Vielleicht ist Niko Paech nun dort angekommen, wo er aus Sicht seiner Gegner schon immer hingehört hat: an einer Waldorfschule. In der kleinen Cafeteria, in der es noch nach Kartoffelsuppe riecht, hängt von der Decke ein großes, grünes Stoffkrokodil, aus dessen Maul die Wattefüllung quillt. Nebenan befindet sich der Festsaal der Schule, eine ehemalige Turnhalle. Vor allem ältere Herren mit ergrauten Haaren haben hier Platz genommen. Einige von ihnen knabbern an mitgebrachten Käsestullen.

Das also ist die neue Bühne von Deutschlands berühmtestem und radikalstem Wachstumskritiker. Im Oktober vergangenen Jahres hat er die Universität Oldenburg unter noch immer ungeklärten Umständen verlassen. Er selbst sagt, er sei "vom Campus geprügelt" worden, und sieht sich als Opfer eines Machtkampfes zwischen klassischen und alternativen Ökonomen, der seit der Finanzkrise verstärkt an deutschen Hochschulen tobe.

Umstritten war Niko Paech schon immer. Für die einen, die sich nach einer Alternative zum Immer-mehr-Kapitalismus sehnen, ist er eine Ikone, weil er vordenkt, wie eine Welt ohne Wirtschaftswachstum funktionieren könnte: mit Menschen, die nur 20 Stunden in der Woche arbeiten, die weniger konsumieren, ihre Lebensmittel selbst anbauen und kaum noch reisen. Er lebt seine Vision so gut es geht vor, hat kein Auto, fliegt nicht, isst vegetarisch. Der blaue Wollpulli, den er an diesem Tag im Januar trägt, ist 15 Jahre alt, das verblichene Hemd darunter noch älter.

Für viele klassische Ökonomen ist Paech dagegen ein Spinner. Einer, der sich mit seiner Radikalität in den Medien Gehör verschafft hat, dessen Vorstellungen sie aber für unrealistisch halten und dessen Methoden wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen. Ein verkappter Aktivist, der den Leuten vorschreiben will, wie sie zu leben haben.

Er trat an, die Ökonomie aufzumischen. Nun ist er zurück in der Nische

Dass Paech sein Kolloquium zur Postwachstumsökonomie nun an der freien Waldorfschule Oldenburg veranstaltet und es mit Flyern bewirbt, ist dem Zufall geschuldet: Der Bruder seiner Lebensgefährtin ist hier Lehrer. Es erscheint aber auch wie ein Signal: Paech, der die öffentliche Debatte der vergangenen Jahre mit geprägt hat, der antrat, die neoklassische, stark mathematisierte, manchmal auch etwas weltfremde Volkswirtschaftslehre aufzumischen, ist zurück in der Nische. An einem Ort, den viele noch immer mit esoterischem Hokuspokus verbinden. Er reist zwar weiter durchs Land, hält Vorträge und schreibt Aufsätze, aber seine Stelle an der Universität hat er verloren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Wie konnte das passieren? Und was erzählt es über den Zustand der Wirtschaftswissenschaften, die sich nach der Finanzkrise doch vorgenommen hatten, offener und vielstimmiger zu werden? "Das ganze intellektuelle Gedankengebäude ist mit der Krise in sich zusammengestürzt", sagte damals, 2008, der ehemalige Präsident der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan. Ökonomiestudenten auf der ganzen Welt gingen auf die Barrikaden und forderten eine Neuorientierung.

Fast zehn Jahre später spricht Paech von einem "Rollback", die "dogmatischen Ökonomen", wie er sie nennt, seien wieder auf dem Vormarsch. Er ist ein ruhiger, freundlicher, umgänglicher Typ. Aber bei diesem Thema klingen seine Worte fast kriegerisch. Man habe ihn "gekillt", sagt er.

Diese, seine Lesart – Paech als Opfer neoklassischer Mainstream-Ökonomen, die an die Selbstheilungskräfte der Märkte glauben und alle anderen Denkansätze bekämpfen – teilen nicht alle, die sich mit dem Fall befasst haben. Tatsächlich ist die Geschichte seines Abgangs komplizierter und recht verworren. Man könnte sie deshalb leicht als wissenschaftliches Gerangel an einer Provinz-Uni abtun. Aber vielleicht zeigt sich gerade hier, im universitären Kleinklein, ein grundsätzliches Problem.

Wer einen radikal anderen Ansatz verfolgt, dem kann das noch immer schnell zum Verhängnis werden

Ob die Ökonomie sich nach der Finanzkrise geöffnet oder weiter abgeschottet hat, ist umstritten (siehe Kasten). Eine Untersuchung des Forschungsinstituts für gesellschaftliche Weiterentwicklung aber kam zu dem Ergebnis, dass nur drei bis vier Prozent aller Ökonomiedozenten in Deutschland einen Ansatz vertreten, der radikal vom neoklassischen Mainstream abweicht. Paech war einer davon. Einer mit Einfluss. Auf der Liste der weltweiten "Thought Leaders" – jener Liste einflussreicher Köpfe, die das Gottlieb Duttweiler Institut zusammenstellt, ein Schweizer Thinktank – landete er 2015 auf Platz 18. Vor etablierten Ökonomen wie Axel Ockenfels, Hans-Werner Sinn oder Thomas Straubhaar. Wollte die Universität Oldenburg so einen wirklich loswerden?

2014 bewirbt sich Paech am Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik auf die Stelle, die er bereits sechs Jahre vertretungsweise innehatte: die Professur für Produktion und Logistik. Die Berufungskommission wählt ihn auf den zweiten Listenplatz. Und weil es so aussieht, als ob der Erstplatzierte gar nicht mehr will, stehen die Chancen für Paech gut. Wissenschaftler, die in der Berufungskommission saßen, sagen: Er hätte die Stelle wahrscheinlich bekommen.

