Es geht nicht unbedingt darum, etwas zu erfinden. Literatur kann auch entstehen, wenn sich die realen Ereignisse verdichten, wenn das, was wirklich geschehen ist, durchsichtig wird. Natascha Wodin ist eine Schriftstellerin, die sich schon immer gerne jenseits der Fiktion aufgehalten hat. Auch ihr neuestes Buch Sie kam aus Mariupol nimmt ihre Familiengeschichte in den Blick, aber sie wählt dabei eine andere Perspektive und greift noch viel weiter aus, als sie es schon in ihrem bewegenden, die eigenen psychischen Dispositionen schonungslos auslotenden Debüt Die gläserne Stadt von 1984 getan hat. Fest stand immer nur, dass die Autorin 1945 als Tochter von Displaced Persons geboren worden ist, von ort- und staatenlosen Eltern. Sie stammten aus der Sowjetunion, landeten während des Krieges als Zwangsarbeiter in Deutschland und fanden sich danach desorientiert in der Provinz zwischen Nürnberg und Fürth wieder.

Erst in ihrem neuen Buch beschäftigt sich Natascha Wodin jetzt ausführlicher mit ihrer Mutter. Sie wusste von ihr lange Zeit nicht viel mehr, als dass sie aus dem östlich entlegenen Mariupol gekommen war, einen tendenziell gewalttätigen Mann hatte und sich Mitte der fünfziger Jahre im Alter von 36 Jahren im beschaulichen fränkischen Flüsschen Regnitz umbrachte. Die Tochter war zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt. Erst viel später beschrieb sie ihre weitere Sozialisation im russenfeindlichen Nachkriegsdeutschland, in Kinderheimen und in der Obdachlosigkeit, die Autorin schien lange Zeit weder Vergangenheit noch Zukunft zu haben und wurde darüber zur Schriftstellerin. Wo aber lagen ihre Wurzeln?

An dem Wort "Mariupol" klebte immer das sowjetische Verhängnis der todtraurigen Mutter. Wenn die Erzählerin früher an Mariupol dachte, stellte sie sich graue, schemenhaft geduckte Menschen vor schneebedecktem Hintergrund vor, in sibirischer Kälte. Als sie jetzt anfängt, im Internet über die Heimat ihrer Mutter zu recherchieren, findet sie heraus, dass dieser Ort am Asowschen Meer ein nahezu mediterranes Klima hat und in der Zarenzeit hauptsächlich von Griechen bewohnt war. Das sind erste Irritationen auf dem Weg zu einem Herkommen, das immer unwichtig und diffus gewesen ist, zu sehr hatten die Kalamitäten in der Kindheit, die stigmatisierten Behausungen der sozial Deklassierten im Vordergrund gestanden.

Natascha Wodin beschreibt in ihrem Buch, wie sie lange Zeit vergeblich versucht, nähere Informationen über ihre im Gedächtnis versunkene Mutter zu bekommen. Sie ist schon kurz davor, aufzugeben, als sie über ein russischsprachiges Forum doch noch einmal eine Suchanfrage startet und tatsächlich eine Antwort erhält. Ein Internetfreak namens Konstantin betreut eine Website, die die griechischstämmige Bevölkerung am Asowschen Meer erforscht, und unterstützt die Autorin bei ihrer Suche. Stück für Stück wird nun die familiäre Herkunft der Mutter ins Licht gerückt, und was sich da an Unvorhergesehenem und Überrumpelndem enthüllt, ist wie bei einem Krimi aufgebaut: Die Spannung steigt mit jedem einzelnen Detail, und der Zufall generiert eine spektakuläre Breitwandstory.

Natascha Wodin schreibt scheinbar kühl, lässt die Dokumente und ihre Recherche sprechen, doch man merkt, wie es untergründig vibriert. Der umtriebige Konstantin hat sich Zugang zu diversen Amts- und Kirchenregistern verschafft, und der Name der Mutter Natascha Wodins, Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko, findet sich tatsächlich unter dem Geburtsjahrgang 1920 in einem entlegenen Verzeichnis, das wegen eines relativ bekannten griechischstämmigen Philosophen aus der Verwandtschaft ihrer Großvater-Generation existiert. Es ist wie ein Schlag, den die Ich-Erzählerin benommen und ungläubig registriert: Sie stammt mütterlicherseits aus einer aristokratischen Familie! Ihre Vorfahren haben eines der luxuriösesten Anwesen in Mariupol bewohnt und verkörperten eine Alltagskultur, die fremd und exotisch aus nach und nach ans Licht beförderten fahlen und graustichigen Fotografien durchscheint. Irgendwann taucht ein Familienfoto mit Zimmerpalme auf, auf dem vor allem die Großtante Jelena hervorsticht, eine elegante Frau mit Brokatkleid und Stuartkragen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Berichtet wird in einzelnen Schüben. Die Ich-Erzählerin hat sich an den ruhigen norddeutschen Schaalsee zurückgezogen, die stille Natur hinter großen Fensterscheiben kontrastiert mit den grellen, kaleidoskopartig einfallenden Historienbildern. Das schafft flirrende Effekte, wie auf einer Zeitschaukel. Und auf dem Bildschirm flimmern immer wieder neue Materialien auf, die der ferne Konstantin zutage fördert. Die Autorin gerät taumelnd in eine Vorgeschichte, die überhaupt nichts mit ihrer Kindheit in einer ghettoartigen Armensiedlung in Franken zu tun hat – mit dem hemdsärmeligen, nicht Deutsch sprechenden Vater, der in diesem Buch fast gar keine Rolle spielt und auch keinen Namen trägt, und der Mutter mit dem nach innen gerichteten, verschatteten Blick, der sich allem entzieht.

Die Bruchstücke, die die Autorin aus ihren spärlichen Erinnerungen an ihre ersten zehn Lebensjahre hervorkramt, bekommen plötzlich Konturen. Der ominöse Bruder der Mutter, Sergej: ein Rotarmist, der an der Front Opernarien sang. Ihre gemeinsame Schwester Lidia: in ein stalinistisches Straflager verbannt, nach dem Kriegsende überwinterte sie fünf Jahre in Kasachstan. Die Zeitläufte kappten nicht nur die Verbindungen zwischen den Generationen, sondern isolierten auch die Geschwister. Mit der Hilfe des Genealogie-Experten Konstantin stößt Natascha Wodin nun, mitten in den leeren Weiten der ehemaligen Sowjetunion, auf ihre Verwandten. Es sind zum Teil deprimierende, zu einem kleineren Teil aber auch anrührende Geschichten. Einen alten, kranken Cousin kann sie endlich in ihr Herz schließen und ein zartes Familiengefühl entwickeln.