Wenn man Marion Held in ihrem Haus auf einem Hang der erzgebirgischen Kleinstadt Aue besucht, dann ist es wahrscheinlich, dass einem zuerst der "Asylant" begegnet, so jedenfalls nennt ihn Marion Held. Der "Asylant" hört eigentlich auf den Namen Momo und ist ein schwarzer Kater. "Er ist mir vor sechs Jahren einfach zugelaufen", sagt Held. Sie hat ihn aufgenommen aus Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Die Sache ist nur, dass Marion Held nicht immer hilfsbereit und freundlich sein möchte. Sie kann auch richtig zornig werden und den politischen Widerstand proben. Die 71-Jährige ist schon strammen Rechten hinterhergelaufen, als die im Erzgebirge Sternmärsche anführten. Sie hat dem Bürgermeister ihrer Stadt wutschnaubend erklärt, dass sie sich in ihrem Land vorkomme wie auf einem "orientalischen Basar". Sie läuft auch regelmäßig den Auer Postplatz ab und fotografiert dort als eine Art Eine-Frau-Bürgerwehr junge Flüchtlinge. "Ich kontrolliere die Jugendlichen", sagt Marion Held, "damit die sich richtig benehmen." Diese jungen Leute, davon ist sie überzeugt, handelten nämlich mit Drogen und belästigten Mädchen.

Vor einigen Wochen schließlich ist Marion Held ins Bürgerbüro der AfD gegangen und hat ihre Unterstützung angeboten. Sie werde der Partei viel nützen, sagt sie, "denn in Aue kenne ich sehr, sehr viele Leute".

Es wird oft über die wütenden ostdeutschen Männer gesprochen, ganz so, als sei Wut ein reines Männerphänomen. Als gäbe es ausschließlich die "zornigen weißen Männer", von denen oft die Rede ist. Dabei spielen Frauen im Milieu der Rechtspopulisten dieses Landes eine zentrale Rolle, insbesondere in den neuen Bundesländern. Doch nur selten geraten diese zornigen Frauen auf eine Weise in den Blick der Öffentlichkeit wie bei jenem Auftritt Angela Merkels im sächsischen Heidenau, den Fernsehübertragungen als Symbol der Wut ins ganze Land sendeten. Die wüsteste Beschimpfung an diesem August-Tag im Jahr 2015 erfuhr die Kanzlerin durch eine Frau, die sie kreischend als "Du dumme Fotze!" beschimpfte.

Es sind auch häufig Frauen aus den neuen Bundesländern, die im öffentlichen und politischen Raum den Zorn in rechtsautoritären Bewegungen organisieren. Kathrin Oertel aus der Dresdner Gegend war in den Anfangszeiten das Gesicht von Pegida. Die Bundesvorsitzende der AfD, Frauke Petry, ist eine Leipzigerin. Selbst die rechte Rebellion des Ostens innerhalb der CDU wird maßgeblich von Vera Lengsfeld betrieben, einer ehemaligen Bürgerrechtlerin aus dem Osten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Nun sind die zornigen Frauen kein reines Ost-Phänomen. Die Themen der rechten Autoritären sprechen Frauen in ganz Deutschland und ganz Europa an. Das legen Studien der Universität Bielefeld nahe, die auf Befragungen von Tausenden Menschen aus mehreren europäischen Staaten basieren. Sie ergeben, dass Frauen rechtspopulistischen Aussagen sogar häufiger zustimmen als Männer und dass sie tendenziell islamfeindlicher und sexistischer denken. Das passt zur jüngsten Präsidentenwahl in Amerika. Dort stimmten mehr als 50 Prozent der weißen Wählerinnen für Donald Trump, trotz seiner sexistischen Einlassungen. "All das Reden über die wütenden weißen Männer hat uns übersehen lassen, dass diese Männer mit wütenden weißen Frauen verheiratet sind", schrieb die New York Times.

Die Frage ist, was Frauen empfänglich macht für die Angebote der Rechtsautoritären.

Bei Männern in der sogenannten Provinz gilt als ein Grund für ihre Unterstützung autoritärer Parteien, dass sie für sich keine Perspektive und keine Teilhabemöglichkeiten sehen. Doch zu Hause bei Marion Held, der Frau aus Aue, stellt sich auf keinen Fall das Gefühl ein, eine sogenannte Abgehängte dieser Gesellschaft zu besuchen. Marion Held ist mittendrin. Sie engagiert sich in sechs Vereinen, organisiert alle zwei Wochen ehrenamtlich Wanderungen für eine Gruppe von gut 50 Rentnern. Sie besucht Stadtratssitzungen, wenn dort Themen verhandelt werden, die sie interessieren. Sie spendet an einen christlichen Hilfsverein. Kurzum: Sie ist eine Bürgerin wie erdacht für eine lebendige Demokratie. Eigentlich. Die Flüchtlingspolitik Angela Merkels macht sie nämlich so rasend, dass sie das ganze politische System Deutschlands in Zweifel zieht. Diese Politik ist in ihren Augen das Schlimmste, was dem Land widerfahren konnte.