So klingen Eroberer, aber keine Staatsgäste. "Wenn sie mich nicht durch die Tür lassen, werde ich die ganze Welt aufwiegeln. Wenn ich will, komme ich." Sagt Tayyip Erdoğan, Präsident der türkischen Republik, über seine Reisepläne nach Deutschland und wirft der Bundesregierung "Nazi-Methoden" vor. Seine Regierung sperrt Journalisten weg, unterdrückt Versammlungen und die freie Meinungsäußerung. Aber genau die beansprucht er für sich, in Deutschland. "Geht’s noch?", finden viele hierzulande und erwarten eine angemessen harte Reaktion aus Berlin.

Doch je lauter die Türken werden, desto leiser treten die Deutschen auf. Die handelnden Personen in der deutschen Türkei-Politik sitzen derzeit in den Rathäusern von Gaggenau, Frechen oder Hamburg-Wilhelmsburg, wo türkische Politiker nicht auftreten konnten. Wenn die Türken "Nazis" sagen, antworten die deutschen Bürgermeister: "Parkplätze" oder "Feuerlöscher". Doch kann fehlender Brandschutz deutliche, harte Worte der Kanzlerin ersetzen? Die gängige Antwort auf diese Frage lautet: Die Bundesregierung hat sich mit dem EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen von dem "Despoten" abhängig gemacht, und wenn sie ihn reizt, dann schickt er die Flüchtlinge übers Meer Richtung Europa. Und das im Superwahljahr 2017.

Stimmt das? Sind wir so erpressbar? Und wenn ja, womit?

Mit dem Flüchtlingsabkommen jedenfalls nicht so sehr, wie es den Anschein haben mag. Was hat Erdoğan nicht schon gewütet und gedroht: Das Flüchtlingsabkommen würde er kündigen und Europa mit Flüchtlingen überschwemmen. Getan hat er bisher: nichts. Und dafür hat er einen guten Grund. Denn sowohl die Bundesregierung als auch die Regierung in Ankara wissen, dass 2017 nicht 2015 ist und dass sich die Flüchtlingskrise nicht mal eben neu auflegen lässt. Viel hat sich in der Zwischenzeit getan. Das Flüchtlingsabkommen mit Ankara ist nur ein Teil der Schranken, mit denen sich die EU gegen einen neuen Marsch schützt. Die Grenzen in Südosteuropa sind heute viel schwerer zu überwinden als 2015. Die Balkanroute ist nicht zu, aber sie würde sich sofort schließen, wenn es einen Massenandrang gäbe. Dann könnte sich ein Desaster wie im nordgriechischen Grenzort Idomeni wiederholen, aber viel mehr nicht. Die Türkei hat mittlerweile selbst eine Mauer gegen syrische Flüchtlinge gebaut, über die man in Europa gar nicht so unglücklich ist. Berlin hält sich formal wieder an das Dublin-Abkommen, nach dem es jeden Asylbewerber zurückschicken kann, der aus einem sicheren Drittland kommt. Für Erdoğan hingegen hat das Abkommen einen großen Vorteil: Er bekommt Geld für Flüchtlingsprojekte, das den knappen türkischen Haushalt entlastet.

Es gibt allerdings Themen, die Ankara eher als Hebel benutzen könnte. Etwa die Türkeistämmigen in Deutschland. Die Bundesregierung sorgt sich über mögliche Konflikte zwischen Erdoğan-Anhängern und -Gegnern, wütende Demonstrationen und Gegendemonstrationen von Türkeistämmigen, deren Freunde oder Familienmitglieder in der Türkei unter Repressionen leiden. Was würde es für das Zusammenleben in Deutschland bedeuten, wenn die Ablehnung des Präsidenten nur als eine weitere Ablehnung von ihnen, seinen Anhängern, und als eine weitere Demütigung am Ende einer Reihe von Demütigungen empfunden wird? Was, wenn der eine oder andere Fan die teilweise sehr martialische Rhetorik des Präsidenten oder seiner Regierungsmitglieder allzu wörtlich nimmt und überall nur noch Feinde sieht? Dann jedenfalls werden fehlende Parkplätze oder Rauchmelder nicht mehr als Lösung herhalten können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Die Mehrheit der Türkeistämmigen ist konservativ, fromm und nationalistisch eingestellt. Besonders Angela Merkel hat lange mit der Türkei und den Türkeistämmigen gefremdelt und nicht den richtigen Ton gefunden, diese Menschen anzusprechen. Die Säkularen muss sie weniger überzeugen. Für Merkel waren sie einfach kein Thema, für Erdoğan aber von Anfang an. Er gab vor allem den Frommen die Würde zurück, hier wie drüben, zumindest empfinden sie es so. Er steht aufrecht, gegen den Rest der Welt, der keine starke Türkei will, während man in Almanya der ewig rückständige Türke ist. Und auch jetzt ist hier und dort die Angst in Zwischentönen zu hören: Was, wenn Erdoğan die Leute auf die Straße schickt? So als wären "sie" barbarische Horden. Der Orientale ohne Impulskontrolle. Und der "Reis" (Oberhaupt, wie Tayyip Erdoğan auch genannt wird) ist einer von ihnen, der schlimmste. Er redet wie sie, ist in Armut aufgewachsen wie sie, hat sich ganz nach oben gekämpft, gegen die alten Eliten, und ihnen etwas von seinem Erfolg abgegeben. Das ist die Heldenstory, die trotz 1.000-Zimmer-Palast in Ankara immer noch funktioniert.

Die Bundeskanzlerin kann das kaum aufholen. Es war bittere Ironie, dass Merkel die Türkeistämmigen erstmals als "ihre Bundeskanzlerin" ansprach, als es um die deutsch-türkische Katastrophe ging: die Morde des rechtsextremistischen NSU. Sie teilte den Schmerz der Angehörigen der Opfer; die meisten von ihnen waren türkischstämmig. Sie bat um Verzeihung, versprach Aufklärung und verlangte Respekt für die türkischen Migranten. Nach der Sarrazin-Debatte, bei der sie zwischen "Multikulti ist gescheitert" und "das Buch ist nicht hilfreich" mäanderte (der ehemalige Berliner Finanzsenator und Sozialdemokrat Thilo Sarrazin hatte 2010 das umstrittene Buch Deutschland schafft sich ab geschrieben), hatte Merkel eine Form gefunden, wenn auch im Moment der Tragödie. Mittlerweile jedoch misstrauen vor allem viele Erdoğan-Anhänger dem Aufklärungsversprechen, dafür sorgen türkische Politiker schon. Aber mittlerweile kennt die Bundeskanzlerin ihre Deutschtürken auch so gut, dass ihr klar sein dürfte: Je härter sie gegen den Reis koffert, desto stärker werden sich seine Anhänger ihm zu- und von Deutschland abwenden.