In den vergangenen Wochen habe ich wieder einmal in Aischylos’ Drama Agamemnon gelesen und mich in die herzzerreißenden Worte der Seherin Kassandra vertieft, deren Prophezeiungen – infolge eines Fluchs des Apollo – niemand Glauben schenkte. Ich las von der Einsamkeit und dem Leid der Seherin, als mir ein Satz von Klytämnestra entgegensprang, der satanisch manipulativen Gattin des Agamemnon. Nachdem sie gerade ihren Mann und seine Geliebte Kassandra kaltblütig erdolcht hat, öffnet sie die Palasttüren und erklärt den Wartenden: "Vieles habe ich gesagt, wie es der Augenblick gebot. Jetzt aber behaupte ich ohne Scham das Gegenteil."

Augenblick mal, dachte ich, das kommt dir bekannt vor! Großer Gott! Donald Trump sollte dem Aischylos Tantiemen zahlen; Klytämnestra hat ihm die Formel für seinen Wahlkampf geliefert. Und wirklich, es scheint, dass die Wahl von Herrn Trump die Weltsicht, die keine eindeutige Wahrheit anerkennt, auf die Spitze getrieben, wenn nicht sogar an die Macht gebracht hat. Es gibt Fakten, und es gibt alternative Fakten, so Trump-Beraterin Kellyanne Conway, die damit George Orwell zitierte.

Anders gesagt: Es gibt das Image, und es gibt das Eigentliche, und zwischen den beiden besteht keinerlei Zusammenhang. Es gibt den ehrlichen Journalismus, das ist der, der "unseren Mann unterstützt", und es gibt die Fake-News der Journalisten, die ihn kritisieren. Eigene Ankündigungen und Versprechen darf man neuerdings bestreiten und verneinen, selbst wenn sie aufgezeichnet worden sind. Dazu fällt mir ein anderer Seher ein, nämlich der biblische Zornprophet Jesaja. Er schleuderte der Korruption und Machtgier den Satz entgegen: "Weh, die da heißen Böses gut und Gutes bös, aus Dunkel machen Licht und Licht zu Dunkel, aus bitter machen süß und süß zu bitter!" (Jesaja 5,20).

Der amerikanische Präsident Donald Trump begreift die "Wahrheit" nicht als eine Reihe von Fakten, sondern eher als Bündel von Gefühlen, Wünschen, Ängsten, Vorurteilen und Trieben. Die "Realität" ist das, was ich jetzt gerade denke oder will. Aber wer weiß, ob ich nicht im nächsten Moment schon einer anderen Variante der Realität den Vorzug gebe?

Wenn ein Programmierer von Videospielen so etwas äußert, dann entspringt das seiner Berufswelt, und wir können es akzeptieren oder nicht. Doch wenn ein solcher Satz die Denk- und Vorgehensweise des amerikanischen Präsidenten, des mächtigsten und einflussreichsten Mannes der Welt, charakterisiert, dann hat die Welt ein Problem – nicht nur ein konzeptionelles, sondern ein existenzielles. Ein existenzielles, weil etwas in ihr geschieht: Wir beobachten nicht nur einen weiteren Regierungswechsel in den USA, wir beobachten, dass die unerlässliche Balance zwischen der Vernunft und den Trieben erschüttert wird, zwischen einer demokratischen Weltsicht und persönlichen Begierden. Zwischen dem Gesetz und irrationalen Impulsen. Das ist der eigentliche Regierungswechsel, den wir erleben.

Seit der Wahl von Donald Trump fühlen sich immer mehr Menschen an den verschiedensten Orten in dieser neuen Welt fremd und bedroht. Es ist etwas an dem Mann Donald Trump, das Kräfte freisetzt, die das demokratische System seit Hunderten von Jahren durch Gesetzgebung, Erziehung und die Verinnerlichung von Werten wie Gleichheit, Freiheit und Pluralismus zu verfeinern, auszugleichen und einzudämmen versucht hat.

Weil Donald Trump nun einmal der mächtigste Mann der Erde ist – in den letzten Wochen wirkte die ganze Welt wie eine One-Man-Show –, adoptieren andere seine Formulierungen. Damit legitimiert er in etlichen Ländern den Fremdenhass, den Hass auf Minderheiten, den Hass an sich als Grundlage der Politik. Trump legitimiert die Demütigung der Frau, die Missachtung anderer Religionen, die Ausgrenzung aller, die nicht "zu unserem Team" gehören.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

In diesem Sinn kann jeder, der nicht zu den Bewunderern des Herrn Trump zählt, die fatale Erfahrung der Kassandra machen. Plötzlich verstehen wir, was es bedeutet, wenn die Welt um einen herum verrücktspielt; wenn die Realität in Fluss gerät, wenn sie ungewiss und ohne greifbare Wahrheiten scheint, wenn sie immer mehr einer traumhaften oder, wie in diesem Fall, einer albtraumhaften Wirklichkeit gleicht. Wie leicht stellt sich in einer solchen Situation der Verdacht ein, man selbst sei der Verrückte. Tatsächlich aber müssen Menschen sich in ihrem Land und in der Welt zu Hause fühlen. Sie brauchen das Gefühl der Verlässlichkeit und der Zugehörigkeit. Sie brauchen das Gefühl, die sie umgebende Wirklichkeit entschlüsseln und ihre Zukunft im Hier und Jetzt planen und gestalten zu können.

Was vermag die Literatur in einer solchen Welt zu leisten? Sehr wenig und sehr viel.