Wenn Martin Luther heute lebte, würde er Kapuzenpulli tragen? Vor diese Frage stellt uns das große, gegenwärtig durch Deutschlands Mehrzweckhallen tourende Musical namens Luther. Das ganze Ensemble tritt in zeitgenössischer Kleidung auf. Der junge Kaiser Karl posiert mit Sonnenbrille und schief sitzender Baseballkappe, die Katholiken glänzen ihrer Natur gemäß eitel in Seiden- und Paillettensakkos. Nicht so Doktor Martinus. Er ist mit seinem Pulli geradezu verwachsen, wenn er mit seiner verwuschelten Frisur über die Bühne schlufft, niedergeschlagen und verwirrt, zaudernd, überhaupt nicht rebellisch oder wütend.

Da steht er nun, der Kapuzenpulli-Luther, und kann schon zu Beginn der Hamburger Aufführung nicht mehr anders. Kann nicht mehr anders, als am Bühnenboden zu kauern. Er ist in ein wildes Gewitter geraten und fürchtet um sein Leben: "Nur ein Wunder rettet mich", jammert er. Die Szene setzt den Ton. Meist ist Luther in diesem Musical leicht umnachtet, niedergeschlagen, unentschlossen, dabei aber nicht aggressiv. Er weiß nicht, wie ihm geschieht und was er wollen soll. Diesen Eindruck verstärkt auch der gigantische, 1.400 Sänger starke Chor. Dauernd singt er: "Luther, Luther, wer ist Luther? Was will Luther?" Ja, was will er?

Mit dem groß angelegten Werk Luther, das den Untertitel "Pop-Oratorium" trägt, ist die Reformation ganz schrankenlose Popkultur geworden. Texter und Regisseur haben den Reformator zugänglich gemacht, ihn aus den Büchern entführt und auf die Bühne gestellt. Seit Januar tourt das Luther-Musical durch die Lande, im Oktober gastiert es in Berlin, dort zeichnet dann auch das ZDF die Show auf.

Wer in eine Mehrzweckhalle kommt, geht da normalerweise nicht wegen der Reformation hin, sondern um ein Konzert anzuschauen, von Lady Gaga, Iron Maiden oder Helene Fischer. Zugangsbeschränkungen irgendeiner Art gibt es bei Veranstaltungen in Mehrzweckhallen nicht. Luther ist da keine Ausnahme. Vorbildung wird nicht verlangt. Jeder soll das Musical gucken können.

Bei der Hamburger Aufführung sehen 9.000 Besucher zu. Der Chor besteht, natürlich gut protestantisch, aus Laien. Sie besetzen die Stirnwand der Barclay-Card-Arena und erinnern in ihrer Massivität an die Nordkurve des benachbarten HSV-Stadions. Die Hauptrollen aber übernehmen professionelle Musicaldarsteller. Sie singen und tanzen auf einer Bühne, die wie ein zu groß geratener Altarraum ausschaut. Ein paar teppichbelegte Stufen sind da, rechts von ihnen sitzt "das junge orchester NRW", links eine Rockband und auf zwei kleinen Podien über den beiden Klangkörpern: die zwei Dirigenten des gigantischen Chors, der anstatt eines Altars am Ende der Bühne thront.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Kann das denn gut gehen? Ist die Reformation beliebig und massentauglich runterzubrechen? Das Musical zeigt die Geschehnisse auf dem Wormser Reichstag im Jahr 1521, als Martin Luther seine Schriften vor Kaiser Karl V. widerrufen soll. Sehr geschickt schmuggelt der Librettist Dieter Falk, der zum Beispiel auch die deutschen Texte des Musicalhits König der Löwen verfasst hat, Grundlagenwissen über das Heilige Römische Reich des 16. Jahrhunderts unters Volk. Im Lied "Machtspiel" erklärt der junge Kaiser Karl:

Deutsche Kaiser werden gewählt. Und für jede Stimme, die zählt, wird gezahlt mit Gold und Versprechen. Frankreichs König kam nicht zum Zug und jetzt redet er von Betrug und versucht den Papst zu bestechen.

Dann schießt der Monarch mit seinem iPhone schnell ein Selfie, richtet sich Käppi und Brille. Ein rich kid der Frühen Neuzeit:

Deutsche Fürsten beschützen den Mönch. Der Papst fordert: Ins Feuer mit ihm! Ich werde tun, was mir nützt.

Während sich Luther zu seinem Auftritt vor dem Kaiser zaudert, wird in Rückblenden seine theologische Entwicklung gezeigt. Ein Lied beschäftigt sich mit der Theorie des Ablasses und mit Luthers Kritik daran. Vermutlich wurde ein derartig komplizierter und verstaubter Begriff wie "Gnadenschatz der Kirche" niemals zuvor unter E-Gitarren-Begleitung einem biertrinkenden Konzertpublikum zugemutet. Das ist schon beeindruckend: theologische Schlager mit Streicherbegleitung im Viervierteltakt vor 9.000 Leuten! Das Geschehen taumelt aber auch hin und wieder aus den gleichen Gründen an der Grenze zum Grotesken.

Reformationstag - Was ist heute christlich? Martin Luther wollte vor 500 Jahren sagen, was wahrhaft christlich ist und was nicht. Das schwingt auch heute in vielen Debatten wie in der Flüchtlingspolitik mit. DIE ZEIT hat Autoren und Theologen nach dem Kern ihres Glaubens gefragt.

