DIE ZEIT: Historiker haben lange einen Bogen um Maria Theresia gemacht. Zu ihrem 300. Geburtstag haben Sie nun eine dicke Biografie geschrieben. Was hat Sie an der Person interessiert?

Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia ist, so wie ihr Zeitalter, voller Widersprüchlichkeiten. Einerseits ist sie noch barock, andererseits aber schon aufgeklärt, wenn auch wider Willen. Diese Gegensätze des 18. Jahrhunderts lassen sich an ihrer Person darstellen.

ZEIT: Trotzdem wurde sie gerade von feministischen Historikern lange nicht beachtet.

Stollberg-Rilinger: Die moderne Frauengeschichtsschreibung beschäftigte sich meist mit widerständigen, mit unterdrückten Figuren und weniger mit Herrscherinnen. Es sind zwar schon kritische Aufsätze zu Maria Theresia erschienen, aber die blieben eher einsam. Erst langsam beginnt sich die Gendergeschichte dafür zu interessieren, die große französische Feministin Elisabeth Badinter etwa hat gerade auch eine Biografie geschrieben. Dazu kam, dass Maria Theresia von konservativen, nationalen Historikern vereinnahmt war. Sie passte einfach nicht in das Bild der emanzipatorischen Geschichtsschreibung.

ZEIT: Als großer Reformer gilt ihr Sohn Joseph II., von ihr selbst ist ein kitschiges Bild übrig geblieben, die liebende Ehefrau, die Landesmutter ...

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Stollberg-Rilinger: ... mit 16 Kindern, die gleichzeitig Erbtochter und Herrscherin dieser riesigen Monarchie war, ja, genau. Das Bild entstand vor allem deshalb, weil Maria Theresia für die österreichische Selbstvergewisserung des 19. Jahrhunderts, also lange nach ihrem Tod, eine große Rolle spielte. Die großen Denkmäler wurden ihr in einer Zeit gesetzt, als die Monarchie bröckelte. Da war es dann wichtig, eine mächtige Identifikationsfigur zu haben. Und das Bild, das damals von ihr entstanden ist, hat sich hartnäckig bis heute gehalten.

ZEIT: War es ein Nachteil, dass die Identifikationsfigur eine Frau ist?

Stollberg-Rilinger: In gewisser Weise war es ein Vorteil. Kein anderes Land hatte eine so große Herrscherpersönlichkeit zu bieten, die eine Frau war, so viele Kinder bekommen hatte, noch dazu sittsam und eine scheinbar perfekte Mutter. Nicht wie Elisabeth I. in England, die kinderlos blieb, oder Katharina die Große, die nicht wirklich als keusch galt. Unter diesen sowieso schon wenigen weiblichen Herrscherfiguren ist Maria Theresia noch einmal eine Ausnahme gewesen. Damit bot sie sich für einen nationalen Mythos besonders an.

ZEIT: Weibliche Herrschaft wurde doch gerade im 19. Jahrhundert als Provokation der bürgerlichen Gesellschaft empfunden.

Stollberg-Rilinger: Es war tatsächlich kaum noch vorstellbar, dass Frauen im modernen bürgerlichen Staat legitim politische Herrschaft ausüben. Frauen und Politik, das war für bürgerliche Historiker zu einem Paradox geworden. Deshalb haben sie den Ausnahmecharakter Maria Theresias betont; sie war die Ausnahme, die die Regel bestätigt, dass Macht männlich ist. So etwa Hugo von Hofmannsthal in einem einflussreichen Aufsatz, in dem er Maria Theresia mythisch überhöht darstellt, als Mutter, die dem ganzen Staat das Leben schenkt. Dabei kam eine geradezu übernatürliche Figur heraus.

ZEIT: Gleichzeitig erklärte Leopold von Sacher-Masoch sie zu seinem Idol, zur "erotischen Legende" und "Schönsten ihres Geschlechts".

Stollberg-Rilinger: (lacht) Ja, über diesen Fund war ich sehr erfreut. Sie war überhaupt das Objekt vieler Männerfantasien. Sacher-Masoch hat mehrere Essays über die Habsburgermonarchie geschrieben. Und da passt es natürlich, diese dominante Frau mit einem untergeordneten Ehemann als erotische Heldin zu beschreiben.

ZEIT: Nicht nur Literaten, auch Historiker haben lange an ihrem Mythos mitgearbeitet.

Stollberg-Rilinger: Ja, selbstverständlich, gerade sie. Der prägende Historiker für die Geschichte Maria Theresias ist bis heute Alfred Ritter von Arneth ...

ZEIT: ... in den 1870ern Leiter der Akademie der Wissenschaften und Staatsarchivdirektor.

Stollberg-Rilinger: Er war voller Bewunderung für sie, übte aber auch gelegentlich Kritik. So machte er kein Hehl aus ihrer Judenfeindlichkeit und schrieb über die Vertreibung der Prager Juden, man müsse sich fragen, wie eine so große Frau so unerbittlich hat sein können. Aber auch Arneth war ein Kind des 19. Jahrhunderts. Er hatte ein Ideal des bürgerlichen Familienlebens und projizierte es auf Maria Theresia. Das haben alle anderen Historiker fortgesetzt und viele unerfreuliche Passagen weggelassen, die nicht ins Familienidyll passten.

ZEIT: Zum Beispiel?