Du bist jetzt die Galionsfigur der raffgierigen Reeder, hatten die Berater gesagt. Find’ dich damit ab. Doch wer Bernd Kortüm an diesem Morgen reden hört, über so vieles, mit dem er nicht zitiert werden will, aber auch darüber, wie er die Welt umsegelt und sein Unternehmen aufgebaut hat, dem fällt es schwer, zu glauben, dass "sich mit etwas abfinden" zu seinen Strategien zählt. Erst recht nicht, wenn er sich an den Pranger gestellt fühlt.

Aber was soll man denken, wenn da einer ist, dem eine Staatsbank mehr als eine halbe Milliarde Euro Schulden erlässt, genauer: seiner Reederei? Und wenn dieser Mann sich wenig später für mehrere Millionen Euro eine private Segeljacht kauft mit den Worten: "Das war ein absolutes Schnäppchen"?

Dieser Satz hat Bernd Kortüm zum Symbol gemacht. Für eine Branche, die jede Bodenhaftung verloren hat. Die es sich in einer ihrer schlimmsten Krisen verdammt gut gehen lässt, in schicken Villen, beim "Golfen gegen die Krise" oder auf Partys auf der MS Europa vor Sylt. Als der "Fall Kortüm" vergangenen November die Zeitungen füllte, hieß es unter den Reedern: Abwarten, die Sache beruhigt sich schon wieder.

Nur: Sie beruhigt sich nicht.

Bernd Kortüm ist ja nicht der Einzige. Seine Bank, die HSH Nordbank, hat zahlreiche Kunden wie ihn. Sie war einst der größte Schiffsfinanzierer der Welt und gab Milliardenkredite für eine riesige deutsche Containerflotte, die heute keiner mehr braucht. Als Sicherheit: Schiffe, die nur noch den Schrottwert einbringen.

Entwicklung der deutschen Handelsflotte*

Quelle: BSH, IHS; *Handelsschiffe und Passagierschiffe, die in das deutsche Schiffsregister eingetragen sind © ZEIT-Grafik

In den vergangenen Jahren hat der Bund so ziemlich jede Forderung der Reeder erfüllt

Binnen eines Jahres muss die marode Schiffsbank nun verkauft oder abgewickelt werden. Und egal, wie es ausgeht, die beiden Länder, also ihre Steuerzahler, werden dabei Milliarden verlieren. Schon jetzt sind nach einer aktuellen Berechnung des Ökonomen Martin Hellwig mehr als neun Milliarden Euro Staatsgeld in die Bank geflossen. Über 16 Milliarden könnten es insgesamt werden. Optimistisch geschätzt. Das ist mehr, als Hamburg in diesem Jahr für seine Bürger ausgeben wird, für Polizei, Kindergärten, Sozialhilfe, Büchereien, Schwimmbäder, Hochschulen oder Gerichte.

Die beliebtesten Flaggen der deutschen Flotte

Quelle: BSH, IHS © ZEIT-Grafik

Gleichzeitig hat die Bundesregierung eine Art Reeder-Rettungsprogramm beschlossen. So würde es in Berlin niemand nennen, es heißt Maritime Agenda und sieht unter anderem vor, dass deutsche Reeder keine Lohnsteuer mehr für ihre Seeleute zahlen müssen. Sie dürfen das Geld einfach für sich behalten. Zählt man bereits existierende Vergünstigungen hinzu, kommt schnell ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag zusammen. Jedes Jahr. Und die Reeder kaufen sich womöglich die nächste Jacht. Ist Wut da nicht berechtigt? Wie kann sich eine Branche, die so viel Staatsgeld verschlingt, so ignorant zeigen?

Vielleicht misst man die Reeder am besten an dem Bild, das sie selbst gern von sich zeichnen: dem der ehrbaren hanseatischen Kaufleute. Die würden wohl eine einfache Rechnung aufmachen: Was bekommt die Branche, und was gibt sie dafür zurück?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Die Antwort auf diese Frage könnte ein Besuch am Nikolaifleet bringen. Von dort aus entwickelte sich vor über 800 Jahren der heutige Hamburger Hafen. Zahlreiche Reedereien haben in der Gegend ihren Sitz, auch die von Bernd Kortüm. Eine der traditionsreichsten heißt F. Laeisz und wird von Nikolaus Schües geleitet. Er zählt zu den wenigen Reedern, die überhaupt über das Thema sprechen wollen. Schües lädt in das über hundert Jahre alte prächtige Kontorhaus seiner Reederei, gusseiserne Säulen stützen die Galerie. Skulpturen eines Werftarbeiters, eines Seemanns und einer Frau stehen für Kraft, Fleiß und Fürsorge, die Tugenden des Unternehmens.