Es gab Zeiten, da kam man um Harald Strutz gar nicht herum. Wenn es um Mainz 05 ging, den Bundesligaverein, dessen Präsident Strutz ist, lächelte der 66-Jährige mit braun gebranntem Gesicht in jede Kamera, sprach mit seinem Rheinhessisch in jedes Mikrofon. Strutz hatte immer etwas zu sagen, auch wenn es nichts zu sagen gab. Selbst als er zuletzt heftig unter Beschuss geriet, als viele andere den Kopf eingezogen hätten, machte Strutz noch Werbung für sich. Einzige Bedingung: Er wählte den Gesprächspartner aus.

So durfte die Stadtillustrierte Der Mainzer vor wenigen Wochen ein langes Interview mit Strutz veröffentlichen, in dem dieser seine Enttäuschung über all "die ehrverletzenden Äußerungen" beklagte, die ihn "tief getroffen" hätten. Gleich darunter: ein Kommentar, der die "Treibjagd" auf Strutz verurteilte.

Es ging Strutz um die Deutungshoheit über seine Person, um die Kontrolle seines Bildes in der Öffentlichkeit, darum war er immer bemüht. Dass er beides längst verloren hatte, dämmerte ihm womöglich erst am vergangenen Rosenmontag – viel zu spät. Da fuhr auf einem der Motivwagen ein überlebensgroßer Harald Strutz aus Pappmaschee durch die Mainzer Innenstadt, darunter stand geschrieben: "Ein System, intransparent, nutzte Strutz als Präsident. Ehrenamtlich zwar gewählt, doch nur der eigne Vorteil zählt. Drum klebt er so an seinem Thron, seit 29 Jahren schon."

Man muss schon einiges falsch machen, um den Spott der Narren auf sich zu ziehen, doch Strutz hatte einen großen Vorrat angesammelt: So hatte er sich die ehrenamtliche Präsidentschaft im Verein jeden Monat mit 9.000 Euro vergüten lassen. Zusätzlich erhielt er als "juristischer Berater" des Clubs eine monatliche Gage von 14.000 Euro. Der Landesrechnungshof rügte ihn wegen eines ähnlich inhaltslosen Beraterjobs beim Landessportbund, ein Sponsor kehrte Mainz 05 den Rücken, als Motiv gab er das Gebaren des Präsidenten an, man habe sich von Strutz "nicht angemessen behandelt gefühlt".

Am vergangenen Freitag zog Strutz selbst die Konsequenzen. Er verkündete, dass er bei der kommenden Wahl des Vorstandsvorsitzenden von Mainz 05 nicht mehr kandidieren wolle, "im Interesse meiner Familie und im Interesse des Vereins". So stand es in der Erklärung, die er ohne Absprache mit den übrigen Vorstandsmitgliedern auf der Homepage des Clubs veröffentlichen ließ. Seitdem ist er für niemanden mehr zu sprechen, auch nicht für die ZEIT.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Noch vor Kurzem ließ der Präsident ausrichten, man könnte über ein persönliches Gespräch nachdenken, wenn man die Fragen vorab schriftlich einreiche. Diese lagen auf der Hand: Was muss der Verein tun, um die angestrebten sportlichen Ziele mittelfristig zu erreichen? Wo besteht aus Ihrer Sicht vereinsintern Konfliktpotenzial auf dem Weg dorthin? Wie ist das aktuelle Verhältnis der Vereinsführung zu den Fans? Was tut der Verein gegen die Zuschauerabwanderung? Und: Spüren Sie aktuell Rückendeckung bei Ihren Entscheidungen?

Antworten blieben aus. Harald Strutz schwieg und gab wenige Tage später seinen Abschied bekannt. Bis zuletzt schien er nicht glauben zu können, dass seine fast 29 Jahre währende Regentschaft bei Mainz 05 irgendwann zu Ende gehen könnte. Im deutschen Fußball hatte er es schließlich weit gebracht. Der Jurist sitzt im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und im Ligavorstand des DFB und der Deutschen Fußball Liga. Kollegen, die den Weg von Strutz durch die Ämter begleitet haben, beschreiben ihn als Strippenzieher, der in seinem Leben oft zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen sei.

Den maßgeblichen Anteil an der Entwicklung von Mainz 05 in den vergangenen drei Jahrzehnten hat nicht Strutz, darin sind sich Zeitzeugen einig. Der Aufstieg sei eher das Werk von Christian Heidel. Heidel, einst Geschäftsführer eines Autohauses, amtierte bis Mitte 2016 als Manager des Vereins.