Eine theologische Nummernrevue

Nach ein paar einführenden Liedern darf dann auch Martin Luther, dargestellt von Frank Winkels, selber lauthals einen Pfeiler seiner Theologie zum Besten geben. Das Wort "Gewissen" fällt nach exakt 27 Minuten zum ersten Mal:

Gott, du gabst mir ein Gewissen. Gott, du gabst mir den Verstand. Was wir glauben, was wir wissen, das liegt alles ganz in deiner Hand.

Im Rahmen klassischer Paar- und Kreuzreime, die von Goethe bis Udo Jürgens die deutsche Lyrik bevölkern, geht es deutlich schlechter. Dem Texter Dieter Falk gelingt es, die abgefahrensten theologischen Gedanken in verständliche Verse zu übersetzen – denen hin und wieder aber doch der Tiefgang fehlt.

Was tut nun dieser gigantistische Chor? Er singt gefällige Choräle, welche das Geschehen kommentieren und noch mal verdeutlichen, wie das mit dem Gewissen oder der Heiligen Schrift gemeint war, falls es jemand zuvor noch nicht mitbekommen hatte. Das klingt beeindruckend, das klingt monumental. Aber aus den Kehlen von 1.400 Sängern klingt alles monumental, sei es "Freude, schöner Götterfunken" oder "Alle meine Entchen". In jeder Stadt rekrutiert sich der Chor aus anderen interessierten Laien. Noten muss man sich selber kaufen, Zeit zum gemeinsamen Proben ist knapp – dementsprechend einstimmig sind die Melodien gehalten. Die Chor-Texte werden für das Publikum zum Mitsingen auf Bildschirmen an der Hallendecke eingeblendet. Und es wird mitgesungen.

Luther ist kein Oratorium und auch kein Musical, es ist eine theologische Nummernrevue. Es ist der große populäre Aufschlag zur Wissensvermittlung im Jubiläumsjahr. Schirmherren des Ganzen gibt es deshalb viele. Unter ihnen sind Margot Käßmann, Eckart von Hirschhausen, Olaf Scholz, Heinrich Bedford-Strohm und Fritz Kuhn. Gestemmt hat das Werk die Stiftung Creative Kirche aus dem Ruhrgebiet gemeinsam mit der EKD.

Dass die EKD am Ende der Vorstellung nicht Unterschriftenlisten an den Saalausgängen bereithält, damit man schnell konvertieren kann, ist eigentlich alles. Denn im Laufe des Abends entwickelt sich Luther schon. Vom Zauderer zum Messias. In der Nacht vor seinem Wormser Verhör besuchen ihn der Apostel Paulus und ein Engel. Sie inspirieren den Mönch zu folgender Erkenntnis: Im Anfang war das Wort! Luther fasst, derart gestärkt, Mut, seine Theologie vor den Autoritäten zu verteidigen, während der Chor den Beginn des Johannesevangeliums dazu mantraartig wiederholt. Luther singt:

Und wünsch ich mir auch Frieden: Es gibt kein Zurück. Tausend Teufel belagern unsre Welt, kämpfen mit Lügen und Geld. Mich hat das Evangelium auf diesen Platz gestellt. Aufgeben wäre Verrat. Hier stehe ich!

So weit ist das alles irgendwie nicht falsch, aber irgendwie auch nicht richtig. Luther verklebt während der zweiten Musicalhälfte in einer tausendstimmigen Apotheose zum Führer der westlichen Welt, zum Vorkämpfer der Aufklärung, zum Schutzpatron des Individuums, zum Ritter des Gewissens, zum Erfinder der intellektuellen Emanzipation von Autoritäten, zum Edelsten aller Sterblichen, der sich aber dabei auch noch im Ton mäßigen kann. "Ich will selber denken!", gut und schön, doch wo bleiben seine Ungerechtigkeit, seine Ungnädigkeit, seine Wut und seine Rebellion? Wo ist seine rasende Angst? Wo sind seine Dämonen, die er allesamt aus der Kirchengeschichte mindestens des Mittealalters in seine vormoderne Wittenberger Blase eingeschleppt hat?

Der Reformator wird als ein ganz und gar moderner Mensch inszeniert, der er nun wirklich weder war noch sein konnte. Der Kurzschluss mit der Moderne ist gewollt und geschickt, weil er das Publikum mitnimmt. Das liegt tatsächlich am Kapuzenpulli. Denn was ist ein Kapuzenpulli?

Er ist das demokratischste Kleidungsstück, er kann von jedem getragen werden. Der Pulli lässt seinen Besitzer gänzlich uneitel erscheinen, auf Äußerlichkeiten kommt es Kapuzenpulliträgern wirklich nicht an. Unterm Kapuzenpulli sind alle gleich. Dennoch umgibt den Träger des Kapuzenpullis immer noch etwas leicht Mysteriöses, Dunkles, Gefährliches, Ghettokidartiges, Subkulturelles. Bei aufgesetzter Kapuze tut der Pulli vor allem eines: Er betont den Kopf. Und dieses demokratisch Kopfbetonte macht den Kapuzenpulli – gemeinsam mit dem leicht Verschlufften, Formlosen, das dem Pulli auch eigen ist – zum protestantischen Kleidungsstück schlechthin.

Der Kapuzenpulli macht Luther modern und anschlussfähig, er macht den Reformator zu einem von uns, und er war insofern der genialste Griff der Musicalmacher. Luther ist aber keiner von uns. Und auch sein "Wir sind alle Gottes Kinder!" hört sich unangenehm zudringlich an, wenn man so en gros damit beschallt wird.Man kann diesen Kapuzenpulli-Luther mögen – aber es wird eben ein Kapuzenpulli-Luther bleiben.