Dann aber interveniert die Universitätsleitung. Die damalige Interimspräsidentin, die sich heute nicht mehr zu dem Fall äußern will, stellt Paechs Eignung infrage, unter anderem weil er zu wenig in internationalen Zeitschriften publiziert habe. Ein ungewöhnlicher Vorgang, normalerweise entscheidet darüber die Berufungskommission. Außerdem beklagt sie, dass der Kommission "formale Fehler" unterlaufen seien und das Verfahren deshalb abgebrochen werden müsse. Begründung: Ein weibliches Kommissionsmitglied habe sich von einem Mann vertreten lassen. Dadurch sei die Frauenquote nicht mehr erfüllt gewesen. Zuvor war es allerdings gelebte Praxis an der Universität, dass sich in Berufungskommissionen weibliche durch männliche Kollegen vertreten ließen.

Die Ausschreibung wird so verändert, dass Paech keine Chance mehr hat

Nun aber wird die Stelle neu ausgeschrieben. Allerdings verändert sich der Ausschreibungstext. Und zwar so, dass Paech keine Chance mehr hat. Hieß es ursprünglich, es werde eine Persönlichkeit gesucht, die "einschlägige nationale und internationale wissenschaftliche Publikationen" vorweisen kann, ist nun nur noch von "international sichtbaren Publikationen" die Rede, von denen Paech nur wenige zu bieten hat. Zudem werden plötzlich "hervorragende empirische Methodenkenntnisse" gefordert. Paech aber ist vor allem Theoretiker.

Um zu verstehen, was für eine Art von Ökonom Paech ist, lohnt sich der Abend an der Waldorfschule. Für das Kolloquium hat Paech einen Gastredner eingeladen, einen Politologen, der von seinen Erfahrungen in einer Kommune in Kassel berichtet, die sich Villa Locomuna nennt und die er mit gegründet hat. Er erzählt von seiner "persönlichen Entrümpelung" während eines 2.500 Kilometer langen Fußmarsches nach Spanien und von den drei Waschmaschinen, die sich die 60 Erwachsenen und 20 Kinder in der Kommune teilen. Die Zuhörer haben viele Fragen. Paech moderiert. Er ist dabei keine Spur überheblich, der wissenschaftliche Elfenbeinturm ist ihm fremd. Kommunen, Repair-Cafés, autonome Höfe, all diese kleinen Initiativen, die sich so leicht belächeln lassen – Paech nimmt sie ernst und verleiht ihnen mit seiner Forschung einen theoretischen Überbau, der sie aus der Nische ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatte holt.

Geflogen ist Paech nur einmal: 1993, zu seinem Doktorvater nach Washington. Ansonsten versucht er, "kerosinfreie Wissenschaft" zu betreiben, jettet also nicht auf internationale Konferenzen, auf denen karrierefördernde Netzwerke geknüpft werden. Dass seine Aufsätze zum größten Teil auf Deutsch verfasst sind, hat zudem mit der Ausrichtung der internationalen Fachzeitschriften zu tun. Mit einer grundsätzlichen Kritik am vorherrschenden Wirtschaftssystem, wie sie Paech formuliert, habe man kaum eine Chance, in ihnen gedruckt zu werden, sagt Thomas Breisig, der Sprecher des Instituts für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik an der Universität Oldenburg. Zudem würde häufig ein "Methodenfeuerwerk" erwartet. Man könnte auch sagen: möglichst viele Formeln. Paech, der mal in Spieltheorie promoviert hat, sei zwar ein "brillanter Mathematiker", habe aber beschlossen, dass komplizierte Gleichungen für seine Wachstumskritik völlig unerheblich seien. Wer so eine Entscheidung trifft, wird in der Welt der Ökonomen zum absoluten Außenseiter.

Der heutige Universitätspräsident Hans Michael Piper bestreitet, dass man Paech loswerden wollte. Das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur habe gegenüber der Landesrektorenkonferenz noch einmal unterstrichen, dass die vorgeschriebene Frauenquote einzuhalten sei. Ein Abbruch des Berufungsverfahrens sei daher unvermeidlich gewesen. Das Ministerium antwortet auf Nachfrage ausweichend: Man habe der Universität Oldenburg "im Nachgang" bestätigt, dass der Abbruch des Verfahrens zu Recht erfolgt sei.

Spätestens bei der Neuausschreibung der Stelle aber geht es dann nicht um formale Vorgaben, sondern um einen ökonomischen Machtkampf. Seit Jahren gibt es an dem Institut, an dem Paech gearbeitet hat, zwei Lager: das der Nachhaltigkeitsforscher und das der eher klassischen Ökonomen. Zwischen der ursprünglichen und der erneuten Ausschreibung verschieben sich nun die Kräfteverhältnisse. Jüngere Wirtschaftswissenschaftler rücken nach, denen die klassische Ökonomie zu kurz kommt. Sie drängen darauf, die Ausschreibung zu ändern. Damit ist Paech ohne Chance.

Er wirkt deshalb nicht verbittert. Sagt, er habe immer damit gerechnet, "als hartnäckiger Wachstumskritiker irgendwann auf die Fresse zu bekommen". Das Signal, das von seinem Abgang ausgeht, dürfte jüngeren Ökonomen dennoch zu denken geben: Wer einen radikal anderen Ansatz verfolgt, auf Mathematik verzichtet und deshalb nicht in bestimmten Fachzeitschriften publiziert, dem kann das noch immer schnell zum Verhängnis werden.