Wer die Welt heute ganz schön retro findet, dem sei versichert: Das Weltall ist es auch. Zu beidem leistet Donald Trump seinen Beitrag. Der US-Präsident, der einen raketenförmigen Tower einem eher hangarhaften Weißen Haus vorzieht, könnte uns ein baldiges Remake von Apollo 8 bescheren. (Fußnote für die Jüngeren: Das war der erste Raumflug, bei dem Menschen den Mond umrundet haben. Er liegt fast fünfzig Jahre zurück.)

Mitte Februar erhielten die Mitarbeiter der Raumfahrtbehörde Nasa eine bemerkenswerte Rundmail. Verschickt hatte sie der geschäftsführende Nasa-Direktor Robert Lightfoot. Darin war die Rede von einer internen Machbarkeitsstudie. Es ging um die neue Riesenrakete SLS (kurz für Space Launch System) und um eine eher ungewöhnliche Frage: ob denn beim Jungfernflug der SLS nicht Astronauten an Bord sein könnten.

Die SLS ist das raketigste, was Raketenbauer derzeit zu bieten haben. Deutungsfreudige mögen in ihr ein Phallussymbol erkennen, ein vertikaler Superlativ ist sie auf jeden Fall.

Die SLS ist ein Biest. Orange-weiß lackierte hundert Meter hoch, 2.500 Tonnen schwer. Sie soll mehr Schub entwickeln als 30 Jumbojets zusammen und noch rund ein Zehntel stärker sein als die legendäre Saturn V aus der Apollo-Ära. Dazu wird alleine ihre Hauptstufe mit mehr als 2,7 Millionen Litern flüssigen Wasserstoffs und Sauerstoffs betankt – eine brachiale Menge Energie, die von filigranster Technik gezähmt wird. Deswegen sollte sie zunächst auch unbemannt abheben, im kommenden Jahr, mit einem ebenfalls jungfräulichen Orion-Raumschiff an ihrer Spitze, in dessen Sitzen Dummys voller Sensoren festgeschnallt worden wären – ein Testflug.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Das war der Plan. Dann kam Trump.

Aus dessen Übergangsteam stammt die Frage nach einem bemannten Erstflug. Wozu die Eile? Bislang war als frühester Termin für einen Start mit Crew das Jahr 2021 anvisiert worden, während der Jungfernflug für 2018 geplant war. Mit einem neuen Plan würde sich dieser wegen des größeren Aufwands für eine Besatzung (Sicherheit, Lebenserhaltungssysteme) wohl auf 2019 oder 2020 verschieben. Das wäre allerdings vor der nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahl im Herbst 2020. Great again! Zum ersten Mal seit dem Ende des Apollo-Programms in den frühen siebziger Jahren würden dann US-Astronauten um den Mond kreisen. Ihre Mission ergäbe für jeden Amtsinhaber ein hübsches Fotomotiv.

Gleichzeitig ließe sie sich als Signal an die Welt inszenieren, denn auch viele andere haben Pläne für den Mond. Noch im laufenden Jahr will China dort erstmals Bodenproben entnehmen und zur Erde bringen. 2018 soll ein chinesischer Rover auf der Mondrückseite landen. Im selben Jahr will Indien seinen ersten Mondroboter schicken. Und Japan plant gleich drei Missionen um das Jahr 2020 herum. Dazu kommen Europäer und Russen, die nicht müde werden, über bemannte Missionen zu spekulieren.

Was hieße da eigentlich "America first"? Ja wohl allen zu zeigen, wer im All am meisten draufhat ...

Die Nasa bringt das Begehren ganz schön in die Bredouille. Missionen mit neuen Raumfahrzeugen, zumal mit bemannten, haben einen Vorlauf von vielen Jahren. Die Vorsitzende des unabhängigen Sicherheitsgremiums der Nasa, Patricia Sanders, gab zu Protokoll, man wolle dem Ergebnis der Studie zwar nicht vorgreifen. Aber man empfehle dringend, dass die Nasa "behutsam und zurückhaltend" den Wert einer vorgezogenen bemannten Mission abwiege. Das klingt wie die diplomatische Warnung vor einem Himmelfahrtskommando.

Einfach Nein zu sagen war aber offenbar auch keine Option.

Zumal die Nasa selbst in der Schwebe hängt. Nach dem Wahltag hatte die Entourage des Siegers die Weltraumbehörde infrage gestellt. Die Erkundung der Erde per Satellit – ein wichtiges Instrument für Umweltforscher und Klimakundler – solle man ihr wegnehmen. Solche Aktivitäten gehörten doch gar nicht zu ihrem Auftrag. Den hatte Donald Trump dann in seiner Vereidigungsansprache mit "die Mysterien des Alls erschließen" umschrieben. Das klingt zwar hübsch nach Raumschiff Enterprise, aber es lässt sich nach Belieben interpretieren. Und bis heute wartet die 17 000-Mann-Behörde mit dem 19-Milliarden-Dollar-Budget auf einen dauerhaften Ersatz für Übergangsdirektor Lightfoot. (Nasa-Chef Charles Bolden, ein vormaliger General der Marineinfanterie und Astronaut, hatte einen Tag vor der Vereidigung Trumps sein Amt niedergelegt.)