitschrift abgedruckt. Die Autoren sind der schwedische Ökonom Carl Benedikt Frey, ein "Roboterversteher" (FAZ), und der Informatiker Michael Osborne. Wie in dem Spiel "Stille Post" haben sich die Thesen der beiden verbreitet und sind mitunter nicht wiederzuerkennen. Die Studie spukt durch die Öffentlichkeit wie ein Schlossgespenst. Was steht wirklich drin?

Frey und Osborne stellten eine Liste von 702 Berufen in den USA zusammen, für die das amerikanische Arbeitsministerium ausführliche Tätigkeitsbeschreibungen veröffentlicht hat. Dann luden sie zehn Robotik- und Computerforscher zum Tee ein (genauer: zu einem Workshop) und diskutierten mit ihnen darüber, welche dieser vielen Berufe wohl automatisierbar wären und welche nicht. Die Einschätzung basiere auf "eyeballing", heißt es in aller Offenheit, in Deutschland würde man sagen: Pi mal Daumen. Die Experten waren sich bei 70 Berufen ziemlich sicher, bei dem Rest nicht. Dann bezifferten Frey und Osborne, wie viel Kreativität, soziale Kompetenz, Fingerfertigkeit und Routinetätigkeit diese 70 Jobs erfordern. Und mit ein bisschen Mathematik verallgemeinerten sie die Schätzung auf alle 702 Berufe. Das Ergebnis ist ein Ranking, dessen hinterer Teil eine Rote Liste der bedrohten Berufe ist.

Am stärksten durch Automatisierung gefährdet sind demnach die Berufe "Telemarketer" (Platz 702; Menschen die Telefonwerbung machen), "Title Examiners, Abstractors, and Searchers" (Platz 701; so etwas wie Recherche-Gehilfen) und "Sewer" (Platz 700; Schneider). Den sichersten Job, Platz 1, haben Physiotherapeuten, gefolgt von Vorarbeitern, Einsatzleitern in Katastrophenfällen und Sozialarbeitern. Insgesamt 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA seien bedroht, schreiben Frey und Osborne.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Die Studie hat Frey berühmt gemacht, von CNN bis zur Japan Times, sie rufen ihn alle an. Er spricht vor der Weltbank, und die Weltbank spricht wie er, die EU-Kommission hat ihn eingeladen, Audi, McKinsey, Vodafone. Die Aufregung sei übertrieben, sagte er vor Kurzem der FAZ, die 47 Prozent stünden doch nur "irgendwo in der Mitte des Berichts". Quatsch! Sie stehen auf Seite eins des Thesenpapiers von 2013, das weltweit Beachtung fand. Nur in der Version, die jetzt in einer Fachzeitschrift erschienen ist, taucht die Zahl erst weiter hinten auf. Doch die Erregungsmaschine ist nicht mehr aufzuhalten. Carsten Brzeski, der Chef-Ökonom der ING-DiBa, schätzte auf Basis der Oxford-Studie, in Deutschland seien sogar 18 von 31 Millionen Arbeitsplätzen bedroht, 59 Prozent. Wer bietet mehr?

Man kann die Oxford-Studie als Diskussionsbeitrag verstehen, und Frey wünscht sich das auch. In der Tat gäbe es einiges zu diskutieren. "Völlig überzogen" findet der deutsche Wirtschafts- und Industriesoziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen das Szenario. "Da wird so getan, als könne man soziale Konsequenzen, die mit der Einführung neuer Technologien einhergehen, mathematisch herleiten." Die Soziologin Sabine Pfeiffer von der Universität Hohenheim kritisiert die "déformation professionnelle" der befragten Experten: "Wer Computertechnik entwickelt, wird das Potenzial der Technik schon von Berufs wegen überschätzen."

Facharbeiter haben sie, Roboter haben sie nicht

Sozialwissenschaftler haben den naiven Technikdeterminismus längst hinter sich gelassen und erkannt: Wenn Handarbeit durch Maschinen ersetzt wird, werden die Handarbeiter nicht automatisch arbeitslos. Das Phänomen ist als "Ironie der Automatisierung" bekannt: Je stärker eine Fabrik automatisiert wird, desto schwieriger lassen sich Störungen erkennen und beheben – und die gibt es immer. Die Fabrik braucht also nicht weniger, sondern besser qualifizierte Arbeiter, die trotz automatisierter Abläufe noch durchblicken. Außerdem zeigen Studien: Firmen, die in Informationstechnik investieren, sind nicht zwangsläufig produktiver. Warum? "Weil Firmenchefs einzelne Arbeitsschritte durch Automaten ersetzen, dabei aber vergessen, das ganze Gefüge aus Technik und Arbeit neu zu organisieren", sagt Hartmut Hirsch-Kreinsen. Die Forscher reden vom "Produktivitätsparadox". Die menschenleere Fabrik, sagt der Soziologe, "ist eine Illusion".

Sabine Pfeiffer stört sich am altmodischen Bild von Fabrikarbeit, das in der Oxford-Studie – und von Journalisten – verbreitet wird. "Die Facharbeiter machen keine dumpfe Routinearbeit. Das sind oft hoch qualifizierte Leute mit einem enormen Erfahrungswissen." Ein Anlagenführer, der in der Industrie Roboter überwacht, ist laut der Oxford-Studie mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent durch Automaten ersetzbar. Unsinn, sagt Pfeiffer. "Der muss immer wieder eingreifen, um die komplexe Choreografie der Roboter am Laufen zu halten, er muss verstehen, was technisch passiert, und braucht Überblickswissen." Geschicklichkeit, Improvisationskunst, soziale Kompetenz: Facharbeiter haben sie, Roboter haben sie nicht.

In der Fabrik der Zukunft übernehmen Facharbeiter die anspruchsvollen Tätigkeiten, sagen die Optimisten. Forscher wie Frey und Osborne rechnen mit einer Polarisierung der Berufe: Manche Aufgaben in der smarten Fabrik erforderten tatsächlich eine höhere Qualifikation, aber für viele Tätigkeiten genügten fortan Hilfsarbeiter. Sie seien das neue Proletariat in der Industrie 4.0.

Die Automatisierung der Arbeitswelt ist kein Automatismus – sie lässt sich gestalten

Es geht nicht darum, welche Vorhersage richtig ist. Es geht darum, dass die Automatisierung der Arbeitswelt kein Schicksal ist, sondern, wie Hirsch-Kreinsen sagt, ein "Gestaltungsprojekt". Unternehmen können so vorgehen wie Amazon, also Digitaltechnik zur Kontrolle der Belegschaft einsetzen. "Ein Negativbeispiel", sagt der Soziologe. Oder sie nehmen sich die Maschinenbauindustrie zum Vorbild, die mit künstlicher Intelligenz das Zusammenspiel von Arbeiter und Maschine verbessert. Die Automatisierung der Fabrik ist kein Automatismus. Sie lässt sich gestalten.

Diese Erkenntnis geht unter, wenn man Prognosen wie die von Frey und Osborne als Naturgesetz missversteht. Viele Medien haben sich kritisch mit den Vorhersagen auseinandergesetzt, und das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat eine Gegenstudie veröffentlicht, der zufolge nur neun Prozent der Berufe in OECD-Ländern automatisierbar sind. Aber die "große Studie aus Oxford" ist immer für ein Horrorszenario gut. Vorsicht: Wer sie aus dem Hut zaubert, will vielleicht nur bluffen.